Gottesdienst am 2. Sonntag nach Weihnachten

aus der Pfarrkirche Allerheiligen in Nürnberg

Predigt von Pfarrer Rainer Gast

Liebe Schwestern und Brüder hier in der Kirche und an den Rundfunkgeräten,

erinnern sie sich noch? Am 1. Weihnachtsfeiertag haben wir dasselbe Evangelium gehört wie heute am 2. Sonntag nach Weihnachten. Obwohl dieser Text des Evangelisten Johannes nicht gerade leichte Kost ist, wird er uns in der Weihnachtszeit gleich zweimal zugemutet. Viel schöner wäre es doch, wenn wir die uns so vertraute Weihnachtsgeschichte nach Lukas hören würden:

„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl….“.

Der Johannestext hingegen:

„Im Anfang war das Wort…“

Ein nüchternes Weihnachtsevangelium, das uns irgendwie fremd bleibt im weihnachtlichen Geschehen, wie wir es seit Kindertagen kennen und mögen. Doch eine Predigt, mag sie auch zu einem noch so schwierigen Text gehalten werden, sollte nicht ratlos zurücklassen – nicht den, der predigt und schon gar nicht Sie, die Sie heute hier sind und zuhören auch an den Rundfunkgeräten. Ich möchte sie einladen, sich auf das heutige Evangelium erneut einzulassen.  

Obwohl im gesamten Evangelium nicht ein einziges Mal das Wort „Liebe“ steht,so könnten wir das Evangelium mit einer Deutung beginnen lassen, die es uns erleichtert, in das Evangelium einzutauchen:

„Im Anfang war die Liebe.“

Am Beginn der Schöpfung stand die Liebe Gottes genauso wie am Beginn seiner Menschwerdung an Weihnachten. Weihnachten ist die Liebesgeschichte Gottes mit uns, seinen Menschen. Der Evangelist Johannes unterstreicht diesen Gedanken an einer anderen Stelle in seinem Evangelium, wenn er schreibt:

„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“

Gott also liebt die Welt so sehr, dass er sich selbst zum Geschenk macht. So groß ist die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, dass daraus ein Kind erwächst. Die Weihnachtsgeschichte als die Geschichte einer Liebe, die Geschichte einer Beziehung, der Liebesbeziehung zwischen Gott und uns, seinen Menschen.

Können wir das glauben? Können wir glauben, dass diese Welt mit ihren Menschen geliebt wird? Ein Blick in die täglichen Nachrichten kann einen zweifeln lassen: Krieg und Terror, getötete Kinder, Hunger und Not, Katastrophen, Hass und Gewalt, Spaltung und Zwietracht. Wie soll man eine solche Welt lieben?

Weil sie es notwendig braucht. Die Welt braucht Liebe. Weil sie in ihrem ganzen Schmerz nur durch Liebe erreicht werden kann. Weil diese Welt jemanden braucht, der sie in den Arm nimmt; der nicht über das Leid hinwegsieht, sondern mitleidet. Diese Welt braucht ganz viel Nähe und sie braucht eine starke Liebe, wie sie vielleicht nur Gott geben kann. Das Schöne, das Gelungene, das Glückliche zu lieben ist einfach.

Was Liebe aber wirklich bedeutet, zeigt sich erst, wenn die Welt ihre hässliche Seite zeigt, die kranke, die kaputte und die böse Seite. So sehr liebt Gott den ganzen Menschen mit all seinen Seiten und Facetten, dass er selbst ein Mensch wird. So groß denkt Gott vom Menschen, dass er selbst Mensch werden möchte. Er wird Mensch, damit wir menschlicher werden. In einem Kind, das uns anstrahlt, schenkt Gott uns seine Liebe, weil er fest daran glaubt, dass auch der Mensch lieben kann und damit das Böse überwunden wird. Dieses Angebot Gottes annehmen zu können, tut unheimlich gut gerade in diesen oft unversöhnten Tagen und Wochen.

Dass Gott die Liebe ist, erkennen wir aber nicht nur an Weihnachten. Weihnachten ist erst der Anfang. Die Liebe wird sich fortsetzen. Die Liebe wird konkret im Evangelium, das Jesus den Menschen verkünden wird. Menschen dürfen sich kraft der Liebe angenommen wissen. Menschen sind willkommen kraft der Liebe auch in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit. Und damit noch nicht genug. Das Kind von Bethlehem wird am Kreuz in Jerusalem sterben. Doch die Liebe wird sich stärker erweisen als der Tod. Die Liebe wird ihn zum Leben erwecken.

Gott wird Mensch aus Liebe zu uns Menschen. Er tut es mit dem Kind in der Krippe, das uns so anrührt. Er tut es mit Jesus aus Nazareth, der den Menschen die frohe Botschaft der Liebe verkündet.  Er tut es mit Jesus Christus, der durch seinen Tod und seine Auferstehung eine Perspektive eröffnet, die über den Tod hinausreicht.

Im Anfang war die Liebe und auch am Ende wird die Liebe sein.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 02.01.2022 gesendet.





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