Gottesdienst am Ersten Adventssonntag

aus der Pfarrkirche St. Viktor in Damme

Predigt von Pfarrer Heiner Zumdohme

Da freut man sich, dass Advent ist, auf Kerzenschein, Plätzchen, warme Stube, Gemütlichkeit. Und dann kommt die liturgische Leseordnung, die uns sofort am Beginn des Advents mit einem Evangelium konfrontiert, das Weltuntergangstimmung verbreitet und irgendwie die ganze schöne Adventsstimmung vermiest. Das, was der Evangelist Lukas da in mächtigen Bildern von Naturkatastrophen malt, um die Wiederkunft Christi zu beschreiben, ist das nicht alles viel zu schrecklich für den Start in den Advent, unsere vorweihnachtliche Stimmung? Werbemanager würden jetzt sagen: zu wenig kundenorientiert!

Aber Jesus geht es nicht darum, uns nach dem Mund zu reden, auch wenn er weiß, dass er dadurch aneckt. Ja, das Evangelium ist nicht immer nur bequem. Aber wir glauben, dass es auch dort, wo es manchmal unbequem ist, am Ende genau das ist, was uns Menschen guttut, weil es Grundwahrheiten des menschlichen Lebens enthält.

Was ist die Grundwahrheit, in diesem Evangelium, die Grundhaltung, mit der ein Christ in die Nachfolge Jesu tritt? Es ist die Aufmerksamkeit!

Ausgedrückt wird dies durch das Wort Jesu: Wachet und betet alle Zeit! Wachsam sein! Insbesondere vor den Katastrophen dieser Welt die Augen nicht verschließen. Nicht nur vor den großen Katastrophen dieser Welt, sondern auch vor den privaten Katastrophen meiner Welt, der bedrohlichen Erkrankung, des unvorhersehbaren Schicksalsschlages. Die Katastrophe des Verlassen-Werdens oder des Nicht-mehr-gebraucht-Werdens.

Es gibt nicht nur die großen Katastrophen durch Überflutung, Vulkanausbrüche, Krieg, Terror, Flucht, wie z.B. die menschliche Katastrophe an der polnisch-belarussischen Grenze im Augenblick oder die neue Coronawelle. Nein, es gibt sie auch direkt vor unserer Haustür. Christen verschließen vor all diesen Katastrophen nicht die Augen, weil wir glauben, dass Gott uns gerade in ihnen entgegenkommt, und er dort zu finden ist, wo Menschen unter diesen Katastrophen leiden.

Was Lukas schildert ist deshalb nicht einfach nur ein Ereignis in ferner Zukunft, sodass wir uns getrost zurücklehnen und ausruhen können auf der Erfahrung: Naja, bis heute ist halt noch nichts dergleichen geschehen, wie es im Evangelium geschildert wird, dann wird es auch wohl jetzt während meiner Lebenszeit nicht unbedingt passieren. Vielleicht ist dieses Denken auch der Grund dafür, dass uns heute die Grundhaltung der Wachsamkeit, der Aufmerksamkeit so schwerfällt.

 

Nein, die Ankunft Gottes in dieser Welt geschieht jetzt. Das Kommen Gottes in diese Welt ist ein dauerndes Ereignis, nicht erst in ferner Zukunft. Und er kommt uns genau dort entgegen, wo alles zusammen zu stürzen droht.

Und deshalb gilt es für uns Christen gerade hier mit Herz und Verstand tatkräftig anzupacken. Christen sagen deshalb niemals: Es hat doch alles keinen Zweck! Alles sinnlos! Nein, sie versuchen auch dort noch zu verwandeln und neu zu gestalten, wo alles am Ende zu sein scheint. Wir ziehen uns nicht zurück in die Gemütlichkeit. Weil wir glauben, dass Christus genau dort, im Elend dieser Welt, zu finden und zu suchen ist, schauen wir genau dorthin, wo sich solches Elend ereignet. Denn Christus zu suchen und zu finden sollte für uns Christen immer tiefster Motivationsgrund sein.

Ja, das Evangelium am ersten Adventssonntag jagt uns hinaus aus unseren gemütlichen Wohnungen in die ungemütliche Kälte, das Nieselwetter, obwohl uns der Sinn in dieser Jahreszeit vielleicht danach steht, uns in unseren warmen Häusern einzunisten. Aber damit eben von vornherein kein falscher Eindruck entsteht, will uns die Kirche am Beginn des neuen Kirchenjahres sofort, ohne Wenn und Aber, mit einer, wenn auch ungemütlichen Grundwahrheit unserer christlichen Existenz konfrontieren: Als Christ kommt es darauf an, sich aufmerksam dem Ungemütlichen im Leben zu stellen.

 

Sie tut es auch deswegen, weil der Advent ja die Zeit ist, in der wir uns auf die Ankunft eines Menschen vorbereiten, der selbst ganz und gar nicht für ein gemütliches Leben steht, sondern der sein Zuhause verlassen hat und nach draußen gegangen ist, in die Ungemütlichkeit, um den Menschen in ihren Lebenskatastrophen zur Seite zu stehen.

Vielleicht wäre es ja einmal eine Idee sich in dieser Adventszeit nicht nur Gemütliches vorzunehmen, sondern vielleicht auch das ein oder andere weniger Gemütliche, das Herausfordernde, ja, das Abenteuerliche: der Besuch bei der trauernden Witwe, dem einsamen Rentner, der geflüchteten Familie. Es gäbe so viel.

Advent und Abenteuer haben übrigens viel miteinander zu tun. Schon sprachlich. Deutlich wird diese Nähe, wenn man das englische oder französischen Wort für Abenteuer ausspricht: Adventure, aventure! Der Klang unseres Wortes Advent wird darin noch deutlich. Eigentlich übersetzt bedeuten diese Worte: etwas wagen, Unbekanntes riskieren!

Vielleicht kann diese sprachliche Wurzel uns heute neue Impulse geben: Dem Advent einen neuen, abenteuerlichen Klang geben. Also zur Wurzel dessen zurückzukehren, was Advent von seinem Ursprung her nicht nur sprachlich, sondern eben auch christlich bedeutet: etwas wagen, Unbekanntes riskieren, indem wir hinausziehen in das Unheil dieser Welt, um dort die froh machende Botschaft Gottes zu verkünden, weil wir Gott genau dort begegnen.

Ich sage dieses auch in Richtung der heutigen Kirche. Häufig habe ich den Eindruck wir haben es uns gemütlich und bequem gemacht in dieser Welt. Haben uns eingerichtet und eingenistet in unsere Gesetze, in unserer Theologie und versuchen alles, diese zu bewahren. Das gilt aber auch für das kirchliche Gemeindeleben: Nichts gegen den Feel-good Faktor in der Kirche, nichts gegen beste Freundinnen und Freunde treffen in kirchlichen Gruppen und Verbänden, nichts gegen Kaffeekränzchen und jugendliche Zeltfete in, mit und durch die Kirche. Nichts dagegen.

Aber wo Kirche, ihre Gruppen und Verbände zur Wohlfühlnische degenerieren, dort müssen wir uns hinterfragen lassen, welchen Sinn das haben soll. Wenn Christsein sich faktisch in keinem säkularen Problemzusammenhang mehr verortet, ist es nur noch Schall und Rauch und hat als erstes jedwede Theologie gegen sich.

Haben wir als Kirche noch Lust auf Abenteuer, auf das Hinausgehen, auf das Etwas-Wagen, auf das Unbekannte-Riskieren? Ich freue mich, dass viele, die den synodalen Weg in unserer Kirche zurzeit gestalten, diese Lust auf Abenteuer haben und bereit sind auch ungemütliche Themen anzupacken und hinausgehen zu denen, für die es viel zu lang in unserer Kirche ungemütlich und kalt war. Haben wir keine Angst, den Schritt in das Unbekannte zu wagen. Christus wartet dort auf uns. Das sollte Motivation genug für uns sein, diesen Schritt zu wagen, Advent zu leben.

Gerade Papst Franziskus ruft uns auf, wenn er in seinem ersten Apostolische Schreiben Evangelii Gaudium schreibt: „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist!“

Und er schreibt weiter: „Ich hoffe, dass mehr als die Furcht ein Fehler zu machen, unser Beweggrund die Furcht sei, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben, in die Normen, die uns zu unnachsichtigen Richtern verwandeln, in die Gewohnheiten, in denen wir uns ruhig und bequem fühlen, während draußen eine hungrige Menschenmenge wartet und Jesus uns pausenlos wiederholt zuruft: Gebt ihr Ihnen zu essen!“ Das ist Abenteuer pur, was Franziskus hier beschreibt. Das ist Advent.

Und zu einer solchen abenteuerlichen, adventlichen Kirche, sind wir aufgerufen, sie aufzubauen. Nicht nur im Advent, sondern immer, damit Jesus in diese Welt kommen kann. Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 28.11.2021 gesendet.





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