Wort zum Tage, 06.01.2022

Andreas Brauns, Schellerten

Endlich angekommen

Die Geschichte klingt unglaublich: Da folgen Männer einem Stern. So ist es nachzulesen in der Bibel im Evangelium des Matthäus. Die Männer gelten als weise, als Sterndeuter. Ihre Namen werden nicht erwähnt.

Die bekommen sie erst viel später als sie in der Tradition zu drei Königen werden. Und noch heute schlüpfen Kinder in die Rollen dieser drei Könige, in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Fest der „Heiligen drei Könige“, heute, am 6. Januar.

Die kleinen Könige erinnern an die Geschichte aus der Bibel, sie schreiben einen Segen an die Türen und bitten um eine Spende für Kinder in bitterer Armut.

Wie gesagt, in der Bibel ist von Königen keine Rede. Da folgen Männer einem Stern. Sie sind überzeugt davon: Dieser Stern kündigt etwas Großartiges an - die Geburt eines neuen Königs der Juden! Und diesen König wollen sie begrüßen. Soll er doch ein besonderer König sein.

Die Männer folgen dem Stern bis nach Betlehem. Was sie dort sehen, muss sie allerdings mehr als nur irritiert haben. Denn sie finden das Kind nicht etwa in einem Palast, wie es sich für einen neugeborenen König gehören würde, sondern eben in einer Futterkrippe, in einem Stall.

Ob den weisen Männern Zweifel kamen? Oder waren sie sich ihrer Sache sicher, weil sie dem Stern vertraut haben? In der Bibel heißt es nur:

„Als sie den Stern sahen, wurden sie mit großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus, fielen nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor…“

(Mt 2,10f)

Es klingt unglaublich. Hier kehrt sich die gesamte Ordnung der Dinge um. Das Entscheidende ereignet sich nicht in einem Palast, nicht in einem Tempel. Nein, irgendwo fernab davon. Und Gott setzt sich in Jesus über alle Bilder hinweg, die Menschen sich von ihm gemacht haben.

Und wenn ihm zur Ehre auch große Kathedralen errichtet wurden, da ist bis heute die Ahnung: Gott ist ganz anders. Menschen staunen, wenn sie vor der Krippe stehen - neben den Hirten und den Sterndeutern, den Königen.

Doch der Alltag ist allmächtig. Und wo kämen wir hin, wenn die gesamte Ordnung der Dinge sich umkehren würde? Wenn die ach so wichtigen Grenzen von heute schon morgen keine Rolle mehr spielen? Die Grenzen der Religion, der Tradition, der Sprache und des Milieus… Dann wäre alles anders. Unmöglich? Warum?

Für Gott ist nichts unmöglich, so ein unbequemes Bibelwort, das eigentlich sagt: Mensch, gewöhn dich an anders. Gewöhn dich daran, nicht alte Grenzen zu verteidigen, die andere ausschließen. Gewöhn dich lieber heute als morgen daran, die Grenzen einzureißen, damit du mit anderen leben kannst.

Wären die Weisen im Morgenland traditionellen Vorstellungen gefolgt, wären sie vermutlich nie in Betlehem angekommen.


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Dieser Beitrag wurde am 06.01.2022 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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