Feiertag, 25.12.2021

von Msgr. Stephan Wahl, Jerusalem

...mit der Ruhe der Hirten. Atempause an der Krippe

 

 

© K. Mitch Hodge / Unsplash

Mit der Ruhe der Hirten 
rette ich mich
aus meinem Tempo.

Mit dem Schweigen der Hirten
rette ich mich
aus meinen Phrasen.

Mit dem Staunen der Hirten
rette ich mich
vor mir selbst.

Werde gerettet
von IHM,
den sie suchten.

Ein Text der zum frühen Weihnachtsmorgen passt. Früher gab es um diese Uhrzeit öfter einen Gottesdienst, eine Frühmesse, die man auch Hirtenmesse nannte. In einigen Gemeinden hat sich diese Tradition erhalten.

Es ist der zweite der drei weihnachtlichen Gottesdienste und steht zwischen Christmette und Weihnachtshochamt. Der Name stammt vom Evangelium, dem biblischen Text, der in dieser Messe gelesen wird. In ihm stehen die Hirten im Mittelpunkt, denen ein Engel die Weihnachtsbotschaft verkündet.

Wenn man Engel als Chiffre versteht, als Aussage Gottes, die Gestalt angenommen hat oder einfach gesagt als guter und lebendiger Gedanke Gottes, dann spricht der Ewige selbst zu den Hirten. Sie symbolisieren für mich das einfache Volk, jedermann, ohne Hybris und Titel, Menschen wie Du und ich.

Wenn die Krippe schon symbolisiert, dass sich Gott, den wir den Allmächtigen nennen, klein macht und keinen Palast sondern eine erbärmliche Futterkrippe wählt, um sich in seine Welt gebären zu lassen, dann wird dieser unglaubliche Vorgang durch das Bild der Hirten noch unterstrichen.

Niemand ist zu gering und zu unbedeutend, um von Gott angesprochen zu werden. Und auf noch etwas weisen die Hirten hin. Um ihrem Beruf nachzugehen, brauchen sie viel Geduld, Wachsamkeit und innere Ruhe, die sich auf die Schafe, die ihnen anvertraut sind, übertragen. Entschleunigung als Kontrapunkt zu unserer oft hektischen und schnelllebigen Zeit.

Nach Bethlehem gehen

In dieser Ruhe, in diesem staunenden Schweigen kann Gottes Wort ankommen und gehört werden. Ruhe, Schweigen, Staunen helfen wachsam zu sein für den Anruf Gottes, für das Wirken seines Wortes auch in unserer Zeit. Auch wenn dies weniger spektakulär stattfindet und empfunden wird wie in der Erzählung des Evangelisten Lukas:

In der Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. Der Engel sagte zu ihnen:

"Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt."

[…] Als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander:

"Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat!"

So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde.

Nach Bethlehem gehen... Ich lebe in Jerusalem und bis Bethlehem ist es nicht allzuweit. Eine gute Tradition ist es mittlerweile nach der Christmette zu Fuß von Jerusalem nach Bethlehem zu gehen.

Die Mönche der Dormitio Abtei auf dem Sion machen das jedes Jahr und freuen sich über jeden der sie begleitet. Der Weg ist jedoch alles andere als romantisch.

So schön unsere Krippenlandschaften sind, so idyllisch man sich die Weihnachtszeit samt Hirten vorstellt, der Weg zur Geburtskirche führt nicht durch anmutige Landschaften, vorbei an Schafherden und Bilderbuchhirten, sondern entlang einer banalen Autostraße, die Jerusalem und das nahe Bethlehem verbindet.

Wenn man Glück hat, ist der Himmel klar und ein wunderbarer Sternenhimmel tröstet einen über die entgangene Romantik hinweg. Es

ann aber auch regnerisch und kalt sein, so wie ich es selbst auch schon erlebt habe. Mir hilft dieses etwas nüchterne Erleben jedoch, die Botschaft der Weihnacht besser zu verstehen, denn Gott ist in diese konkrete Welt gekommen und die besteht nun mal nicht nur aus Marzipan, Rauschgoldengeln und Krippenromantik.

„In diese Welt, in diese verrückte Herberge kommt Christus ohne Einladung.“

So stand es vor Jahren einmal auf einer Weihnachtspostkarte. Der Weg mit den Mönchen ist aber nicht einfach nur ein Weg, um die Entfernung zur Geburtskirche zurückzulegen. Die Mönche der Dormitio tragen in dieser Nacht etwas ganz Besonderes mit sich. Unter dem Motto:

„Ich trage Deinen Namen in der Heiligen Nacht nach Bethlehem“

führen sie eine Schriftrolle mit sich, auf denen sie die Namen von Menschen geschrieben haben, die darum gebeten haben, auf diese Weise in der Christnacht in Bethlehem dabei zu sein. Oder von anderen benannt worden sind. Im letzten Jahr waren es über 108.000 Namen aus aller Welt.

Wie viele Geschichten sind mit diesen Namen verbunden, wie viele Bitten, wie viel Dank. Begleitet wird diese schöne Idee von einer Spendenaktion für soziale Projekte der Abtei. Da wird für mich Weihnachten sehr konkret und ist seinem eigentlichen Sinn nahe. Gott wurde Mensch mittendrin, mit allem was dazugehört.

Mittendrin

Gott fährt in die Knochen,
geht unter die Haut,
wird Mensch.

Unter Unauffälligen und Schrillen,
Musterfamilien und Beziehungschaoten,
Heiligen und Gaunern,
Asketen und Huren,
Bankiers und Müllmännern,
herzlich Fröhlichen und abgrundtief Traurigen,
Glaubenden und Zweiflern.

Gott ganz unten, sich für nichts zu schade,
keine Angst vor dem Staub.
Kein Ekel vor den Gerüchen
von Körper und Seele.

Kein unberührbarer Götzengott,
aus Stein und Gold,
sich selber genügend.

Der im wahrsten Sinne
"heruntergekommene Gott“.
Der Allmächtige machtlos,
arm und hinabgestiegen.
Das ist unfassbare Größe.

Gott sucht
mit unendlicher Geduld,
um jeden zu finden, wie fern er auch ist.

Leg dein Licht an
wie ein Kleid,
trau dich durch die Nacht.

Du wirst gefunden.

Wenn man in der Geburtskirche in Betlehem ankommt, steigt man einige Stufen hinab in die sogenannte Geburtsgrotte, die schon ab dem zweiten Jahrhundert als Geburtsort Jesu verehrt wurde. Kaiser Konstantin der Große und seine Mutter Helena ließen an der Geburtsstätte eine Kirche mit reichen Mosaikböden errichten.

Die Kirche wurde um das Jahr 335 geweiht. Je später man ankommt, desto ruhiger wird es dort. In Coronazeiten, bei ausbleibenden Pilgern und Touristen sowieso. Wenn ich dort sitze, ist es mir nicht wichtig, ob der Ort wirklich authentisch ist, ob es sich hier genauso zugetragen hat oder wie manche Exegeten vermuten Jesus gar nicht hier sondern in Nazareth geboren ist.

Und wenn? Für mich kein Problem. Er wurde geboren, das ist das entscheidend wichtige, war Mensch wie wir. Mit allem, was dazugehört. Der Sohn Gottes, dem die Windeln gewechselt werden mussten, der vielleicht Maria und Josef den Schlaf geraubt hat und der später als Kind und Jugendlicher wie alle anderen in seinem Alter heranwuchs.

Als Mensch mit allem was dazugehört, inklusive ausgelassenes Spiel, Kopfschmerzen und vielleicht die ein oder andere erzieherische Lektion seiner Eltern. Gott spielte in Jesus nicht Mensch, er war es. Über dieses Wunder kann man still werden.

In der Krippengrotte in Bethlehem wie überall an Krippen im übertragenen Sinn, an die ich mich anlehnen kann, um mich "mit der Ruhe der Hirten aus meinem Tempo zu retten" und über das Weihnachtsgeheimnis nachzudenken und was es für mich bedeutet.

Menschwerdung ist auch eine Anfrage an mich selbst, an mein "Mensch-werden" in meinem eigenen konkreten Leben. So wie der Alltag der Hirten viel Schweigen enthält so ist es gut sich an Weihnachten dafür Atempausen zu gönnen. Zeit für die eigene Seele. Undramatische Kontemplation im besten Sinne:

Kontemplation

Allein
aber nicht

Einsam

borge ich mir
stille

blättere

in meiner seele

zeile

für zeile

Das Blättern in der Seele schließt eine erholsame Leichtigkeit nicht aus. Die Seele auch mal baumeln lassen rät ein Sprichwort. Weihnachten ist ein Fest der Stimmungen, der Gefühle, der Romantik, der Verzauberungen, ganz anders als in gewöhnlichen Alltagen.

Es gibt eine Sehnsucht, die sich Weihnachten immer wieder zeigt, sich Bahn bricht. Auch bei Menschen, die das Wort Liebe oder Gefühl ungern oder überhaupt nicht in den Mund nehmen. Wenn in dieser Zeit Härten aufgebrochen werden und sei es nur für Stunden oder Tage - gut so!

Es gibt so manches, was in der Seele schlummert und es ist nicht der kühle Verstand, der es aufweckt. Trotzdem will Gott - so denke ich jedenfalls, wer weiß schon was Gott will - dass wir den Stallgeruch der einfachen Krippe in der Nase behalten. Und der ist nicht vom Allerfeinsten. Gott der Allmächtige hat sich klein und verwundbar gemacht.

Er, der Herr des Kosmos, ist Mensch geworden auf eine Weise, die niemand erwartet hätte. "Das Staunen der Hirten..." erfüllt auch mich. Das Bild von der armseligen Krippe ist kein Zufall, sondern ein kräftiges Symbol für Gottes überraschende Weise Mensch zu werden. "Das Staunen der Hirten..."

Gott ist Mensch geworden, mit allem, was dazu gehört. Gott hat sich eingelassen in unsere Welt und ernst gemacht. Mit seiner Liebe zu jedem Einzelnen, so eigentlich unvorstellbar es für uns aufgeklärte, kritische Menschen des 21. Jahrhunderts auch klingen mag. Ich denke, Gott hat eine Idee von jedem einzelnen Menschen, wie sein Leben aussehen könnte.

Gleichzeitig überlässt er es uns selbst, dieser Idee ähnlich zu werden. Dazu hat er uns ein schönstes und gleichzeitig gefährlichstes Geschenk gegeben: unsere Freiheit. Gewissenhaft zu wählen und verantwortlich zu entscheiden. In Jesus Christus hat Gott uns jedoch klargemacht, was er unter Leben in seinem Sinne versteht.

Durch ihn hat Gott auch in die Augen derer geschaut, auf die man schon damals mit Fingern gezeigt hat, hat sich im wahrsten Sinne berühren lassen. Weihnachten erinnert, dass der "ganz unten" Geborene auch heute an die „Hecken und Zäune“ der Kirche drängt, und in mein Leben:

„Siehe ich bin da.“ Das ist seine Botschaft. Das genügt. Eigentlich schon.

"Mit dem Schweigen der Hirten rette ich mich aus meinen Phrasen." In allem Weihnachtsgetümmel sich Zeiten der Stille zu gönnen, den Verstand für einige Zeit in den Leerlauf zu schalten, heißt nicht die Welt aus dem Blick zu verlieren. Gerade nicht in diesen schwierigen Zeiten.

Weil Gott Mensch wurde und ihm nichts menschliches fremd ist, können wir mit allen Bitten an die Krippe kommen. Auch mit unseren Fragen und manchem ratlosen Unverständnis. Ein "Gebet an der Krippe" könnte so lauten:

Herr, Jesus Christus,
unser Erlöser und Heiland,
wir kommen zur Krippe
und beten für alle,
die in den Ställen der Welt leben,
ohne Lametta und Rauschgoldengel,
ohne Ochs und Esel.

So viele sind es,
die nicht wissen,
wie sie über den Tag kommen,
die nicht wissen,
wie sie ihre Kinder ernähren können,
die sich fürchten vor Krankheiten,
vor denen sie sich nicht schützen können.
So viele sind es, die sterben,
weil die Medikamente zu teuer sind,
weil ihr Schicksal niemand mehr berührt. 

Herr, Jesus Christus, unser Erlöser und Heiland,
wir kommen zur Krippe und beten für alle,
die in den Gefängnissen
mit sich selbst konfrontiert sind:
mit ihrer Schuld
und ihren eigenen Wunden,
mit ihrem Hass und ihren vergrabenen Sehnsüchten,
mit ihrem Kampf Reue gegen Stolz.
Die nicht mehr verdrängen können,
ihr nicht tünchbares Scheitern,
die Bilder ihrer Opfer
und aller, deren Leben zerstört wurde.

Herr Jesus Christus,
unser Erlöser und Heiland,
wir kommen zur Krippe
und beten für alle,
die aus kalter Härte bestehen,
die ihre Macht missbrauchen.
Die Kriegstreiber und Wortheuchler,
die selbstverliebten Moralapostel,
die unbarmherzigen Rigoristen,
die politischen Rattenfänger,
die Mobbingtäter und Herzlosen.

Wir beten für sie ohne Bitte und Wunsch,
legen ihre Namen einfach in die Krippe,
wissen, dass es auch die unsrigen sind,
die sich dort wiederfinden. 
Genannt von anderen.

Jesus Christus,
Du brauchst nicht unsere Bitten,
Du brauchst keine Erinnerung,
erst recht keinen Vorschlag, was zu tun sei.

Aber wir brauchen sie. Die Bitten.
Damit sie uns mahnen,
dass zu tun, was uns möglich ist.
Es ist mehr als wir glauben.

Weihnachten ist die Erinnerung, dass Gott in der Geburt Jesu

"...sein tiefstes und schönstes Wort in die Welt gesagt hat: ich liebe Dich, Du Welt und du Mensch."

So hat es der Theologe Karl Rahner einmal formuliert. Das ist eine Beruhigung und Herausforderung zugleich.

Sich von Gott geliebt zu wissen, kann mich auch in den Situationen stärken, in denen das Leben mit mir Salto schlägt und in denen ich mich vielleicht paradoxerweise von Gott verlassen fühle. So wie man sich erinnert an ein stärkendes Wort eines Menschen, der einem herzenswichtig ist, jetzt aber nicht greifbar ist, nicht sichtbar, nicht direkt ansprechbar.

Sich in Gott geborgen zu fühlen, heißt aber auch, umso mehr hellwach zu sein für das, was um mich herum geschieht. So, wie die innere Ruhe und das Schweigen eines Hirten ihn trotzdem wachsam sein lässt für mögliche Gefahren, die ihn zum Handeln nötigen und so, wie sein staunender Blick in den Sternenhimmel ihn erinnern, wem er sein Leben verdankt.

Mit der Ruhe der Hirten 
rette ich mich
aus meinem Tempo,
schalte ich mich in den Leerlauf,
für eine Atempause der Seele.

Mit dem Schweigen der Hirten

rette ich mich

aus meinen Phrasen,
suche ich was wirklich zu sagen ist,
wenn es auf mich ankommt.

Mit dem Staunen der Hirten
rette ich mich vor mir selbst,
gebe Größerem Raum,
lasse Gott in mein Leben
und werde gerettet
von IHM,
dem Ich-bin-Da-Gott,
den sie suchten und fanden

in Jesus, dem Christus,
geboren in diese Welt,
der Sohn Gottes,
als Mensch unter Menschen.

Die redaktionelle Verantwortung trägt Martin Korden.

Musik:

Till Brönner – Jesus to a child
Till Brönner – O little town of Betlehem

Till Brönner – Have yourself a merry little christmas

Till Brönner – Maria durch ein Dornwald ging

Till Brönner – Ich steh‘ an deiner Krippen hier

Till Brönner – Il Postino


(Zitate aus SW, ...reiß die Himmel auf, Echter 2013 und sw ..träume ich von flügeln, Echter 2021)


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Dieser Beitrag wurde am 25.12.2021 gesendet.


Über den Autor Monsignore Stephan Wahl

Monsignore Stephan Wahl, geboren in Bonn und aufgewachsen in Kripp (Kreis Ahrweiler) ist Priester des Bistums Trier und lebt und arbeitet seit 2018 in Jerusalem. Der langjährige „Wort-zum-Sonntag Sprecher“ ist Autor zahlreicher Hörfunkbeiträge und Bücher. Kontakt
stephanwahl@posteo.de

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