Feiertag, 12.12.2021

von Gunnar Lammert-Türk, Berlin

Mit Mystik und Poesie die Kirche reformieren Wegweisende Impulse von Johannes vom Kreuz

Manchmal liegt in der Krise der Neubeginn. Diese Erfahrung hat Johannes vom Kreuz gemacht. Der spanische Mystiker schloss sich der Reformmbewegung von Teresa von Avila an und wird noch heute vererhrt.

© RODNAE Productions / Pexels

Adónde te escondiste,

Amado, y me dejaste con gemido?

Como el ciervo huiste,

habiéndomo herido;

sali tras ti clamando, y eras ido.

 

„Wo hast du dich versteckt,

Geliebter, und hast mich seufzend zurückgelassen?

Wie der Hirsch bist du entflohen,

nachdem du mich verwundet hast;

ich lief dir nach, rufend, doch du warst gegangen.“

(aus Juan de la Cruz: El Cántico Espiritual)

Diese Zeilen schrieb der spanische Karmelitermönch Juan de la Cruz - hierzulande bekannt unter der deutschen Fassung seines Namens Johannes vom Kreuz.

Er lebte im sechzehnten Jahrhundert. Wegen seiner poetischen Meisterschaft zählt er zu den herausragenden Vertretern des sogenannten Goldenen Zeitalters der Kunst in Spanien.

Wie ein Liebeslied

Seine Dichtungen sind Ausdruck seiner religiösen Erfahrung und sollten Frauen und Männern seines Ordens Anregung und Orientierung sein. Und so ist, was wie ein Liebeslied daherkommt, ein Zwiegespräch zwischen der Seele und Jesus Christus.

In der Tradition der geistlichen Deutung des Hohen Liedes - des großen Liebesgedichts aus dem Alten Testament - lässt Johannes vom Kreuz in seinem „Geistlichen Gesang“ die Seele sich wie eine Geliebte nach Christus ihrem Geliebten sehnen. Liebeswund ruft sie:

„Ihr Hirten, die ihr dort

bei den Hürden auf der Höhe weilet,

wenn ihr jenen zufällig erblickt,

den ich über alles liebe,

sagt ihm, ich sei krank, leide und sterbe.“

aus: Juan de la Cruz: El Cántico Espiritual

Die Suche der Geliebten und die dabei erlittene Verlassenheit und Ungewissheit malt Johannes vom Kreuz mit berückenden Bildern und leidend-sehnsuchtsvollem Tonfall. Er beschreibt so die Qual, die der Seele auf dem Weg zur Vereinigung mit Gott widerfährt.

Um diese geht es. So endet eine Romanze von Johannes vom Kreuz damit, dass Christus die Seele zu Gott-Vater führt …,

… wo sie dasselbe Glück,

das Gott erfreut, erfreute.

„Denn wie der Vater und der Sohn (…)

einer in dem andern lebt,

so würde auch die Braut

ganz in Gott hineingesunken

das Leben Gottes leben.“

aus: Juan de la Cruz: Romanze 4

Der Orden der Karmeliter 

Das ist für Johannes vom Kreuz das letzte Ziel des menschlichen Lebens und der Menschwerdung Gottes, der tiefere Sinn aller Gottsuche und Gottesbegegnung: Dass der Mensch in das Leben Gottes Aufnahme findet, an ihm teilhat.

Ganz im Sinn altkirchlicher Theologie, die sagen konnte:

„Gott wird Mensch, damit wir Menschen vergo?ttlicht werden.“

Oder wie es im ersten Johannesbrief heißt: 

„Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden.“

Damit das geschehen kann, muss der Mensch verändert werden, gereinigt, verwandelt und selbst daran mitwirken. Mit diesem Ansatz hat Johannes vom Kreuz gemeinsam mit Teresa von Ávila den Orden der Karmeliter reformiert.

Zu einer Zeit, in der die Kirche im sogenannten Goldenen Zeitalter in Spanien abgesichert regiert – und doch ohne Glaubenskraft innerlich zu verkümmern und zu verwahrlosen droht, setzen Johannes vom Kreuz und Teresa von Ávila auf Entweltlichung und die Betonung des geistlichen Lebens, einer verstärkten Zuwendung zu Christus.

Die Aufzeichnungen von Johannes vom Kreuz für diesen Weg gelten als wertvolle Impulse für alle Zeiten – das machte schon Papst Pius XI. 1926 deutlich, als er Johannes vom Kreuz als „doctor mysticus“ zum Kirchenlehrer erhob.

Ein Ereignis in der Armenschule

Johannes vom Kreuz wuchs in einer armen Weberfamilie in Kastilien auf. Der Vater starb früh. Die Familie zog, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, viel umher, bis sie in Medina del Campo einen Halt fand. Hier lebte Johannes vom Kreuz vom neunten bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahr. 

Er arbeitete als Pfleger in einem Hospital für an Syphilis Erkrankte. Besuchte nebenher ein Jesuitenkolleg. Zuvor eine Armenschule. In diese Zeit fällt dieses Ereignis:

Im Garten eines der Krankenhäuser befindet sich ein tiefer Brunnen. Der kleine Juan spielt dort mit anderen Kindern. Einer seiner Gefährten gibt ihm einen Stoß, so daß Juan in den Brunnen fällt. Die Kinder sind erschrocken, einige laufen davon, andere rufen um Hilfe. 

Es kommen Erwachsene herbei. Sie beugen sich über den Brunnen und sehen mit Überraschung, daß Juan nicht ertrunken ist. Im Dunkel des Brunnens schwimmend ruft er ihnen zu:

„Ich bin nicht untergegangen, die Muttergottes hat mich gerettet! Werft mir ein Seil zu, damit ich mich daran binden kann und ihr mich hochziehen könnt.“

Sie ziehen ihn heraus, ganz unversehrt und ohne jede Verletzung, zufriedener und lustiger als je zuvor.

(aus Ulrich Dobhan, Reinhard Körner: Johannes vom Kreuz. Die Biographie, S. 23)

Teresa trifft Johannes

Legenden dieser Art verweisen darauf, dass sich Johannes vom Kreuz als von der Gottesmutter behütet verstand. Und so trat er mit einundzwanzig Jahren in den stark auf Maria bezogenen Karmeliterorden ein.

Kurz darauf ging er zum Theologiestudium nach Salamanca. Die große Stadt und die wenig geistlichen akademischen Karriereinteressen an der Universität standen in Kontrast zu seinem kontemplativen Leben im ordenseigenen Studienhaus.

Er geriet in eine schwere Krise. In dieser Zeit traf er Teresa von Ávila. Wie Johannes lebte sie, den ursprünglichen Regeln der Karmeliten folgend, die außer Gebrauch waren, ein strenges geistliches Leben. Sie hatte begonnen, Frauenklöster danach zu prägen.

Nun wollte sie nach diesem Muster Männerklöster ins Leben rufen. Dafür suchte sie geeignete Mitstreiter. Und war sofort von Johannes vom Kreuz eingenommen. Sie gewann ihn, ein verfallenes Bauerngehöft im Dorf Duruelo in ein Kloster umzubauen. 

Die ersten Jahre

In nur fünf Monaten hatte Johannes vom Kreuz – anfangs unterstützt von einem Maurer – mit nur drei Mönchsgefährten, den Umbau realisiert. Seine Krise war wie weggeblasen.

Unter den bescheidenen Bedingungen war ein Klosterleben mit Stundengebeten in der Kirche, schweigender Meditation und Besinnung entstanden.

Die Menschen im Umfeld kamen zur Beichte und zur religiösen Unterweisung und die Mönche gingen zu ihnen. Teresa vermerkte nach ihrem ersten Besuch: 

„Sie predigten in vielen umliegenden Dörfern, in denen es keine Glaubensunterweisung gab. In so kurzer Zeit war die Hochachtung, die sie sich verdient hatten, schon so groß, daß mir das Ganze große Genugtuung verschaffte, als ich davon erfuhr. Sie gingen ein bis zwei Meilen, um zu predigen, barfuß, denn damals trugen sie noch kein Schuhwerk, wie es ihnen später angeordnet wurde, und das, obwohl es schneite und kalt war. Nachdem sie gepredigt und Beichte gehört hatten, kehrten sie spät zurück, um im Konvent zu essen. Aufgrund der Freude, die sie über all das , was sie taten, empfanden, kam ihnen alles einfach und leicht vor.“

(aus Ulrich Dobhan, Reinhard Körner: Johannes vom Kreuz. Die Biographie, S. 54)

Das erste Kloster der Unbeschuhten Karmeliten – so wurden jene auf die Ursprungsregel des Ordens bezogenen Karmeliten genannt – wuchs und wurde bald zu klein. Neue Gründungen dieser Art für Männer und Frauen entstanden. Teresa und der siebenundzwanzig Jahre jüngere Johannes kooperierten dabei.

Als Teresa Priorin des Klosters der Menschwerdung in Ávila wurde, erbat sie sich Johannes als Beichtvater der Nonnen. Sechs Jahre nahm er diese Aufgabe wahr und betreute auch andere Konvente.

Eingesperrt und gefoltert

Der Aufschwung des Reformzweigs der Karmeliten und seine Seelsorgeerfolge in allen Schichten der Bevölkerung trafen zunehmend auf den Argwohn der übrigen Karmeliten. Insbesondere Johannes vom Kreuz war ihnen ein Dorn im Auge.

In der Nacht vom dritten auf den vierten Dezember 1577 wurde er aus Ávila ins Kloster von Toledo verschleppt. In einem Prozess befand man ihn der hartnäckigen Auflehnung für schuldig und sperrte ihn in einen fast lichtlosen engen Raum.

An den Fastentagen wurde er zum Abendessen ins Refektorium gebracht. Nach dem Essen schlugen ihn die Mönche mit Ruten. Neun Monate ging das so: bei Wasser und Brot; im Dunkeln oder dem schwachen Licht der kleinen Luke in der Decke; frierend, allein, entkräftet und gedemütigt; Ängsten und Einflüsterungen aller Art ausgesetzt.

Um Mariä Himmelfahrt 1578 gelang Johannes vom Kreuz die Flucht. Die Kerkerhaft war für ihn eine Zeit inneren Reifens. Hier wurde er zum Dichter. Im Geiste schrieb er Romanzen und den Geistlichen Gesang, von dem eingangs die Rede war, sein Lied von der Liebe der Seele zu Christus.

Im seelischen Auf und Ab machte er hier eine Erfahrung, die er später die „dunkle Nacht der Seele“ nannte. Poetischen Ausdruck fand sie in seinem wohl bekanntesten Gedicht „Die dunkle Nacht“. In seiner ersten Strophe heißt es:

En una noche oscura,

con ansias, en amores inflamada,

oh dichosa ventura,

salí sin ser notada;

estando ya mi casa sosegada.

 

„In einer dunklen Nacht,

entflammt von Liebessehnen,

o seliges Geschick!

Entfloh ich unbemerkt,

da nun mein Haus in Ruhe lag.“

(aus Juan de la Cruz: Die dunkle Nacht, La Noche Oscura, Strophe 1)

Die Nacht der Seele

Wieder ist es die Seele, die aufbricht, „entflammt von Liebessehnen“. Wie die Verwundung durch den Geliebten im „Geistlichen Gesang“ ist das der poetische Ausdruck dafür, dass sie von Gott berührt und erschüttert wurde.

Diesem beglückenden Anfang folgt dann aber ein Prozess des religiösen Erwachsen- und Umgeformtwerdens. Der Freude des Beginns folgen die Mühen der geistlichen Ebene. Gott scheint sich zu entfernen. Der Verborgene, nicht Fassbare ist wie entschwunden.

Das ist die Nacht der Seele, die in zweierlei Gestalt zur Herausforderung wird: Als Nacht des Geistes und als Nacht der Sinne oder des Sinnenbereichs, wie der Karmeliter Pater Reinhard Körner sie nennt.

„Dunkle Nacht des Sinnenbereichs, damit meint er alles, was meinen fünf Sinnen funkelt; alles, was mir im normalen Leben wichtig ist, kostbar ist, was mir wertvoll ist, woran ich hänge, was mir alles was bedeutet, das rutscht angesichts des Erahnens, dass Gott da ist und wer Gott ist, angesichts des Berührtseins von diesem Gott rutscht das alles irgendwie in der Werteskala ein paar Nummern tiefer. Das heißt, der Mensch muss jetzt neu seine ganze innere Werteskala ordnen. Er merkt dabei auch, dass er ein Stück vereinsamt, weil das, was er in seinem Herzen hat, ihm kostbar ist, das hat nicht jeder neben ihm.“

Die Nacht des Geistes

Schmerzvoller noch ist die Nacht es Geistes. Abgrundtief verlassen, ausgedörrt ist die Seele. Gott scheint gänzlich entschwunden. Doch in Wahrheit wendet sich Gott nun stärker zu, sagt Johannes vom Kreuz, aber sein Licht blendet die Augen der unvollendeten Seele, sie erfährt es als Dunkelheit.

Wie eine liebende Mutter entzieht Gott der Seele die süße Milch der Brust, um sie an festere Nahrung zu gewöhnen. In dieser Phase erlebt sie Schwermut und depressive Verstimmung, aber es handelt sich nicht um eine psychische Erkrankung, sondern um eine intensive geistliche Wachstumsphase.

Und das, beklagt Johannes vom Kreuz, könnten viele Seelsorger nicht unterscheiden. Er schreibt:

„So kann es sein, daß Gott jemanden den Höhenpfad dunkler, trockener Kontemplation führt, der aber glaubt sich verloren. Und während er so von Dunkelheit und allerlei Schwierigkeiten geplagt wird, von Niedergedrücktheit und von Versuchungen, kommt noch einer daher gleich den Tröstern des Hiob und sagt, das sei Melancholie, Trübsinn oder gar psychische Veranlagung, ja, es könnte sogar eine ihm nicht bewußte schwere Schuld die Ursache sein und Gott habe ihn daher verlassen. Schnell haben solche Leute dann ihr Urteil fertig. Sie begreifen nicht, daß zu diesem Zeitpunkt wohl nichts anderes zu tun ist, als sich allein der Formung, die Gott hier vornimmt, zu überlassen. Trösten muß man hier und Mut machen, daß der Betreffende solange in diesen Prozeß einwilligt, wie Gott ihn geschehen läßt.“

(aus Reinhard Körner: MEISTER DES WEGES Johannes vom Kreuz: Ss 115-116)

Nachdem sich Johannes vom Kreuz von den Folgen der Haft erholt hatte, folgten zehn äußerst fruchtbare Jahre in Andalusien. Mit der ihm eigenen Energie gründete er Klöster, unterwies Novizen, war Rektor eines Studienkollegs der unbeschuhten Karmeliten, Prior zweier Klöster, geistlicher Begleiter mehrerer Frauen- und Männerkonvente.

Und Schriftsteller: Meister fein gearbeiteter kleiner Schriften, Dichter geistlicher Poesie und umfassender Erläuterungen dazu.

Bis zum Tod Teresas 1582 war er immer im Austausch mit ihr. Danach unternahm er mehrere Reisen zu den Versammlungen der inzwischen autonomen Ordensprovinz der Unbeschuhten Karmeliten, bekam hohe Leitungsämter.

Bei alledem war er ein begnadeter und beliebter einfühlsamer Seelsorger und Seelenführer. Und blieb, wie schon als Kind, behütet von der von ihm verehrten Gottesmutter, wovon folgende Episode, die sich beim Kloster in Cordoba ereignete, zeugt:

„Im Verlauf der Umbauten entscheiden die Arbeiter, eine hohe Mauer abzureißen. Nachdem sie die Fundamente freigelegt haben und sie nun von einer Seite mit Hilfe eines Strickes zum Einsturz bringen wollen, stürzt die Mauer auf die andere Seite, wo der ehrwürdige Pater Juan de la Cruz sich aufhielt; sie stürzte auf sein Zimmer und begrub ihn unter sich. Alle Arbeiter und Brüder sprangen herbei, um ihn herauszuziehen, in der Meinung, er sei tot. Und nachdem sie viele Steine und Schutt weggeräumt hatten, fanden sie ihn in einem Winke der Zelle, lächelnd. Er sagte, daß er guten Schutz hatte und daß die Herrin mit dem weißen Mantel ihm geholfen habe.“ 

(aus Ulrich Dobhan, Reinhard Körner: Johannes vom Kreuz Die Biographie, Ss. 149 – 150)

Reinigung, Liebe und Leiden

In den letzten drei Jahren seines Lebens kam es zu Spannungen im Reformzweig der Karmeliten. Ein Ordensbruder in hoher Stellung startete eine Verleumdungskampagne gegen Johannes vom Kreuz. Der nahm es gelassen.

Er hatte das Seine längst getan. Der begabte Seelenführer hatte gelehrt und gelebt, dass es im Glauben um die persönliche Gottesbegegnung geht. Um die zu erlangen, müsse die Seele einen Umwandlungsprozess durchlaufen, eine Reinigung durch Liebe und Leiden.

Und dabei Phasen innerer Leere bestehen. Im Ergebnis entstehe eine Art Freundschafts- und Liebesbeziehung zu Gott, die sich auch auf das Verhältnis des gläubigen Menschen zum Mitmenschen und aller Kreatur auswirke.

Vielleicht hat Johannes vom Kreuz diese Erkenntnisse nicht vorsätzlich eingesetzt, um seinen Orden oder gar die Kirche Spaniens zu reformieren, wie Pater Körner meint:

„Johannes vom Kreuz hat einfach das gelebt, was er als Wahrheit erkannt und erfahren hat. Und dass das dann, wenn wir das Mystik nennen, dass das dann … Früchte hervorgebracht hat, die auch bei anderen dann ein neues Denken, eine neue Art von Leben mit Gott, dann mit den Menschen hervorgebracht hat, das ja. … Das würde also auch für heute gelten: Mystik ist nicht … ein Weg, um die Kirche zu reformieren, Poesie auch nicht, … jedenfalls solcher Art von Poesie nicht. Aber je mehr es Mystik in diesem eigentlichen Sinne gibt, desto mehr wird es in der Welt, … in der Kirche oder in der Christenheit Menschen geben, die eben ein anderes Christsein leben, was dann auch Ausstrahlung haben kann.“

Warum Karol Wojtyla Spanisch lernte

Solche Ausstrahlung hatte Johannes vom Kreuz in seiner Zeit. Aber auch darüber hinaus. Karol Wojtyla – der spätere Papst Johannes Paul II. – war begeistert von den Schriften des Hl. Johannes vom Kreuz, in denen er über die persönliche Natur der Gottesbegegnung schrieb.

Schon als Zwanzigjähriger war er in einem illegalen Gebetskreis unter der nationalsozialistischen Besatzung Polens mit Johannes vom Kreuz in Berührung gekommen.

Später lernte er Spanisch, um dessen Werke im Original zu lesen und schrieb seine Dissertation über ihn. Er hatte auch ein Gespür für die poetische Größe des Johannes vom Kreuz, weshalb er ihn 1993 zum Schutzpatron der spanischen Dichter ernannte.

Die letzte Dichtung

Seine letzten Tage verbrachte Johannes vom Kreuz schwer krank im Kloster von Ubeda in Andalusien. Als die Mönche am 13. Dezember 1591, kurz vor Mitternacht, mit den Sterbegebeten begannen, bat er sie, ihm aus dem Hohen Lied der Liebe vorzulesen.

Mit den Versen dieser Dichtung der Liebe zwischen der Seele und Gott – wie er sie deutete – starb er in den ersten Minuten des 14. Dezember 1591 – also heute fast auf den Tag genau vor 430 Jahren.

Der große geistliche Lehrer und Poet, der durch alle Dunkelheit hindurch die Vereinigung der Seele mit Gott vor Augen hatte. Auch in der dunklen Nacht der Gottesferne, von der es in seinem davon handelnden Gedicht heißt:

O Nacht, die mich lenkte!

O Nacht, holder als das Frührot!

O Nacht, die den Geliebten mit der Geliebten vereinte,

die Geliebte in den Geliebten wandelte.


Oh noche, que guiaste!

Oh noche amable más que el alborada!

Oh noche, que juntaste amado con amada,

amada en el Amado transformada!

(aus Juan de la Cruz: Die dunkle Nacht, La Noche Oscura, Strophe 5)

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden. 

Musik:

Nicolo Spera – Cuentos de la juventud

Jordi Maso – El Pont

Nicolo Spera – Suite compostelana VI. Muneira

Nicolo Spero – Suite compostelana II. Choral

Nicolo Spera – Cancons i danses. No. 6a, Cantabile espressivo

Frederic Mompou – Musica Callada I. Angelico

Frederic Mompou – Musica Callada VI.


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Dieser Beitrag wurde am 12.12.2021 gesendet.


Über den Autor Gunnar Lammert-Türk

Gunnar Lammert-Türk (Jahrgang 1959) ist freischaffender Journalist und Autor. Er wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenerierte. Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Seit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig. Von 2004 bis 2007 führte er mit einem Musiker und einem Zauberer Musiktheatershows für Kinder auf. Er verfasst Rundfunkbeiträge, schreibt Texte für Audioführer und Kinderlieder. Veröffentlichungen im Boje Verlag, Schneider Verlag, Xenos Verlag und im Deutschen Theater Verlag. Kontaktg.lammert.tuerk@gmail.com

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