Am Sonntagmorgen, 09.01.2022

von Harald Schwillus, Halle/Saale

„Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor Dir auf.“ Vom Geheimnis des Weihrauchs

Als die drei Weisen aus dem Morgenland das Christuskind in der Krippe besuchten, brachten sie ihm neben Gold und Myrrhe auch Weihrauch mit. Weihrauch wird noch heute oft in Gottesdiensten genutzt. Es ist ein uraltes Kulturprodukt und erfährt eine moderne Wiederentdeckung.

© Ron Lach / Pexels

Weihrauch ist voll im Trend! So würde es vielleicht mein Firmpatensohn formulieren. Lange Zeit wurden mit dem Weihrauch vor allem Rauchschwaden im Gottesdienst einschließlich Hustenanfällen verbunden – das hat sich geändert. Das Weihrauchharz gilt mittlerweile auch als Naturheilmittel. 

In der Kultur- und Religionsgeschichte ist der Weihrauch jedoch schon lange von Bedeutung: So erzählt auch das Matthäusevangelium der Bibel davon, dass Sterndeuter, weise Männer, aus dem Morgenland, dem neugeborenen Jesuskind in Bethlehem neben Gold und Myrrhe auch Weihrauch zum Geschenk machten.

Der Dreikönigstag am 6. Januar hat darin seinen Ursprung. Der Weihrauch gibt diesem Feiertag noch einmal eine weihnachtliche Stimmung und symbolisiert die Verehrung und Anbetung des neugeborenen Jesus – denn, so steht es im Psalm 141:

„Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor Dir auf.“ 

Nicht nur in der Kirche beliebt

Wie ‚trendy‘ Weihrauch jedoch derzeit auch über den Gottesdienst hinaus ist, ist mir in diesem Sommer aufgefallen, als ich im Zisterzienserinnenkloster Lichtenthal bei Baden-Baden im Klosterladen war. 

Das Angebot an unterschiedlichen Weihrauchsorten – und auch an Spezialgefäßen für deren fachgerechte Verbrennung – hat mich beeindruckt.

Eine reiche Auswahl unterschiedlich gestalteter Weihrauchkessel gab es da. Kein Vergleich mit dem übersichtlichen Sortiment, das dafür noch vor wenigen Jahren existierte. Und ich konnte nicht widerstehen!

Ich habe ein innovatives Set gekauft, bei dem für das Verbrennen von Weihrauch keine Kohle mehr nötig ist. Ein Teelicht genügt!

Weihrauch – ein uraltes Kulturprodukt und eine moderne Wiederentdeckung. Ich lade Sie ein, in der folgenden Viertelstunde mehr von der Faszination des Weihrauchs zu erfahren.

Lange Tradition

Weihrauch ist seit vielen Jahrhunderten ein unverzichtbarer Bestandteil des katholischen Gottesdienstes.

Das hat eine lange Tradition. Verbrannt und geräuchert wurde in vielen Kulten und Kulturen des Alten Orients und der griechisch-römischen Antike. Dabei verbrannte man neben anderen Bestandteilen auch Weihrauch. Michael Pfeifer hat dies in seinem Buch „Der Weihrauch“ beschrieben:

„Überall im Alten Orient gehörten Duftstoffe zum Alltag und Räucherwerk zum Kult. Es lässt sich eine unüberschaubare Vielzahl von Belegen hierfür beibringen. […] Nicht überraschend ist die Weihrauchverwendung im Ursprungsland des Harzes, in Südarabien. Die kultische Nutzung lässt sich […] aufgrund archäologischer Funde nachzeichnen. Räucherkästchen mit Inschriften markieren die wichtige Rolle des Räucheropfers vor allem auch im häuslichen Kult. Andererseits wurden auf den zu exportierenden Weihrauch Zölle erhoben, die in Gestalt des Zehnts der Ware bei den Tempeln entrichtet werden mussten. Es ist daher anzunehmen, dass auch in altsüdarabischen Göttertempeln Weihrauch in nicht geringen Mengen verbrannt wurde. Frühere Zeugnisse noch erhält man aus Ägypten. Bereits seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. sind archäologische […] Zeugnisse erhalten. Dort kam dem Weihrauch eine außergewöhnliche Rolle zu. Nicht nur, dass es kaum eine kultische Handlung gab, bei der kein Rauchwerk verbrannt wurde, der Weihrauch war Zeichen der Offenbarung der Gottheit, mehr noch, sein Duft verkörperte sie selbst.“[i]

Damit wird deutlich: Im Alten Orient weist der Weihrauch immer auf etwas Geheimnisvolles hin, auf etwas Göttliches – oder auch im Verständnis Israels – auf Gott selbst.

Auf den Altären der Religionen und auf den häuslichen Räucherpfannen der alten Welt verbrannten die Menschen viele wohlriechende Substanzen – zum Ruhme eines Gottes oder einer Göttin – aber auch zum Überdecken von unangenehmen Gerüchen und Ausdünstungen.

Warum Weihrauch für das Christkuskind?

Wenn dabei echter Weihrauch genutzt wurde, konnte das schon ins Geld gehen. Dieser echte Weihrauch stammt von Boswellia-Bäumen, die ganz besondere klimatische Bedingungen benötigen. Dazu noch einmal Michael Pfeifer:

„Weihrauchgebende Boswellia-Arten wachsen nur in einer durch Temperatur und Niederschlagsmenge eng umgrenzten Region. Außer am Horn von Afrika […] und Indien findet man sie vor allem in Südarabien, in den Küstenregionen Jemens und Omans. [Diese…] Regionen […] liegen im Juli und August unter Einfluss monsunaler Strömungen, deren feuchte Luftmassen sich an den Hängen des hinter der Küstenebene gelegenen Höhenzugs abregnen. […] Aufgrund der trockenen Böden stehen die Bäume meist weit, oft mehrere hundert Meter auseinander. Dabei bilden sie breite und flache Wurzeln aus, da die Eindringtiefe des spärlichen Regenwassers in sandigen Böden gering ist. Dichter gedeihen sie an den Hängen der Wadis, an denen durch den Einbruch des Wadibettes die mineralhaltigen Sedimentschichten terrassenartig freiliegen. Dort wird […] Weihrauch höchster Qualität geerntet.“[ii]

Bester Weihrauch ist eines der wertvollen Geschenke, die die Weisen im Matthäusevangelium dem neugeborenen Jesus bringen. Diese Weisen haben das Geheimnis entdeckt, das mit dem Kind in der Krippe für Christinnen und Christen verbunden ist: Es ist der Messias, der menschgewordene Gott selbst.

Und so sind auch die Geschenke der Weisen voller Symbolik: Gold für Jesus den König, Myrrhe für den am Kreuz leidenden Menschensohn und Weihrauch für den menschgewordenen Gott.

Spätere Legenden erhöhten die Bedeutung der Weisen immer mehr: So wurden sie zu drei heiligen Königen gemacht – und damit zu hochrangigen Vertretern der Völker aller Welt, die zum wahren Gott pilgern.

Im Zusammenhang damit rückte auch das Weihrauchgeschenk in ein neues Licht: So stamme jener Sterndeuter, jener König, der diese Gabe nach Bethlehem gebracht habe, aus dem Anbaugebiet des Weihrauchbaums, aus dem Süden der arabischen Halbinsel. Und alle Drei Heiligen Könige seien nach ihrem Tode auch dort begraben worden.

Weihrauch als Zeichen für Götzendienst

Trotz dieser Bedeutung des Weihrauchs in der Kindheitsgeschichte des Matthäusevangeliums konnte sich das frühe Christentum mit seinem Gebrauch zunächst nicht recht anfreunden.

Das hat vielerlei Gründe. So hatte der Weihrauch bereits einen festen Platz in Kult und Verehrung der Götter Roms und Griechenlands. Und eine besondere Bedeutung erhielt das Weihrauchopfer dann auch noch während der Christenverfolgungen durch den römischen Staat.

Die junge Kirche wurde verdächtigt, eine staatsgefährdende Ideologie zu sein, da sie nicht bereit war, die Götter Roms zu verehren. Diese mussten jedoch gnädig gestimmt werden, damit sie das Römische Reich beschützten.

Rom verlangte nun einen Loyalitätsbeweis der Einwohner des Reichs – und dies insbesondere auch für den als Gott angesehenen Kaiser: Dazu reichte es aus, vor Zeugen einige Weihrauchkörner als Gebet und Huldigung zu verbrennen. 

Für Christinnen und Christen war dies eine Aufforderung zu Glaubensabfall und Götzendienst. Wer sich aber diesem Ritual verweigerte, musste mit harten Konsequenzen rechnen – bis hin zur Hinrichtung.

Weihrauch wird zur Opfergabe

Doch gab es auch noch andere religiöse Gründe für die Zurückhaltung der frühen Christenheit gegenüber dem Weihrauchopfer. Diese Zurückhaltung stand in einer langen Tradition, die mit den Propheten des Alten Testaments der Bibel verbunden ist.

So weisen diese Israel immer wieder darauf hin, dass Gott keine Opferrituale fordere, sondern dass das wahre Opfer in einer Lebensführung bestehe, die sich der Verantwortung vor Gott und seiner Welt bewusst ist.

Das frühe Christentum übernahm diese Haltung und so findet sich bei den Theologen jener Zeit immer wieder eine gewisse Reserviertheit gegenüber dem Weihrauchopfer und ähnlichen Kulthandlungen. Zu Beginn des 3. Jahrhunderts hat Clemens von Alexandrien dies so formuliert:

„Wie soll ich also dem Herrn opfern? ‚Ein Opfer für den Herrn‘, so heißt es, ‚ist ein zerknirschtes Herz.‘ Wie soll ich [ihn] also bekränzen oder mit Salbe bestreichen? Oder was soll ich dem Herrn als Rauchopfer anzünden? ‚Ein Duft des Wohlgeruchs‘, so heißt es, ‚ist für Gott ein Herz, das seinen Schöpfer preist.‘ Solches sind Kränze und Opfer und Wohlgerüche und Blumen für Gott.“[iii]

Als das Christentum seit dem 4. Jahrhundert jedoch immer mehr zu einer staatlich geförderten und dann schließlich gar zur Staatsreligion des Römischen Reiches wurde, nahm auch die Feierlichkeit des christlichen Gottesdienstes zu.

Weihrauch als symbolisches Gebet und zugleich als Würdezeichen für Bischöfe und hohe Geistliche gehörte dann mehr und mehr einfach dazu. Bis heute darf er bei feierlichen katholischen Gottesdiensten nicht fehlen.

Weihrauch ist aus dem Gottesdienst der katholischen Kirche nicht wegzudenken. Wenn die Weihrauchfässer geschwenkt werden und sich der Geruch des verbrennenden Harzes im Kirchenraum ausbreitet, entsteht eine ganz besondere Atmosphäre.

Hoffnung und Heilung

Die Gebete der Gläubigen steigen dann gewissermaßen symbolisch wie ein Rauchopfer auf und bitten und hoffen auf Heil und Heilung.

Seit einiger Zeit wird Weihrauch nicht nur geistlich oder symbolisch mit Heilung in Verbindung gebracht – seine Wirkung ist auch Thema in der modernen medizinischen Forschung.

So enthält Weihrauch u.a. Boswellia-Säuren, denen eine entzündungshemmende Wirkung nachgesagt wird – insbesondere bei chronischen Erkrankungen. 

Weihrauch habe dann eine ähnliche Wirkung wie Kortison, verursache jedoch weniger Nebenwirkungen. Hier könnten sich neue Therapien für die Behandlung von Multipler Sklerose, chronischer Arthrose, entzündlichen Hautkrankheiten oder Autoimmunkrankheiten ergeben.

Auch in der sogenannten alternativen Medizin und auch bei der Bewerbung von ayurvedisch inspirierten Nahrungsergänzungsmitteln sowie der Aromatherapie nimmt die Bedeutung des Weihrauchs zu.

Wo bleibt die Schöpfungsverantwortung?

All dies hat Auswirkungen auf die wirtschaftliche Nutzung der Weihrauchbäume. Diese werden wegen der steigenden Nachfrage – vor allem auch in Europa und Nordamerika – immer häufiger angezapft, um ihr Harz zu liefern. Ruhe- und Erholungszeiten für die Bäume werden immer kürzer. Dies könnte langfristig dazu führen, dass die Weihrauchbäume absterben.

Angesichts dieser Entwicklungen wird die schöne biblische Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland an der Krippe in Bethlehem auf einmal ganz konkret zu einer Frage von Schöpfungsverantwortung und Engagement für Nachhaltigkeit.

Ich werde meine Weihrauchpfanne weiterhin anzünden, doch dabei daran denken, dass dies nicht nur ein schönes Symbol für das Gebet ist, sondern auch eine Mahnung zu Schöpfungsverantwortung und Nachhaltigkeit sein kann.

Und es muss ja nicht immer und unbedingt reiner, echter‘ Weihrauch von Boswellia-Bäumen sein. Andere Mischungen duften auch wunderbar. Und – statt einer glühenden Kohle reicht für den Hausgebrauch auch ein Teelicht.

So steige mein Gebet zum Herrn auf und mahne mich an meine persönliche Verantwortung für seine Schöpfung!

Vielleicht gar kein so schlechter Vorsatz für das Jahr 2022!

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Amor Oriental – Kanun Taksim

Amor Oriental – Ud improvisation

Amor Oriental – Aria „Augelletti che cantante“

Amor Oriental – Tamburino from Alcina


[i] Michael Pfeifer: Der Weihrauch. Geschichte, Bedeutung, Verwendung, Regenburg ³2018, S. 23, [15 Zeilen]

[ii][ii] Ebd., S. 18. [15 Zeilen]

[iii] Clemens von Alexandrien: Paidagogos (Paedagogus), in: Des Clemens von Alexandreia ausgewählte Schriften. Aus dem Griechischen übers. von Otto Stählin. (Des Clemens von Alexandreia ausgewählte Schriften Bd. 1; Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 7) Kempten/München, 1934, III/12/4 [5 Zeilen], https://bkv.unifr.ch/de/works/155/versions/174/divisions/107592


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Dieser Beitrag wurde am 09.01.2022 gesendet.


Über den Autor Harald Schwillus

Harald Schwillus, geboren 1962, ist seit 2005 Professor für katholische Religionspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Kontakt
Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Franckeplatz 1/Haus 31
06110 Halle (Saale)
harald.schwillus@kaththeol.uni-halle.de

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