Am Sonntagmorgen, 19.12.2021

von Michael Kinnen, Trier

Alle Jahre wieder: Weihnachten ist anders!

In wenigen Tagen ist Weihnachten. Das Hochfest kommt - mal wieder - in eine Zeit, in der die Welt dunkel scheint. Genau darin liegt das Potenzial Weihnachtens. 

© Gary Spears / Pexels

Na, ist denn schon wieder Weihnachten? Fast. Und nicht nur durch den Blick in den Kalender. Nicht nur wegen der alle Jahre wiederkehrenden Lieder im Radio und der alljährlichen Rituale zum Schmücken von Häusern, Fenstern und Geschäften.

In diesem Jahr wirkt auch manches andere wie in einer Zeitschleife, wie ein Déjà-vu aus dem letzten Jahr: Wenn ich an die Corona-Pandemie denke, an die Fragen, Sorgen und Einschränkungen. An manche Schlagzeile und so manches schockierende Ereignis, das die Stimmung gerade deutlich trübt: Dinge, die gerade nicht „alle Jahre wieder“ so sein müssten. Und doch sind sie da.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich hier an dieser Stelle eine Sendung überschrieben mit dem Titel:

„Fürchtet euch nicht – Weihnachten in drei Worten!“

Vieles von dem, was ich damals gesagt habe, kann ich heute genauso wiederholen. Und dann denke ich an die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands im vergangenen Sommer: besonders im Ahrtal und in der Nordeifel.

Weihnachten in den Flutgebieten

Da ist Weihnachten ganz anders in diesem Jahr. Auch dort brennen jetzt Kerzen. Als Totenlichter auf den Gräbern. Als Erinnerungslichter für die Toten, dass sie nicht vergessen sind. Als Lichter der Zuversicht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Die Kerzen brennen als Mutmach-Lichter in den Fenstern: Wir halten zusammen, wollen sie sagen. Als Lichter der Sehnsucht gegen die Einsamkeit. Es sind Hoffnungslichter, trotz allem – auch in diesem Advent.

„Alle Dunkelheit der Welt reicht nicht, um das Licht einer einzigen, kleinen Kerze auszulöschen.“

Das sagt ein chinesisches Sprichwort. Es könnte auch ein christlicher Kalenderspruch sein. Ein adventlicher Spruch. Denn gerade im Advent wollen die Lichter des Adventskranzes und der vielen Lichterketten doch der Dunkelheit trotzen – auf dem Weg zum „Fest des Lichts“, auf dem Weg zum Weihnachtsfest.

Das kann ich psychologisch sehen, als Sehnsucht nach Licht und Wärme in der dunklen, kalten Jahreszeit. Oder aus dem christlichen Glauben beantworten: Weihnachten hat einen Grund: eine Botschaft mit „Hand und Fuß“ – im wahrsten Sinn des Wortes: Ich sehe das Kind in der Krippe – Gott wird Mensch, das wird an Weihnachten gefeiert. Doch das ist nicht die süßliche Romantik mit Lametta und Lichterglanz, hat Kardinal Walter Kasper einmal gesagt:

„Was wir an Weihnachten feiern, ist alles andere als eine Idylle. Die Krippe, die wir längst in unsere warmen Stuben geholt haben, stand bekanntlich im Stall. Niemand war da, der bereit war, der schwangeren Frau und dem jungen Mann aus Nazareth in Galiläa menschenwürdige Bleibe zu geben. Kaum war das Kind zur Welt gekommen, musste die junge Familie fliehen, weil Herodes, der machtbesessene Herrscher, dem Kind Jesus nach dem Leben trachtete. Flüchtlinge waren sie, politisch Verfolgte...“[1]

Weihnachtenn ist Erbarmen

Das sieht nicht nach wohlfeil-frommer Weihnachtsromantik aus. Der Anfang ist geradezu düster-erbärmlich – zum Gott-Erbarmen – und genau das ist Weihnachten: Gott erbarmt sich der Erbärmlichkeit, der Dunkelheit, er lässt uns nicht allein. Er wischt das Leid nicht einfach weg. Aber er wird sogar selbst Mensch, macht das alles selbst mit, was Menschen bedrücken kann – bis zum Tod und weit darüber hinaus. Mit Weihnachten öffnet sich sozusagen der Himmel für uns Menschen. Und doch:

„Weihnachten wird es, wenn es ganz dunkel ist.”

So stand es mal auf einem Weihnachtsgruß, den ich bekommen habe. Und es hat was. Licht hat seine Strahlkraft gerade ja im Dunkeln. Und Weihnachten bedeutet in der Sprache und in den Worten des Glaubens: Christus, das Licht der Welt: Gott selbst kommt in die Finsternis, bewusst in die Finsternis des Lebens.

Denn dann ist auch das Dunkle nicht länger trostlos und nicht endlos, dann wird Gottes Wirken sichtbar. Und das hat „Aus-Wirkungen“ – bis heute. Wenn ich Weihnachten heute ernst nehme - das Kind, die Erbärmlichkeit, die Not im Stall und der anschließenden Flucht -, dann muss ich auch die Not heute ernst nehmen.

Göttlich und menschlich

Auch die ist dann nicht trostlos. Ich bin ihr dann nicht hilflos ausgeliefert. Wenn ich das Kind in der Krippe, das selbst Not und Flucht und Leid erlebt hat, in mein Haus lasse, kann ich auch die Geflüchteten heute bei uns nicht gleichgültig draußen lassen, auf Lesbos, in Moria, an den EU-Außengrenzen zwischen Belarus und Polen und an anderen Orten in Krisen- und Kriegsgebieten; es kann mich nicht kalt lassen, wenn sie im Mittelmeer ertrinken auf der oft verzweifelten Suche nach einem Leben in Würde und Sicherheit.

Wenn ich das hilflose Kind in der Krippe sehe, kann ich das endlose Leid missbrauchter und misshandelter Kinder durch Kleriker und andere in der Kirche nicht verschweigen.

Wenn ich die „Heilige Familie“ mit all ihren Problemen besinge, dann darf ich auch die oft schwierige Lebensrealität von Familien heute nicht vergessen. Sonst wäre Weihnachten hohl. Weihnachten ist im guten Wortsinn ganz geerdet, wie ein oft zitierter Satz vom früheren Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann lautet:

„Weihnachten offenbart die Temperaturen im Umgang der Menschen untereinander.“

Weihnachten ist allzu menschlich und geradezu göttlich in einem: Gerade weil es in Dunkelheit beginnt, weil Gott sich nicht zu schade ist für den Stall und das Elend und die Not; gerade weil er Mensch wird mit allem, was dazu gehört und - ganz wörtlich - so heruntergekommen ist – deshalb ist Weihnachten doch ein „Mut-Mach-Fest“.

Ein „Trotzdem-Fest“. Ein „Gerade-Weil-Fest“ in aller scheinbaren Widersprüchlichkeit. In einem Kirchenlied zu Weihnachten lautet der Kehrvers:

„Weil Gott in tiefster Nacht erschienen – kann uns're Nacht nicht traurig sein.
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen – kann uns're Nacht nicht endlos sein.“
[2]

Es ist dunkel – aber es bleibt nicht dunkel. Es ist Nacht, aber mitten in der Nacht beginnt der neue Tag. Wir erleben Trauer und Angst, aber die Weihnachtsbotschaft kommt und ist deutlich: „Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst!“ Ein paar hundert Mal kommt das in der Bibel in unterschiedlichen Variationen vor, gerade auch in der Weihnachtsbotschaft:

„Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“[3]

Zu naiv? Zu zynisch?

Ich weiß, das klingt fromm – und leichter gesagt als getan! Und ich frage mich, wie naiv wohl dieses weihnachtliche „Freut euch – Habt keine Angst“ in den Ohren derer klingt, die mit der Bibel und mit dem christlichen Weihnachten nichts anfangen können; wie es wohl klingt in den Ohren derer, die sich von der Kirche allein gelassen fühlen: in der Einsamkeit der Corona-Zeit; oder wegen der Verbrecher und Vertuscher in ihren Reihen.

Ich frage mich, wie das „Habt keine Angst“ in den Ohren derer klingt, die sich Sorgen machen um ihren Arbeitsplatz, ihre Gesundheit; in den Ohren derer, die Angehörige oder Freunde vermissen und betrauern, die Weihnachten nicht mehr erleben können; Menschen, die leiden an den Spaltungen in der Gesellschaft und wenn der Riss durch die eigene Familie geht; wenn es unterm Weihnachtsbaum kracht; wenn gestritten wird über Impfungen und Verschwörungsmythen.

Wie klingt da das „Freut euch - fürchtet euch nicht!“? Zynisch? Naiv?

Ja, das „Habt keine Angst – fürchtet euch nicht!“ ist letztlich – nicht mehr und nicht weniger – eine weihnachtliche Antwort und Zuversicht aus dem Glauben. Ich halte mich da gerne an die, denen das nicht nur fromme Floskel war sondern die tatsächlich Lebensmut aus der Weihnachtsbotschaft gezogen haben.

Auch in noch so existenziellen Nöten. Ich denke etwa an einen Pater Alfred Delp, der Weihnachten 1944 in der Todeszelle der Nazis saß, die drohende Ermordung vor Augen. Und der dann zu seinem letzten Weihnachten solche Sätze schreiben konnte wie:

„Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“[4]

Dem Leben trauen. Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst! Gott ist bei uns! Das ist Weihnachten! Das hat seinen Grund in dem kleinen Kind in der Krippe. Schutzlos – und doch beschützt. So wird Gott Mensch. So kümmert sich Gott um die Menschen. Mehr als Menschen es in all ihrem Versagen je könnten.

Dem Leben trauen

Weihnachten hat Potenzial! Und da gibt es etwas, das vielleicht als Sehnsucht über Tannenbaum, Truthahn und Tamtam hinausreicht und auch die Einsamkeit der Corona-Kontaktbeschränkungen aushält. Eine Sehnsucht, dass da einer ist, der mich nicht allein lässt, wenn ich nicht mehr weiter weiß in dem ganzen Durcheinander der Welt, gerade in dieser Corona-Zeit. Nahbar – nah; mit menschlichem Gesicht – lebendig – göttlich.

So höre ich die Sätze von Pater Delp aus der Todeszelle als zuversichtliche Hoffnung auch in schweren und schwersten Zeiten, weil sie für mich die Weihnachtsbotschaft umschreiben: Lasst uns dem Leben trauen. Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst!

Vielleicht ist Weihnachten in diesem Jahr schon zum zweiten Mal ein bisschen ruhiger als sonst, vielleicht ist es ein bisschen hilfloser, vielleicht ist es ein bisschen sehnsuchtsvoller in diesem Jahr – dieses Weihnachten in drei Worten: „Fürchtet euch nicht!“

Weihnachten und die Angst

Ganz konkrete weihnachtliche Wünsche kommen mir da in den Sinn – gerade auch wegen der Nachrichten der letzten Wochen will ich mich nicht von der Sorge leiten lassen, dass ich immer zu kurz komme und alle sich gegen mich verschworen hätten!

Ich will mir keine Angst machen lassen von Populisten, die von meiner Angst profitieren, weil sie damit meine Meinung im Griff haben wollen! Ich will mir keine Angst einreden lassen, dass ich so gar nichts tun kann in dieser Zeit, dass ich ausgeliefert bin dem Spiel der Macht und der Mächtigen. Oder dem Bösen, der Hölle auf Erden.

Die Angst hat ihren Platz, lässt sich nicht wegwischen – auch nicht mit noch so frommen Worten. Aber sie ist nicht alles. Sie bestimmt nicht das Leben, hat nicht das letzte Wort. Das lebendige Licht der Zuversicht ist stärker.

Ein beliebtes Lied und Gebet in diesen Tagen stammt vom evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er war auch ein christlicher Widerstandskämpfer gegen das dunkle Regime der Nazis.

Das, was Bonhoeffer da geschrieben hat, ist für mich ein „Gebet gegen die Angst“, ein Mutmachgebet, das auch wieder – und alle Jahre wieder in diese Advents- und Weihnachtszeit passt. Es ist ein guter Wunsch, ein Segen; und es öffnet die hoffnungsvolle Perspektive für das kommende Jahr, immer wieder, immer anders – alle Jahre wieder, weihnachtlich-zuversichtlich:

„Lass warm und still die Kerzen heute flammen, die du in uns're Dunkelheit gebracht. Führ', wenn es sein kann, wieder uns zusammen – wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht. Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“[5]

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

L. van Beethoven – Zwölf Variationen über ein Thema aus Judas Maccabäus

Way2Radiant – Von guten Mächten


[1] Vgl. Kasper, Bedenke dein Geheimnis. Meditationen zu Advent und Weihnachten, Bibelwerk Stuttgart 2015.

[2] Vgl. Lied Nr. 772 im Gotteslob des Bistums Mainz.

[3] Lk 2,11f. - Einheitsübersetzung 2016.

[4] Alfred Delp SJ, Vigil von Weihnachten, in: Mit gefesselten Händen. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis, Freiburg i.Br. 2007, Seite 88.

[5] Dietrich Bonhoeffer, Von guten Mächten, in seinem Brief an Maria von Wedemeyer aus dem Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin, 19. Dezember 1944. Erstmals veröffentlicht 1951 in: Eberhard Bethge (Hrsg.), Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.


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Dieser Beitrag wurde am 19.12.2021 gesendet.


Über den Autor Michael Kinnen

Michael Kinnen, Jahrgang 1977, studierte Theologie in Trier, Frankfurt und Mainz. Er absolvierte die studienbegleitende Journalistenausbildung an der katholischen Journalistenschule in München und ist seit 1998 für verschiedene Programme der Kirche im Radio "auf Sendung". Zum Thema "Gott in Einsdreißig - Fides et 'Radio'" promovierte er an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt zum Verkündigungsauftrag der Katholischen Kirche im Privatfunk. Berufliche Stationen führten ihn von Mainz über Berlin nach Trier. Michael Kinnen ist verheiratet und Vater einer Tochter. Kontakt: info@radiopredigt.de

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