Am Sonntagmorgen, 05.12.2020

von Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

„Du fehlst mir…“ Von der (adventlichen) Kunst des Vermissens und Erwartens

Sehnsucht zu fühlen und Vermissen wird ist meistens mit Schmerz und Leidenn verbunden. Doch dahinter steckt mehr. Die Adventszeit lädt dazu ein, dem Gefühl der Sehnsucht nachzuspüren und es auch bei Gott zu finden.

© Lilartsy / Pexels

In einem modernen Roman unterhalten sich zwei nachdenkliche Zeitgenossen. Da erzählt der eine, wie ihm Gott abhandengekommen ist – wie ein Skiläufer, der auf dem weißen Schnee lange noch zu sehen ist und dann verschwindet, der also, so heißt es wörtlich,

„da ist und plötzlich nicht mehr da ist...Ich war zum ersten Mal einsam auf der Welt, aber (Gott) hat mir auch nicht gefehlt.“

Und dann folgen die Sätze:

„Gott klingt wie eine Antwort, und das ist das Verderbliche an diesem Wort, das so oft als Antwort gebraucht wird. Er hätte einen Namen haben müssen, der wie eine Frage klingt. Ich habe nicht darum gebeten, einsam auf der Welt zu sein, aber das hat niemand. Denkst Du je über diese Fragen nach?“

Fehlt etwas?

Diese kurze Szene aus dem Roman „Rituale“ des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom bringt etwas auf den Punkt, was heutzutage viele umtreibt.

Das bisherige Gott-Sagen ist schwierig geworden oder sogar unmöglich, die überlieferten Riten und frommen Gewohnheiten halten nicht mehr stand, vom Erscheinungsbild der Kirchen ganz zu schweigen, irgendwie geht es auch so.

Und doch ist da diese Leerstelle, dieser leicht resignative und traurige Unterton, und eben die Sache mit dem eigenen Leben, mit der Einsamkeit auch und mit all den Krisen und Warum-Fragen.

Einerseits fehlt nichts, und andererseits ist da diese Nachdenklichkeit, die in den Raum des Existentiellen und Spirituellen führt. Die einen ziehen daraus eine Konsequenz wie Albert Camus, der von sich bekennt:

„Ich glaube nicht an Gott, aber ich bin kein Atheist.“

Er ist und bleibt voller Leidenschaft für das Experiment Menschwerdung. Andere folgen eher einem nihilistischen Credo nach dem Motto „ich glaub nix, mir fehlt nix“, und machen das Beste daraus. Aber irgendeine Spiritualität, sagen wir Prioritäten oder eine Art Wertesystem, hat wohl jeder.

Gott: eine Art Auskunftsagentur?

Und dann gibt es eben jene, die sich das Wort „Gott“ auf der Zunge zergehen lassen. Sie suchen innerhalb der 99 Namen des Unbegreiflichen den einen, der wie eine, nein wie meine Frage klingt.

Was tue ich, wenn ich Gott sage, verneinend oder bejahend? Was tue ich, wenn ich die damit markierte Leerstelle offenhalte, selbst wenn sie schmerzt wie eine Lebenswunde? Was vermisse ich überhaupt – und vor allem wen?

„Gott klingt wie eine Antwort, und das ist das Verderbliche an diesem Wort, das so oft als Antwort gebraucht wird.“ 

Nicht wenige gerade unter uns Christen haben den Glauben als Antwort auf alle Fragen kennengelernt. Und manche verstehen Gott als eine Art Auskunftsagentur, die alle Fragen beantwortet oder doch beantworten sollte. 

Wie verständlich ist das. Es erinnert an selige Kinderzeiten, wo man Vater und Mutter alles fragen konnte und sie passende Antwort hatten. Aber irgendwann gilt es, erwachsen zu werden, und selbst Verantwortung zu übernehmen.

Und das nötigt dazu, neu und bewusster zu klären, was und wen ich meine, wenn ich Gott sage. Und es schließt den Mut ein, Warum und Wozu-Fragen auszuhalten und Zweifel zu ertragen – eben wie die beiden in Nootebooms Roman.

Gott ist Adressat für alles

Glaubende wissen nicht mehr als Nichtglaubende, im Letzten nicht und im Vorletzten auch nicht. Aber ihnen ist es geschenkt, alle Fragen zu adressieren und ins Gebet zu nehmen.

„Warum, warum hast du uns verlassen? Warum ist viel noch offen? Wie lange noch?“

Dass es so nicht weitergeht, wissen ja alle – aber wohin und wozu und überhaupt?

Die Not des Atheisten sei es, dass er nicht wisse, wohin mit seinem Dank, meinte Elias Canetti. Das Glück des biblischen Gottesglaubens ist es, Freud und Leid adressieren zu können – und Antwort zu bekommen.

Ja, auch das. Das kommt treffend in zwei Versen zum Ausdruck, die wir dem evangelischen Theologen und Dichter Christian Lehnert verdanken:

„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riß, ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiß.“

Das Abenteuer des Wartens

Wir sind mitten im Advent, die Zeit des Wartens auf Weihnachten, die Zeit der Erwartung. Advent heißt Ankunft.

Übrigens kommt auch das Wort Abenteuer daher. Es ist eine aufregende Sache, zu warten. Entscheidend, ob das Warten ziellos ist und gar ins Leere geht. Oder ist da ein Gegenüber, ein Gegenstand, eine Person, die wir erwarten.

Christenmenschen warten auf Jesus, den Christus. Sie vermissen ihn. Sie können und wollen nicht nach Gott fragen ohne Jesus, sie können und wollen nicht nach der Welt und sich selbst fragen ohne Jesus. Er ist ihr Schatz.

Bibel und Kirche sind im Grunde nichts anderes als das ständige Bemühen, Jesus den jeweils höchsten Namen und Platz zu geben, der zugänglich ist. Jesus, der Christus, der Herr, der Erstgeborene der neuen Schöpfung, der gottdurchlässige Mensch, der Gottessohn.

Es ist wie bei den Kosenamen der Liebe: Immer neue Worte werden gesucht, um das Glück und auch die Dramatik der Beziehung auszusprechen. Als könnte man nicht genug kriegen. In einem Weihnachtslied, die Ankunft Jesu in unserem Leben besingend, dichtete Paul Gerhardt wie ein Verliebter:

„O, dass mein Sinn ein Abgrund wär‘ und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.“ 

Für Christen sind die Lebens- und Gottesfragen untrennbar verbunden mit der Jesusgestalt. Was damals für kurze Zeit im kleinen Palästina gelebt wurde und gelungen ist, das soll endlich überall wahr werden. Jesus nannte es das Reich, den Be-Reich Gottes. Nennen wir es eine Zivilisation der Liebe für alle und jeden.

Jesus vermissen

„Bis du kommst in Herrlichkeit“,

beten wir Christen in der Mitte unseres Gottesdienstes. Schon am Grab Jesu sagten die Gottesboten: Er ist nicht hier. Er ist euch vorausgegangen. Ja, das prägt unserer Gegenwart und macht sie zum Advent.

Er ist nicht hier, wir vermissen fast alles, was sich mit seinem heiligen Namen verbindet: seine Kraft und Zärtlichkeit, seine Gottesgewissheit, seinen Mut und seine Demut.

Ach, wie ist er sehenden Auges hineingegangen in das verfluchte Hamsterrad von Gewalt und Gegenwalt und hat darin Feindesliebe gelebt und ermöglicht. Und in all dem wollte sich der unbegreifliche Gott selbst für immer begreiflich machen. In diesem Menschen ist Gott selbst da und offenbart sich als der Schöpfer.

Ja, wer christlich glauben darf, vermisst Jesus. Denn mit ihm verbindet sich der Durchbruch zu jener unglaublichen Feindesliebe, die Versöhnung schafft und Frieden schenkt.  Die letzten zweitausend Jahre können sich durchaus sehen lassen. Denn im Geist Jesu ist viel Gutes geschehen, und es geschieht noch.

Gott sei Dank gibt es Gott

Denken wir nur an die soziale und diakonische Arbeit oder an die Geschichte der Krankenhäuser. Aber wie viel ist leider auch missglückt und missraten, wie viele Rückfälle bis hin zum Missbrauch der Mutter Erde ebenso und so vieler Kinder. Wie viel also ist noch zu tun und zu erhoffen. Wie viel himmelschreiendes Unrecht gibt es noch.

Im christlichen Glaubensbekenntnis steht der Satz:

„Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“

Manche verbinden damit leider Angst, aber in Wahrheit ist ja gerade die Hoffnung gemeint, dass endlich alles in Ordnung kommt, und zwar für jeden und alle. Er wird kommen, alles wieder aufzurichten, was niedergeschlagen ist oder niedergeschlagen wird.

Er wird alles wieder herrichten, was wir durcheinandergebracht haben. Er hat selbst mit seinem Leben dafür bezahlt und ist zum Garanten wirklicher Gerechtigkeit geworden. Er hat das erste und letzte Wort, Gottseidank er und nicht wir.

Deshalb lieben wir ihn und feiern bald wieder seinen Geburtstag. Deshalb aber vermissen ihn, und sagen: „du fehlst uns“, dein Geist möge uns leiten! Im Gottesdienst sagen wir deshalb voller Zuversicht: „bis du kommst in Herrlichkeit“.

Was ist in Jesus‘ Sinne?

Im Bildwort von der Wiederkunft Christi steckt also die Vermisstenanzeige für die Gegenwart. Nicht dass da Jesus als eine Art Zombie und Zaubermann wiederkehren sollte! Nicht dass da Naturgesetze gesprengt oder ein gewaltiger Endknall alles sprengte – nein, im Hoffnungswort von Jesu Wiederkehr kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass seine Lebensart Maßstab bleibt für immer.

Ihn dankbar erinnern und ihn sehnsüchtig vermissen heißt, hier und jetzt schon ganz in seinem Sinn zu leben und zu wirken. Advent ist nicht nur innere Besinnung und besonderes Gefühl, es geht um klare Analysen und konkrete Prioritäten. Wirklich die Ankunft Gottes schon jetzt erwarten, nötigt zur Prüfung von Verhalten und Verhältnissen.

Was ist im Sinne Jesu zu tun, was zu lassen? Noch so viel liegt in der Tat noch im Argen und ist nicht in Ordnung. Aber mit Jesus ist der Durchbruch zum endgültig Guten geschafft.

Deshalb gehört gerade im Advent beides zusammen: die Dankbarkeit für die Jesusgeschichte und ihren Beginn – und die tatkräftige Hoffnung, dass die Haltung Jesu sich überall endlich durchsetzt. Erinnerung und Erwartung – das sind die Pole christlichen Glaubens und seiner Mystik.

„Mystiker ist, wer nicht aufhören kann zu wandern und wer in der Gewissheit dessen, was ihm fehlt, von jedem Ort und von jedem Objekt weiß: Das ist es nicht.“

So fasste der Jesuit Michel de Certeau das Paradox christlicher Mystik zusammen. Verrückter geht’s ja nicht: einerseits die Gewissheit, was uns fehlt, und andererseits gerade deshalb die ständige Suche und das Unterwegssein.

Sehnsucht haben

Ja, es ist vergleichbar der Freundschaft und Liebe auch sonst: „du fehlst mir“, sagen sie nicht nur bei räumlicher Trennung, „ich habe Sehnsucht nach dir“; „ich will, dass du da bist“.

Das Glück und Geschenk der christlich Glaubenden besteht nicht darin, dass sie mehr wüssten als andere und keine Warum-Fragen hätten. Ganz im Gegenteil: Weil sie in Jesus, ihrem Christus, den Schatz im Acker ihres Lebens gefunden haben, vermissen sie ihn und seine Lebensart hier und jetzt umso mehr. Und sie schreien mit Leib und Seele:

„Komm doch endlich.“

Ohne deine Geistesgegenwart kommen wir nicht weiter, hin zum Besseren und zum Guten, hin zu Gott selbst.

„Gott klingt wie eine Antwort. Und das ist das Verderbliche an diesem Wort, das so oft als Antwort gebraucht wird. Er hätte einen Namen haben müssen, der wie eine Frage klingt.“

In diesen Sätzen wird ja nicht nur vorausgesetzt, dass wir Menschen nach Gott fragen. Es wird auch für möglich gehalten und sogar gewünscht, dass Gott nach uns fragt, den Menschen und der Welt. Könnte es sein, dass nicht nur unsereiner heute Gott vermisst, sondern er uns?

„Adam, Eva, wo bist du?“,

lautet immer noch seine Frage. Was macht ihr mit meiner Schöpfung, was macht ihr mit euch selbst?  Diese Umkehr der Fragerichtung mag überraschen und vielleicht irritieren. Aber wenn Glauben das Geschenk einer besonderen Beziehung ist wie die Liebe, dann stiftet er Wechselseitigkeit. 

Gott vermisst den Menschen

Der Advent ist keine Einbahnstraße. Nicht nur unsereiner wartet, dass endlich Jesu Lebensart überall durchkomme und darin Gott selbst. Nein. Er, der Schöpfer aller Ding wartet auf sein Geschöpf und die Schöpfung.

„Die Zeit ist das Warten Gottes, der um unsere Liebe bettelt“,

formulierte Simone Weil. Advent wäre dann eine besondere Einladung, Gottes Bitten zu erhören und ihnen zustimmend Antwort zu geben. Wenn denn das Geheimnis, das wir Gott nennen, wirklich und wirkend Liebe ist, dann sagt er zum Menschen: „du fehlst mir“.

Ein ungeheurer Gedanke, nein: kein Gedanke, sondern die Weihnachts- und Osterbotschaft, im Grunde Jesus selbst. „Du fehlst mir“.

Dieser Satz ist Inbegriff jener Liebe, die Gott und Mensch verbindet, die Musik der geheilten Schöpfung, das göttliche Milieu. Vielleicht wird sie nirgends konkreter als dort, wo wir einander fragen und uns gefragt sehen: „Was fehlt dir?“

„Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riß //
ist meiner Seele nah, so oft ich ihn vermiß“. 

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Kerstin Haag & Thomas Wahl – Die Nacht ist vorgedrungen

Kerstin Haag & Thomas Wahl – Ich steh an deiner Krippen hier

Kerstin Haag & Thomas Wahl – O komm, o komm, Immanuel

Kerstin Haag & Thomas Wahl – Wie soll ich dich empfangen?


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 05.12.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche