Wort zum Tage, 23.12.2021

Pater Bernhard Venzke, Leipzig

Perfektion?

Und? Ist alles vorbereitet für den Heiligen Abend morgen und die Feiertage von Weihnachten?

Ich entsinne mich, wie meine Mutter so um diese Tage aber sowas von unter Stress stand, auch wenn in den 60er Jahren das noch kein Modewort war. Es wurde geputzt, gebacken und vorgekocht, damit ja Alles aber auch wirklich perfekt ist, wenn die Familie zusammenkommt.

Aber – fragen wir uns doch mal ganz ehrlich: Wer oder Was ist denn schon perfekt?
Also – zumindest was meine Person angeht, weiß ich sicher, dass das bei mir auf keinen Fall so war ist, oder aber auch so sein wird. Vielleicht, wenn ich im Himmel bin, falls ich dahin komme. Nur – auf dieser Welt und in meinem Leben hier – keine Chance!

Naja, das ist so eine Sache mit dem Perfektionismus. Meist ist er auch ein Aktivismus, nur eben in die – wie ich meine – falsche Richtung.
Was tun Menschen nicht alles, um perfekt – zu sein oder auch auszusehen. Was tun sie sich nicht alles an?

Ganz viele dieser Perfektionsaktivisten sehen aber gar nicht so glücklich über das Ergebnis von Operationen, Diäten oder Optimierungskursen aus. Ich vermute mal, weil’s halt immer noch ein bisschen mehr sein darf.

Ich habe – auch an mir selbst – erfahren: Perfektionismus kann die Freude am Leben ganz schön beeinträchtigen, wenn nicht sogar verhindern. Mal ganz von der Frage abgesehen, wer eigentlich festlegt, was perfekt ist.

Und ganz genauso ist es auch mit dem, was wir so tun – da ist auch nicht alles perfekt. Da ist ebenfalls immer noch Raum für Optimierung. Jaha! Aber, wenn ich nur immer darauf schaue, wie das Eine oder Andere noch besser sein könnte, komme ich unter Umständen auch in die Lage, keinen Bock mehr auf mein Unterfangen zu haben.

So, und in zwei Tagen feiern wir Weihnachten. Gott wird Mensch und kommt eben nicht als perfekter Held zu Erde, sondern als Kind. Und dieses Kind braucht zunächst erst einmal seine Eltern, Engel und Hirten, ja sogar dann Könige, die es unterstützen.

Was für ein befreiender Gedanke: der perfekte Gott wird ein unperfekter Mensch in irgendeinem unbekannten Stall. Das kann eine entspannende Idee für die nächsten Tage sein – von ganz profan bis hin zu ganz spirituell.
Vom – vielleicht misslungenen – Gänsebraten bis hin zu unserem nicht immer gelingenden Leben.

Trotzdem wird Weihnachten kommen.
Vielleicht aber auch gerade deshalb!?

Dieses Kind, das alsbald in einer Krippe liegt, kann uns Mut machen, uns einfach so anzunehmen, wie wir sind. Vielleicht mit der einen oder anderen Verbesserung – okay. Aber keinesfalls in Perfektion.

Machen wir’s also wie Gott: werden oder bleiben wir Mensch.


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Dieser Beitrag wurde am 23.12.2021 gesendet.


Über den Autor Pater Bernhard Venzke, OP

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