Wort zum Tage, 22.12.2021

Pater Bernhard Venzke, Leipzig

Unmerkliches

Es gibt Dinge, die nehmen wir gar nicht wahr – und doch sind sie da und haben ihre Auswirkungen. Unmerkliches geschieht. Nur mit der Zeit erkennen wir dann so Manches. So ist es in uns und so ist es auch um uns herum.

Alles braucht halt seine Zeit. Das habe ich einem Buch entnommen, der Bibel. Da meint der gute alte Kohelet:

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit…“

und weiter:

„…Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan…“

Vielleicht haben Sie es ja heute irgendwie bemerkt, die Sonne ist so etwa um halb neun aufgegangen und geht so gegen viertel nach vier wieder unter. Morgen wird es schon eine Minute später dunkel.

Und am Weihnachtstag geht das Tagesgestirn eine Minute eher und bereits zwei Minuten später wieder unter – also es bleibt schon mal drei Minuten länger hell. Auch das habe ich einem Buch entnommen – meinem Kalender.

Mir macht das schon ein wenig mehr Hoffnung. Auch wenn ich es momentan nicht direkt wahrnehme – es ist absolut verlässlich, dass es wieder heller wird. Unmerklich – aber wahr.

Ja, es sind die Botschaften dieser beiden Bücher, die mir zur Zeit Mut machen, Hoffnung und auch Zuversicht geben. Zugegeben, der Kalender – das sind wissenschaftlich fundierte Werte und Erfahrungen.

In der Heiligen Schrift sind andere Werte und allerdings auch menschliche Erkenntnisse enthalten. Alles zusammen, Wissenschaft, menschliche Erfahrung und das gewisse andere Etwas hinter Allem macht unser Leben – also zumindest meins – lebens- und liebenswert.

Eine Erfahrung zum Beispiel ist, dass etwas Lichtes auch mitten in der Dunkelheit da ist. Es braucht halt seine Zeit, bis es so richtig offenbar wird. Und – wie sagt der gute Kohelet:

„Dann wird das Licht süß sein und den Augen wird es wohl tun, die Sonne zu sehen.“

Ich denke bei diesem Satz auch an so viele leise und unmerklich tätige Menschen, die im Hintergrund unermesslich Gutes leisten. Das Unmerkliche ist eben nicht unwirklich, weil es sich im Leben als wirksam erweist.

Die Leisen sind da und sie sind stärker als die Lautstarken. Das Helle und Lichte wächst mit der Zeit, auch wenn es jetzt noch von der Dunkelheit überdeckt wird.

Diese Zuversicht bekomme ich auch durch die Botschaft von Weihnachten: Da feiern wir, dass Gott selbst in unsere Welt gekommen ist – jedoch ganz leise und beinahe unmerklich, als Kind, unscheinbar in einem Stall.  

Es ist kein Zufall, dass wir Weihnachten feiern zu der Zeit der Wintersonnenwende – wenn das Licht beginnt, sich langsam wieder durchzusetzen…


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Dieser Beitrag wurde am 22.12.2021 gesendet.


Über den Autor Pater Bernhard Venzke, OP

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