Wort zum Tage, 22.11.2021

Pfarrer Hans-Peter Weigel, Bamberg

Cäcilia

Sie ist Flötistin, er Pianist. Berufsmusiker, aber ohne feste Anstellung. Das Paar wohnt in meiner Nachbarschaft. Im Lockdown gaben sie öfters Balkonkonzerte. Gratis. Sie musizierten, weil es sie in den Fingern und auf den Lippen juckte.

Die katholische Kirche begeht heute, am 22. November, den Tag der heiligen Cäcilia. Sie ist die Schutzpatronin der Musiker, Dirigenten und Sänger. Zu ihrer Schirmherrschaft kam sie auf sehr gewundenen Wegen.

Historisch weiß man wenig über sie. Sie lebte im 3. Jahrhundert in Rom, starb als Märtyrin und wurde in den Katakomben begraben. In ihrer Legende haben mehrere Tatsachen aus der frühen Christenheit Gestalt angenommen.

Erstens: Die Christen verweigerten sich der römischen Staatsreligion, sie wurden verfolgt; ihren Glauben praktizierten sie im Verborgenen.

Zweitens: Eine Familie Caecilii schenkte der christlichen Gemeinde ihr Anwesen samt beheiz-baren Bad – heute noch zu besichtigen.

Drittens: Zu Schwertkämpfen und anderen Spektakeln in der Arena spielte Orgelmusik.

Viertens: Es gab im Frühchristentum eine feministische Bewegung. Junge Frauen forderten Selbstbestimmung, lehnten die Rolle der Hausfrau und Mutter ab. Nicht ein Ehemann solle ihr Herr sein, sondern Christus, so sagten sie.

Die Legende erzählt Folgendes: Gegen den Willen der Eltern lässt Cäcilia sich taufen. Gegen ihren Willen wird sie von den Eltern mit einem jungen Patrizier verheiratet, der kein Christ ist.

Bei der Hochzeit spielt die Orgel zum Tanz auf. Nach einer anderen Version spielt Braut Cäcilia selbst die Orgel. Bald wird Cäcilia als Christin denunziert und zum Tod verurteilt.

Sie wird nicht öffentlich hingerichtet, sondern heimtückisch im Bad ihres Hauses mit heißem Dampf erstickt. Im Todeskampf betet sie singend zu Christus.

Meine Musikernachbarn und ihre Kolleginnen und Kolleginnen lege ich ihrer Schutzpatronin Cäcilia gern ans Herz! Wenn sie im Lockdown ohne Einkommen waren, sollen sie wieder auf die Füße kommen.

Sie sollen auftreten und sich ausdrücken und sich im Applaus baden. Gesangsvereine sollen sich wieder zum Proben zusammenfinden. Die Politiker sollen sich bekehren und lernen, dass Musik sehr wohl systemrelevant ist.

Das Publikum, von Konzerten entwöhnt, soll wieder zu den Bühnen strömen, sich fesseln lassen, beschwingt nach Hause gehen – und merken, was ihm gefehlt hat. Heilige Cäcilia, bitte für uns!


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Dieser Beitrag wurde am 22.11.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Hans-Peter Weigel

Hans-Peter Weigel begann das Theologiestudium in Bamberg und schloss es (als Zeitgenosse der „68er“) in Tübingen ab. 1973 wurde er zum Priester für das Erzbistum Bamberg geweiht. Nach der Kaplanszeit schickte ihn der Bischof als Religionslehrer an ein humanistisches Gymnasium in Nürnberg und nebenamtlich erst in die Jugendseelsorge, dann in die Familienseelsorge. Nebenbei schrieb er als Autor für das „College-Radio“ im Bayerischen Rundfunk. 2003 bis 2018 war er Künstlerseelsorger und Radio-Beauftragter im Erzbistum Bamberg. Radiosendungen gestaltet er weiterhin, und übernimmt Liturgie- und Predigtdienst in verschiedenen Gemeinden.

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