Morgenandacht, 10.01.2022

von Schwester Aurelia Spendel, Augsburg

Die Suche nach dem Geheimnis – nach Gott

Manchmal frage ich mich:

„Himmel, warum stehe ich jetzt hier?“

Ich wollte etwas holen – aus der Küche, aus meinem Büro oder ein Handwerkszeug für die Arbeit im Garten – und habe schlicht und einfach vergessen, was ich suchte. Alltag eben in einem ausgefüllten Leben, in dem manchmal tausend Dinge durch meinen Kopf schwirren und mich ablenken vom Naheliegenden.

Was suche ich, jetzt, hier, konkret an diesem Ort? Das ist die eine Frage.
Die andere, tiefgründigere, passt für mich wie ein Zwilling dazu: Was suche ich grundsätzlich, seitdem ich weiß, was suchen ist?

Alle Menschenkinder suchen vom ersten Atemzug an: die Brust der Mutter, um zu überleben; das Gleichgewicht bei den ersten Schritten; das Gesicht eines Menschen, bei dem man sich geborgen fühlt; Orientierung auf dem Weg ins wachsende Leben und später das Abenteuer der großen weiten Welt.

„Himmel, warum stehe ich hier? Was suche ich?“

Das ist auch eine zutiefst spirituelle Frage. Sie macht mir deutlich, dass ich über nichts endgültig verfüge. Keine noch so fundamentale Wirklichkeit ist selbstverständlich.

Jedes Leben ist und bleibt unfertig, ungesichert und offen. Das kann Angst einjagen, uns in ein emotionales und spirituelles Trudeln bringen. Was gibt mir Halt? Wem kann ich vertrauen? Wo muss ich vorsichtig sein, zurückhaltend?

Un-Wissen, Un-Sicherheit, Un-Glück, Un-Vernunft – lauter gefährliche Abgründe und Stolperfallen. Wenn ich auf sie hereinfalle, ist der Himmel weit weg. Ich falle herein auf Verführungen und Versprechen, die mich und mein Leben bedrohen oder verarmen lassen.

Und trotzdem: Die Suche nach dem, was ich will, was ich kann und muss, ist gleichermaßen anziehend wie frag-würdig.

Fällt etwas in mein Leben ein, das mir eine wesentliche Frage stellt, spüre ich: Dem musst du dich stellen. Jetzt musst du Antwort geben. Wenn sich mir etwas zeigt, das mehr Wahrheit und mehr Weite für mein Leben enthält, als ich momentan erlebe, kann ich nicht ausweichen. Was suche ich?

Aber wie finde ich den richtigen Zugang, mit dem ich mich und meine Lebensaufgaben entdecke?

Irgendwann fällt mir im Alltagssuchen in der Regel bald wieder ein, was ich wollte: Klar, den PC einschalten, nachschauen, wieweit der Hefeteig gediehen ist. Am schnellsten komme ich meiner verlorenen Absicht auf die Spur, wenn ich nichts tue.

Nur dastehen, den Blick schweifen lassen, es in mir arbeiten lassen. Und irgendwann ist da, was sich dann von allein auf den Weg macht, sich wie ein Kompass auf den Pol meines Suchens ausrichtet: auf den PC, auf den Hefeteig. Mein Gedächtnis funktioniert gut auch ohne mein Grübeln.

Diese geheimnisvolle Eigenständigkeit fasziniert mich, lässt mich staunen, im Kleinen wie im Großen. Das ist bei Fragen der Alltagskompetenz genauso wie bei denen meiner Seele.

Auch da gibt es etwas, wie einen inneren spirituellen Kompass, der sich – wenn ich ihm vertraue – ausrichtet auf das Geheimnis meiner Lebenskraft, auf etwas, das wie aus einer Quelle Weisheit und Entschiedenheit in mir fließen lässt, Vertrauen und Offenheit.

Für die christliche Tradition ist eine solche Erfahrung ein Hinweis auf die fundamentale Quelle allen Lebens, auf Gott. Er ist das Geheimnis, das mir eine Antwort auf mein Suchen eröffnen will.

„Himmel, warum stehe ich jetzt hier?“

Diese Frage ist nicht aussichtslos; sie hat etwas im Blick, das da ist. Etwas, das mit mir ist und bei mir bleibt.


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Dieser Beitrag wurde am 10.01.2022 gesendet.


Über die Autorin Sr. Aurelia Spendel OP

Sr. Aurelia Spendel OP, Dr. theol., wurde 1951 geboren. Sie ist Dominikanerin und lebt in Augsburg.

Kontakt: 
aurelia.spendel@t-online.de  

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