Am Sonntagmorgen, 26.12.2021

von Corinna Mühlstedt, Freising  

Wenn Jesus am Vesuv geboren wird. Die Symbolik neapolitanischer Krippen

© Jeswin Thomas / Pexels

Venite fideli – kommt herbei, ihr Gläubigen… Wer in der Weihnachtszeit durch die Altstadt von Neapel bummelt, fühlt sich unwillkürlich auf den Spuren des alten Liedes, ja, auf dem Weg zum Jesuskind.

Alt und Jung schlendern dann durch die engen Gassen. Marktstände locken mit gebratenem Fisch und süßen Leckereien. Weihnachtsmusik erklingt. Und immer wieder verweilt man in Kirchen und Geschäften staunend vor kunstvollen Weihnachtskrippen.

Die Geburt Jesu bedeutet für mich jedes Jahr aufs Neue die Geburt unseres Glaubens. Für mich als Neapolitaner ist das der Sinn von Weihnachten. Eine Krippe ist wie ein Bild, eine Ikone. Das Zentrum der Darstellung ist ein Kind, von dem ein Licht ausgeht, das alles andere überstrahlt und allem einen Sinn gibt.

Antonio Cantone ist Krippenkünstler. Die zu Füßen des Vesuvs seit Jahrhunderten beheimatete Krippentradition ist weltberühmt. Schon Johann Wolfgang von Goethe berichtete 1787 fasziniert von seiner Italienreise:

„Die Krippen, die man in Neapel zu Weihnachten in allen Kirchen sieht, die Anbetung der Hirten, Engel und Könige darstellend, sind überaus reich gruppiert… und mit immergrünen Sträuchern geschmückt. Die Mutter Gottes, das Kind und sämtliche Umstehenden und Umschwebenden sind kostbar ausgeputzt… Was das Ganze aber unnachahmlich macht, ist der Hintergrund, der den Vesuv mit seiner Umgebung einfasst.“

Viele dieser Krippen entstanden sogar in königlichem Auftrag: Der im 18. Jahrhundert in Neapel regierende Bourbone Karl III. und seine Frau, die sächsische Prinzessin Maria Amelia förderten die Krippenkunst nachhaltig. Namhafte Künstler schufen für sie kostbare Figuren, die professionell in Szene gesetzt wurden. Die meisten sind in einer speziellen Technik gefertigt, erklärt der Historiker, Thomas Schindler:

„In Neapel sind die wesentlichen Teile der Figuren aus Ton gebrannt. Im Unterschied zu alpenländischen Krippen sind die Neapolitaner Krippen, was die Figuren angeht, größer, um die 38 cm hoch. Die unsichtbaren Teile, die durch Kleidung verdeckt werden, sitzen auf einem Drahtgestell, sodass man Körperhaltungen verändern konnte.“

Die Kostüme der Figuren wurden detailgetreu im Stil historischer Gewänder und Trachten gefertigt, wobei die Fantasie der Krippenbauer keine Grenzen kannte: sie zeigen höfische Zeremonien ebenso wie Teile des neapolitanischen Alltags. Nicht selten wird Jesus dann zwischen Märkten und Lokalen, Fischhändlern und Bettlern geboren. Zugleich spiegelt sich in den Gesichtern der meisten Figuren ein ehrfürchtiges Staunen.

„Es gibt hier knorrige Alte, es gibt junge Frauen, die Kinder stillen, es gibt hier die Katze, die beim Fischverkäufer den Fisch vom Tisch runter klaut, es gibt die Spelunke mit Betrunkenen drin… Es ist auch ausgesagt: Das Heilige, das Himmlische findet im Alltag statt, man sieht es nicht immer, aber es ist immer da.“

Nichts drückt das Geheimnis neapolitanischer Krippen treffender aus als ein Lied, das der Theologe Alfonso de´ Liguori im Neapel des 18. Jahrhundert populär machte. Es besagt, dass die Liebe Gottes an Weihnachten in jedem noch so unbedeutenden Teil der Welt spürbar wird: „Tu scendi dalle stelle“…

„Du steigst von den Sternen herab,
oh König des Himmels,
in Dunkelheit, Kälte und Not…“

Im Zentrum der neapolitanischen Altstadt liegt an der quirligen Geschäftsstraße Spaccanapoli der Konvent Santa Chiara. Zu seiner Einweihung im Jahr 1340 erhielten die hier lebenden Klarissen eine Krippe. Es war - so heißt es - die erste Krippe Neapels. Heute kann man zu Weihnachten in einer Seitenkapelle des Kreuzgangs von Santa Chiara eine eindrucksvolle Barockkrippe bestaunen:

Inmitten einer weiten Berglandschaft steht auf einer felsigen Anhöhe die Heilige Familie. Hirten und Könige mit Gefolge steigen zu ihr empor. - Das Wichtigste sei die Symbolik der Darstellung, meint die Historikerin Micaela Verto:

„Jede Krippe ist für uns in Neapel eine Botschaft, die uns sagt, dass Jesus wirklich hier, in unserem Leben geboren wird, nicht nur in Bethlehem im Jahre Null. Wir haben Tag für Tag die Wahl: wir können unser Leben gleichgültig weiter führen wie bisher, oder wir können es so machen wie die Könige und die anderen hier dargestellten Personen: wir können zu Jesus hinauf steigen und ihm in unserem Leben einen Platz geben.“

Die Krippe von Santa Chiara zeigt die Heilige Familie nicht - wie sonst oft üblich - in einem Stall oder einer Grotte. Der Künstler hat sie vielmehr in den Ruinen eines antiken Tempels platziert:

„Auch das hat tiefe symbolische Bedeutung: Es soll ausdrücken, dass durch die Geburt Jesu eine neue Religion, ja eine neue Ära kommt: die Zeit des Heidentums ist vorbei. Am Horizont sieht man daher einen Sonnenaufgang. Er signalisiert - auch im übertragenen Sinn - das Ende der Nacht, ja das Licht und das neue Leben, das jetzt beginnt.“

Von Santa Chiara aus ist es in Neapel nicht weit zur „Funicolare“, einer Drahtseilbahn, die auf den steilen Hügel Vomero hinauf fährt. Dort liegt die Certosa di San Martino: Das einstige Kloster wurde 1866 in ein staatliches Museum umgewandelt. In seinem Garten genießt man einen atemberaubenden Blick über den Golf von Neapel bis zum Vesuv. Der langjährige Präsident der neapolitanischen „Vereinigung der Krippenfreunde“, Prof. Antonio Fariello, kommt oft hierher:

„Das Museo di San Martino hat eine Krippen-Sammlung von unschätzbarem Wert. Zu ihr gehört eine prachtvolle Barockkrippe, die der Neapolitaner Michele Cucciniello im 19. Jahrhundert dem Museum vermachte. Von ihr sagt man hier: Sie ist die Übersetzung der Bibel in die Sprache Neapels!“

Über der malerischen Landschaft des Golfs von Neapel schweben in der Krippe Heerscharen von barocken Engeln auf die Heilige Familie herab. Hinter Maria, Josef und dem Kind sieht man auch hier antike Säulen und Ruinen.

„In Neapel wird Jesus in der Regel zwischen den Ruinen römischer oder griechischer Tempel geboren. Natürlich wollte man damit sagen, dass das Christentum die neue und wahre Religion ist. Aber ebenso wichtig ist ein anderer Aspekt: Diese Krippen sind unter dem spanischen Bourbonen, König Karl III., entstanden, in dessen Amtszeit die Neu-Entdeckung von Herculaneum und Pompeji fällt.“

Die antiken Städte am Fuß des Vesuvs hatte im Jahr 79 n. Chr. ein Vulkanausbruch verschüttet. König Karl veranlasste ab 1738 in dieser Gegend erstmals systematische Ausgrabungen, die wahre Schätze zum Vorschein brachten. Sie entfachten in Neapel Begeisterung für die Archäologie. Die damaligen Krippenkünstler, so Fariello, nahmen solche Entwicklungen umgehend auf.

„Das gilt auch für das Motiv des orientalischen Festzugs, den man in den Krippen sieht: Denn König Karl begann damals einen intensiven Handel mit dem Osmanischen Reich. Und 1741 kamen zum ersten Mal Abgesandte aus Istanbul mit ihrem Gefolge nach Neapel. Es war ein unglaubliches Spektakel. Die Neapolitaner waren zutiefst beeindruckt von dieser unbekannten orientalischen Welt. Und so entstanden in der neapolitanischen Krippe hinter den Weisen bzw. Königen aus dem Morgenland orientalische Festzüge.“

Entscheidenden Einfluss auf die Krippenkunst in Neapel hatte auch der Dominikaner Gregorio Maria Rocco. Der Überlieferung nach kümmerte er sich wie kaum ein anderer um die Lage des einfachen Volkes. In einer Chronik heißt es:

„Padre Rocco tat sehr viel für die Armen. Die Neapolitaner verdanken ihm zahllose soziale Einrichtungen. Er ermahnte die Krippenkünstler immer, kunstvolle aber realistische Darstellungen anzufertigen. Sie sollten nicht nur höfische Pracht abbilden, sondern auch den Armen und dem alltäglichen Leben in den Straßen breiten Raum geben.“

Pater Rocco sah in der Krippenkunst eine Form der Evangelisierung. Krippen waren aus seiner Sicht wie „Bibeln“ für breite Schichten des Volkes, die weder lesen noch schreiben konnten. Man erzählt in Neapel sogar, dass der Dominikaner an Weihnachten von Haus zu Haus ging und die Leute ermunterte, selbst kleine Krippe zu bauen. Mit Erfolg. Es dürfte maßgeblich ihm zu verdanken sein, dass die Krippenkunst in Neapel keine höfische Laune wurde, sondern eine Leidenschaft des ganzen Volkes:

Kleine bunte Tonfiguren zu erschwinglichen Preisen konnten die krippenbegeisterten Neapolitaner schon damals in der engen Krippengasse „San Gregorio Armeno“, unweit des Doms erwerben. Auch heute stehen die Werkstätten der Krippenkünstler hier dicht beieinander. Man findet alle nur denkbaren Varianten von Figuren: einfache und preiswerte Ware ist ebenso zu bekommen wie höchste Qualität. Der Künstler Marco Ferrigno steht für die letztere. Er und seine Familie stellen seit 1836 Krippenfiguren her:

„Bei uns in Neapel sind Krippen bis heute etwas sehr Ernstes und Wichtiges. Die neapolitanische Krippe zeichnet sich von jeher durch Vielfalt aus, durch Figuren aller Epochen. In der Krippenkunst findet man unsere ganze Geschichte, die von vielen Kulturen geprägt wurde. Die Krippe hat globalen Charakter.“

Sie spiegelt das Weltgeschehen und lässt dennoch hoffen. So jedenfalls beschreibt es in Neapel ein weiteres populäres Weihnachtslied: „Quanno nascette ninno“:
Als das Kind geboren wird, so der Text, verändert sich die Welt. Das bescheidene, einfache Leben der Menschen wird überstrahlt von neuem Licht… 

2013 stand eine lebensgroße neapolitanische Krippe im traditionellen Stil erstmals auf dem Petersplatz in Rom. Geschaffen hatte sie Antonio Cantone. Die Bilder des Kunstwerks gingen während der Übertragung des päpstlichen Weihnachtssegens „Urbi et orbi“ rund um die Welt. Unter den 16 Figuren waren auch neapolitanische Musiker mit traditionellen Instrumenten.

„Typisch für diese Krippe sind Leute aus dem einfachen Volk, die nichts zu bieten haben, außer ihrer Liebe für das neugeborene Kind. Die einzigen Personen, die prachtvolle Kleider tragen, sind die drei Könige. Aber sie knien vor Jesus nieder. Das bedeutet: Macht und Reichtum der Welt beugen die Knie vor einem kleinen, nackten Kind. Was den Heiligen Franziskus und den jetzigen Papst verbindet, ist der Versuch, Weihnachten auf das Wesentliche zurückzuführen: das dankbare Staunen über ein Kind.“

In italienischen Familien ist eine Krippe bis heute viel wichtiger als ein Weihnachtsbaum. Denn eine Krippe sei wie eine Ikone, meint der Neapolitaner Cantone: Jede Figur und jedes Detail öffne hier den Blick auf eine tiefere Wahrheit. 

„Die Madonna schaut voller Liebe auf ihr Kind. Ihre Gesichtszüge drücken Vertrauen aus und geben Sicherheit. Aber das Wichtigste ist: Ihre Zuwendung gilt nicht nur dem Kind, sondern zugleich der ganzen Menschheit. Sie und das Kind bringen an Weihnachten Gottes Liebe in die Welt. An Weihnachten darüber nachzudenken, bedeutet für mich immer wieder eine Erneuerung des Glaubens.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Neapolitanische Marktmusik – Tu scendi

Neapolitanische Marktmusik – Gloria in excelsis Deo

Neapolitanische Marktmusik – Quanno nascette ninno


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Dieser Beitrag wurde am 26.12.2021 gesendet.


Über die Autorin Corinna Mühlstedt

Dr. Corinna Mühlstedt ist Theologin, Autorin und ARD-Korrespondentin. Corinna Mühlstedt lebt in Freising und in Rom.

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