Gottesdienst am 2. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche St. Kilian in Letmathe

Predigt von Pfarrer Frank-Dietmar Niemeier

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Schwestern und Brüder,

in den Tagen „zwischen den Jahren“, wie der Volksmund so sagt, traf ich in unserer Pfarrkirche St. Kilian kurz vor dem Mittagsgebet vier junge Leute, von denen zwei Instrumentenkästen trugen. Ich grüßte sie und fragte, was sie denn vorhätten.

„Wir wollten einmal hören, wie unsere Instrumente in der Kirche klingen, und schauen, wo die Musiker sitzen können!“,

war die Antwort des jungen Herrn, der von drei Damen begleitet wurde.

„Bei welcher Gelegenheit? “,

fragte ich vorsichtig. Er zeigte auf eine der Frauen und sagte:

„Na, wir heiraten doch!“,

als wolle er mich an etwas längst Ausgemachtes erinnern.

„Sie? Wann?“,

fragte ich.

„Na, am 9. Juli!“

„Ach du lieber Gott, ja, da haben Sie ja noch ein paar Tage Zeit! Aber probieren Sie es gleich ruhig einmal aus, wie´s klingt.“

Danach ging ich schmunzelnd weg.

So oder ähnlich ist das heute oft. Mit großen Erwartungen an den „Tag ihres Lebens“ planen junge Paare ihre Hochzeit und der Rahmen ist ihnen sehr wichtig. Schließlich waren sie selbst auf Hochzeiten und wissen, wie sie ihre Feier gestalten möchten. Manche engagieren dafür sogar ein Unternehmen, das mit ihnen plant und am liebsten auch beim Gespräch mit dem Pfarrer vertreten wäre. Denn das steht auch auf der To-do-Liste des Unternehmens.

Und dann sind da bei der Feier Sänger und Musiker, die ihr Bestes geben. Ab und an legen sie nach der Feier auf den Ankleidetisch in der Sakristei ein kleines Kärtchen – verbunden mit den Worten:

„Empfehlen Sie uns gerne weiter.“

Schließlich ist ja auch der Pfarrer ein Hochzeitsplaner!

Auch die Szenerie vor der Kirche und der Ablauf in der Lokalität sind geplant. Das Menu wird lange im Voraus besprochen und getestet. Da darf möglichst nichts schief gehen, da will man sich nicht blamieren, weil ja schließlich auch verglichen wird. Da könnte man ansonsten schnell in Verlegenheit kommen!

Neu ist das alles sicher nicht, aber manchmal habe ich den Verdacht, dass die angestrebte Perfektion die Anspannung erhöht und der Feier ihre Unbeschwertheit, Leichtigkeit und natürliche Freude nimmt. Ich rate den Brautpaaren deshalb, sich möglichst auf ihr Vermählungswort zu konzentrieren und sich darüber zu freuen, dass die gegenseitige Annahme von Mann und Frau auch durch die zugesagte Fürsorge Gottes begleitet wird und dass Gäste da sind, denen nichts so wichtig ist wie das Brautpaar und dieser Moment der Vermählung.

Ob da vor der Hochzeit zu Kana, von der uns das heutige Evangelium berichtet, auch so viel Aufregung und Planung war? Wahrscheinlich ist das, denn eine Hochzeit im Orient dauerte oft mehrere Tage. Aber das Brautpaar hatte sich verplant und war trotz langfristiger Vorüberlegungen arg in Bedrängnis geraten, als das wichtigste Getränk ihrer Feier ausging: der Wein! Die Mutter Jesu hatte eher als er selbst gemerkt, dass da etwas nicht stimmte. Vielleicht hatten einige Gäste schon längst ausgetrunken und drehten nun am leeren Glas oder die Diener hatten mit dem Bräutigam getuschelt. Der Mutter Jesu ging diese Sorge des Brautpaares offenbar zu Herzen.

Scheinbar absichtslos, aber zweifellos doch mit wohlmeinenden Hintergedanken der ihr eigenen Fürsorge und Hilfsbereitschaft sagt Maria in diese Situation hinein zu ihrem Sohn den schlichten Satz:

„Sie haben keinen Wein mehr!“

Obwohl nur eine reine Sachaussage hat dieser Satz einen klaren Appellcharakter: Jesus soll etwas tun, er, der doch auch nur Gast dieser Feier ist, weder der Ausrichter noch der Kellermeister.

Maria vertraut Jesus, ohne weitere Worte, dieses Verlegenheitsproblem an. Und Jesus gibt einen in wörtlicher Übersetzung rätselhaft klingenden Satz zur Antwort:

„Was mir und dir Frau? Noch ist nicht gekommen meine Stunde!“

Das mag meinen: Was geschieht hier zwischen dir und mir? Was erwartest du? Meine Stunde, die Stunde, in der ich das große Weinwunder im Paschamahl wirke, ist noch nicht gekommen! Keine weitere Erwiderung, doch Maria vertraut sicher darauf, dass alles nur gut werden kann, wenn es Jesus übergeben wird.

„Was immer er euch sagt, das tut!“,

lautet ihre selbstsichere Anweisung an die Diener.

Und Jesus wirkt sein erstes Wunder auf dieser Hochzeit von Kana in Galiläa! Er verwandelt Wasser zu Wein. Er rettet die Situation, in die die Brautleute gekommen waren. Er macht Unbeschwertheit und Freude wieder möglich in dieser Gemeinschaft von Menschen, die die Liebe und Annahme von Mann und Frau feiern! Das ist vordergründig das Wunder, aber das hätte ja vielleicht auch jemand bewirken können, der rasch zum Weinhändler gefahren wäre.

War das wirklich der einzige Sinn dieser Wundertat, oder dürfen wir da eine tiefere Bedeutung vermuten?

Der frühere Bischof von Graz-Seckau Egon Kapellari hat das Wort Mariens einmal in folgender Weise ausgelegt:

„Was er euch sagt, das tut. Dieses Wort wäre missverstanden, wenn man glauben würde, es sei nur gesagt worden, um einen Regiefehler bei einer Hochzeitsfeier reparieren zu helfen, bei welcher den Feiernden der Wein ausgegangen war. Es ist ein Wort mit vielen Bedeutungsschichten. In Kana war den Menschen der Wein ausgegangen, der Wein, der in der Heiligen Schrift ein Symbol für Lebenssinn und Glaubenskraft ist. Immer wieder ist seither Menschen im übertragenen Sinn der Wein ausgegangen, nicht als Getränk, sondern als spirituelle Kraft, als Lebensenergie, Lebenssinn, als Glaubenskraft. Die Frage nach Quellen neuer Kraft lautet dann: Wohin sollen wir uns wenden mit unseren leeren Brunnen, Fässern und Zisternen? Dieser Ratlosigkeit begegnet – für den einzelnen wie für die Gemeinschaft der Kirche – das Wort, das Maria spricht: Was er euch sagt, das tut!“

Wir kennen, liebe Schwestern und Brüder, auch in unserem Leben die Stunden, in denen der „Wein der Lebensfreude und Lebenskraft“ ausgegangen ist. Es sind Momente, in denen wir – gefühlt – Rückschläge und Enttäuschungen erfahren haben, obwohl wir alles für uns so gut geplant hatten. Da traten Ereignisse in unser Leben, die – man sagt das heute manchmal – wie ein „Tsunami“ gewirkt haben, als hätten sie uns den Boden unter den Füßen wegrissen und eine Wüste der Traurigkeit hinterlassen. Der Verlust eines lieben Menschen, der Verlust der Gesundheit, der körperlichen Kraft, der Verlust von Freundschaften, des Arbeitsplatzes, der existenziellen Grundlagen. Die Sorge um die Zukunft. Das alles zehrt an Lebens- und Glaubenskraft.

Solche Stunden kommen immer wieder. Sie bleiben uns im unvollendeten Leben nicht erspart. Aber das Wunder von Kana schenkt Hoffnung und Vertrauen. Das Wunder des Wassers, das sich in Wein verwandelt, ist ein Zeichen für die verwandelnde Liebe Gottes. Es findet sich darin die tiefere Botschaft, dass Gott uns in diesen Sorgen und Verlusten immer schon mit barmherziger Liebe entgegenkommt.

Benedikt XVI. sagt es in seinem großen Werk „Jesus von Nazareth“ mit Blick auf das Wunder von Kana so:

„Dem eigenen Mühen der Menschen geht nun die Gabe Gottes entgegen, der sich selber schenkt und damit das Fest der Freude schafft. Wie Jesus, auf die Bitte der Mutter hin, seine Stunde zeichenhaft vorwegnimmt und zugleich auf diese verweist, so geschieht es in der Eucharistie stets neu: Auf das Beten der Kirche hin, kommt der Herr schon jetzt, hält schon Hochzeit mit uns und zieht uns damit zugleich aus unserer Zeit heraus, voraus auf seine Stunde zu.“

Liebe Schwestern und Brüder,

„Jesus offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn“,

heißt es am Ende des heutigen Evangeliums. Ich wünsche Ihnen und mir, dass uns in allen persönlichen Vorhaben und den Sorgen der Zeit immer die Gnade des Glaubens zuvorkommen möge, damit wir die Feier der Eucharistie – Wort und Sakrament – als die Gabe Gottes, als Kraftquelle des Lebens erfahren. Dann ist Hochzeit, denn die Eucharistie hat die Kraft, all unsere Not wieder in Freude zu verwandeln.

Amen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 16.01.2022 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche