Morgenandacht, 11.01.2022

von Schwester Aurelia Spendel, Augsburg

Hauptsache

Gekrönte Häupter sind etwas Besonderes – high society, die oberen Zehntausend. Als Lichtgestalten schwirren sie durch Klatschpresse und soziale Medien.

Für den einen und die andere leuchten sie unerreichbar am Himmel ihrer Sehnsucht über der Tristesse eines fast immer gleichen, ereignislosen Alltags. Und es stimmt ja auch: Glanz und Glitter, Traumhochzeiten und prachtvolle Paläste erheben über die Niederungen, in denen wir als „normale“ Menschen hausen.

Prinzessin sein, als edler Ritter kämpfen – niemand möchte als Aschenputtel oder als Nobody enden. Dann sich schon lieber in ein Märchen hineinträumen.

Allerdings gibt es aktuell fast acht Milliarden Menschen auf der Welt. Im Angesicht dieser Zahl wird deutlich: Nur für den allerkleinsten Teil wird das etwas werden mit dem Prinzessinnendasein, mit Glanz und Glamour.

Menschen sind aber trotzdem darauf angewiesen, etwas Besonderes sein zu dürfen. Um seelisch stabil zu werden, sind wir von Kindesbeinen an darauf angewiesen, uns als einmalig und als liebenswert zu erfahren, als wertvoll und unersetzlich.

So muss also für jeden und jede etwas werden aus dieser Hoffnung des Besonderen, soll dieses urmenschliche Bedürfnis nicht folgenschwer ins Leere laufen, ziellos und als vergeudetes Kapital.

In einem Berliner Schreibwarenladen fand ich eine Karte, die es inzwischen in unzähligen grafischen Variationen gibt:

„Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen!“

Hinfallen, aufstehen, weitergehen. Diese drei Wörter sind alltagstauglich verwertbar, moralisch brauchbar und pädagogisch sinnvoll. Aber das „Krone richten“?

Für mich ist „Krone richten“ eine radikal menschengerechte und seelenstärkende Ermutigung: Was auch immer dich zu Boden gehen lässt - Du trägst auch im Scheitern eine Krone.

Du bist kein Hinfaller, keine Versagerin, kein ungeschicktes Trampel, das über die eigenen Füße stolpert und über das kleinste Hindernis ins Straucheln gerät. Du bist königlich.

Trage den Kopf hoch, aber nicht die Nase. Schau dem Leben, nach dem Unglück, wieder mutig in die Augen, auch mit deinen Blessuren. Denn du bist nicht dafür geschaffen, am Boden kleben zu bleiben.

Und übrigens: Niemand hat das Recht, dich unter seine Füße in den Dreck zu zwingen. Auch das gehört für mich in den Kontext des „Krone richten“.

Solche Mut machende Haltung finde ich nicht nur bei wohlwollenden Freundinnen und Freunden. Ich kenne diesen Ton, diesen Klang der Worte noch aus einem anderen Zusammenhang.

In meiner Seele nehme ich eine Stimme wahr, die von aus ferner Zeit zu mir spricht. Da war ein Mensch, der die Erniedrigung aus eigener Erfahrung kannte, und aus der von Menschen, die seinen Lebensweg kreuzten.

Ich lese diese Geschichten, die von Generation zu Generation durch die Jahrtausende weitergegeben wurden als kostbares, verstörendes, leicht zu überhörendes, aber unzerstörbares Erbe. Sonntag für Sonntag höre ich dieser Stimme zu.

„Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen!“

Das ist die moderne Version der Rede des Jesus von Nazareth und seiner Jüngerinnen und Jünger seit 2000 Jahren. Das Evangelium vom Fallen und Aufstehen, vom Scheitern und vom unzerstörbaren Leben – und der Text dieser Karte aus dem Berliner Schreibwarenladen. Sie sind beide eingeschrieben in mein Lebensbuch. Ich möchte sie nicht mehr missen.


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Dieser Beitrag wurde am 11.01.2022 gesendet.


Über die Autorin Sr. Aurelia Spendel OP

Sr. Aurelia Spendel OP, Dr. theol., wurde 1951 geboren. Sie ist Dominikanerin und lebt in Augsburg.

Kontakt: 
aurelia.spendel@t-online.de  

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