Wort zum Tage, 04.01.2022

Andreas Brauns, Schellerten

Steht der Baum noch?

Zugegeben, er braucht ganz schön Platz im Wohnzimmer, der Weihnachtsbaum. Doch ich möchte ihn nicht missen. Jetzt jedenfalls noch nicht. Aber bei fast jedem Treffen kommt irgendwann die Frage:

„Steht euer Baum noch?“

Und wenn ich dann mit einem „Ja“ antworte, ist das Gespräch meist kurz unterbrochen. Damit es nicht zu peinlich wird, schiebe ich dann oft noch nach:

“Er sieht sogar noch gut aus!“

Aber Jahr für Jahr beschleicht mich der Verdacht: Wir sind die Letzten, die sich trennen können von ihrem Baum. Es ist fast noch wie früher, als die Kinder sich dagegen gewehrt haben, wenn der Baum Mitte Januar aus dem Haus sollte.

Für mich ist der Baum - von Kindesbeinen an - ein Begleiter beim Übergang ins Neue Jahr. Einen Jahreswechsel ohne Christbaum und Krippe kann ich mir nicht vorstellen. Wenn etwas Neues kommt und Unbekanntes beginnt, beruhigt es, Vertrautes um sich zu haben. Alle Jahre wieder.

Das warme Licht der Kerzen tut gut, ich komme zur Ruhe. Und dann fällt mein Blick auf die Krippe: Die Geburtsszene: Jesus wird im Stall bei Betlehem geboren. Alles andere als ein Idyll. Mehr ein Skandal, über den alle noch so süßlichen Weihnachtslieder nicht hinwegtäuschen können: Die Geburt im Stall oder in der Höhle. In der Bibel heißt es nur:

„In der Herberge war kein Platz.“

Später ist kein Platz für Jesus in seinem Dorf. Die Leute in Nazareth wollen mit ihm nichts zu tun haben, sie wollen ihn sogar töten… Denn er provoziert, wenn er behauptet:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir, er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe…“

(Lk 4,18)

Die Leute sind außer sich, denn wie kann der Sohn eines Zimmermanns so etwas behaupten? Gott in Nazareth? Unvorstellbar!

Ja, unvorstellbar für alle, die sich ein Bild von ihm gemacht haben. Also ein Gott nicht von oben herab, sondern mitten unter den Menschen? Ist das möglich? Gott sichtbar in einem Menschen? Handelt er hier in seinem Sohn – ganz unten?

Jesus geht auf die Frauen und Männer zu, die diskriminiert werden. Den Randsiedlern der Gesellschaft bringt er die frohe Botschaft, dass die neue Welt Gottes beginnt.

Jetzt: Wenn Menschen nicht mehr an sich selbst festkleben, sondern uneigennützig da sind für andere. Einen Anfang wagen, weil sie darauf vertrauen: Gott ist da, hier in meinem ganz banalen Alltag.

Ja, Gott ist da. Darauf vertraue ich bei jedem Blick auf den Baum und die darunter stehende Krippe am Beginn eines neuen Jahres. Gott ist da - im Kind im Stall.

Wer einmal ein kleines Kind im Arm gehalten hat, weiß, wie es verzaubern kann, weil es eine ganz besondere Nähe schenkt, in der sich im Geschöpf der Schöpfer zeigt.


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Dieser Beitrag wurde am 04.01.2022 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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