Wort zum Tage, 24.11.2021

Pfarrer Hans-Peter Weigel, Bamberg

Todesbewusst

Ein Kulturverein auf Italienreise. Jedes Jahr im Herbst gibt es eine solche Reise. Ältere Herrschaften sind auch dabei. Nächstes Jahr könnte es doch nach Sizilien gehen, schlägt jemand vor.

„Sie fahren doch wieder mit, oder?“,

fragt eine Dame ihre Tischnachbarin. Die lächelt und meint:

„Wenn’s nach mir geht, gern! Aber wissen Sie, ich bin jetzt 89…“

Das Alter sieht man ihr nicht an. Sie genießt die Reise, sie freut sich des Lebens, aber sie macht sich nichts vor.

Auch wer jünger ist als 89 hat es ja nicht in der Hand, ob er gesund und wie lang er am Leben bleibt. Ich bin 89: Auch wenn das Wort nicht fällt – die Rede ist vom Sterben.

November-Feiertage erinnern ans Sterben. Im Sommer dieses Jahres kam die Schriftstellerin Nora Bassong auf den Tod zu sprechen.

Als ihr der Thomas-Mann-Literaturpreis verliehen wurde, erinnerte sie an Manns Roman „Der Zauberberg“, der in einem Lungensanatorium spielt. Dort wissen alle, dass kaum ein Patient geheilt werden kann.

Aber alle tun so, als gäbe es den Tod nicht. Die Patienten liegen, in Decken gehüllt, auf dem Balkon und blicken auf die verschneiten Schweizer Bergkuppen. Weiter wollen sie gar nicht sehen. Todesflüchtig.

Im Roman „Tod in Venedig“ erzählt Thomas Mann von einem alternden, krän-kelnden Schriftsteller, den es auf einer Reise nach Venedig verschlägt.

Er verträgt die Schwüle nicht, eine Cholera-Epidemie grassiert in der Stadt, die schwarz lackierten Gondeln scheinen ihm Särge zu sein, ein Junge mit blassem Gesicht ein Leichnam… Eigentlich will er aus der Stadt fliehen, schwelgt aber so in Todesgedanken, dass er nicht loskommt. Todessüchtig. 

Nora Bassongs Vater war kurz vor der Preisverleihung verstorben. Ein „Hanseat durch und durch“ war er, sagt sie, nüchtern. Er habe sich weder nach dem Tod gesehnt noch ihn verdrängt. Todesbewusst habe er gelebt:

„Mit stiller Gelassenheit annehmend, dass jenseits der Bergkuppen und (…) Horizontlinien, die wir erkennen, hinter Krankheit, Genesung und einer raschen Rückkehr in Alltagsroutinen, noch etwas anderes liegt, etwas Größeres.“ [1]

„Wissen Sie, ich bin jetzt 89“:

Auch das ist todesbewusst.


[1] Zitiert nach dem Abdruck in der FAZ vom 14. Juni 2021.


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Dieser Beitrag wurde am 24.11.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Hans-Peter Weigel

Hans-Peter Weigel begann das Theologiestudium in Bamberg und schloss es (als Zeitgenosse der „68er“) in Tübingen ab. 1973 wurde er zum Priester für das Erzbistum Bamberg geweiht. Nach der Kaplanszeit schickte ihn der Bischof als Religionslehrer an ein humanistisches Gymnasium in Nürnberg und nebenamtlich erst in die Jugendseelsorge, dann in die Familienseelsorge. Nebenbei schrieb er als Autor für das „College-Radio“ im Bayerischen Rundfunk. 2003 bis 2018 war er Künstlerseelsorger und Radio-Beauftragter im Erzbistum Bamberg. Radiosendungen gestaltet er weiterhin, und übernimmt Liturgie- und Predigtdienst in verschiedenen Gemeinden.

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