Am Sonntagmorgen, 21.11.2020

von Angelika Daiker, Stuttgart

Lebenssatt oder Lebensmüde? Vom Wunsch, sterben zu wollen

Es heißt, dass das Leben eine Gabe ist, die zur Aufgabe wird, die nur mit Hingabe erfüllt werden kann. Doch was, wenn das alles zu abstrakt und einfach gesagt ist? Was, wenn ein Mensch einfach nicht mehr leben will?

© Gratisography / Pexels

Es ist eine befremdliche Szene, mit der das Theaterstück „Gott“ von Ferdinand von Schirach beginnt. Eine fiktive Sitzung des Deutschen Ethikrats verhandelt den Tötungswunsch des 78-jährigen Herrn Gärtner, der nach dem Tod seiner Frau nicht mehr leben will und um ärztliche Suizidhilfe bittet.

Seine Frau ist seit 3 Jahren tot. Obwohl er selbst gesund und finanziell abgesichert ist, Kinder und Enkelkinder hat, sieht er seit dem Tod seiner Frau keinen Lebenssinn mehr.

„Sie fehlt mir. Sie fehlt mir, wenn ich aufwache, und sie fehlt mir, wenn ich einschlafe. Sie fehlt bei allem, was ich tue, und bei allem was ich sehe. Sie ist weg und ich bin noch da. Das ist nicht richtig.“ (Gott, S.16)

„Darüber reden hilft nichts, ich habe es zwei Jahre lang probiert. Dann sollte ich Medikamente nehmen, sie seien sehr gut, wurde mir gesagt. Aber das will ich nicht. Ich will einfach in Ruhe sterben.“ (Gott, S.17) 

Trauerbegleitung

Eine Situation, die viele Trauernde kennen: Sie fühlen sich nach dem Tod des Partners oder der Partnerin wie halbiert.

Dieses Gefühl verlangt Respekt und duldet keine harmlosen Tröstungsversuche. In der Begleitung trauernder Menschen ist mir diese Situation oft begegnet. 

Den Wunsch, sterben zu wollen, kennen Menschen, als vorübergehende Stimmung oder als langanhaltende Verzweiflung, die vielleicht sogar zum Suizid führt. Es gibt vieles, was uns lebensmüde macht und die Kraft zum Leben raubt.

Warum wollte er sterben?

Wie schwer das Weiterleben ohne den geliebten Verstorbenen ist, habe ich bei Trauernden oft erlebt. Doch nie ist mir eine Situation wie die von Herrn Gärtner begegnet.

Dass jemand bei klarem Verstand, finanziell abgesichert, ohne körperliche Einschränkungen und mit Kindern und Enkelkindern an der Seite auf diese Weise Anspruch auf Suizidbeihilfe äußert, ist außergewöhnlich.

„Ich sagte schon, das Leben bedeutet mir nichts. Nichts mehr. Und ich will nicht irgendwann ins Krankenhaus, ich will nicht an Schläuchen hängen, ich will nicht aus dem Mund sabbern, und ich will nicht dement werden. Ich will als ordentlicher Mensch sterben, so, wie ich gelebt habe.“ (Gott S. 17/18)

„Ich will, dass alle verstehen, dass es in Ordnung ist, dass ich sterben will. Ich will, dass man Menschen wie mir hilft. Ich will sterben, und das ist nicht amoralisch, egoistisch oder krank.“ (Gott, S. 20)

Offensichtlich hat Herr Gärtner Horror-Szenarien des Sterbens vor Augen. Er kennt die Ambivalenz einer Hochleistungsmedizin, die für Menschen segensreich aber auch beängstigend sein kann.

Deshalb will er den assistierten Suizid. Und er will, dass sein Suizidwunsch, nicht moralisch bewertet wird.

Gesetzeslage bleibt umstritten

In einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 findet Herr Gärtners Wunsch Verständnis.

Das dort benannte „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ macht den Suizid zur letzten Manifestation der eigenen Selbstbestimmung!

Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen. Die Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.Die Freiheit, sich das Leben zu nehmen, umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen.“

Die politische Umsetzung dieses weitreichenden Urteils ist noch offen. Im Detail sind viele Fragen ungeklärt: Wer darf das tödliche Medikament erhalten?

  • Und wer wird es verabreichen?
  • Wer ist überhaupt in der Lage einen „freiverantwortlichen, wohlüberlegten Suizidwunsch“ zu äußern?
  • Sind Menschen in schwierigen Lebenssituationen, nicht immer der eigenen inneren Ambivalenz ausgeliefert?
  • Und wird einem Menschen in schwerer Depression, mit einem leicht zugänglichen Suizidangebot nicht die Chance genommen, seine Verzweiflung als eine vorübergehende zu erfahren?

Klare Haltung der katholischen Kirche 

Durch das Urteil des Verfassungsgerichts könnte in Deutschland eine so weitgehende Praxis ermöglicht werden wie in keinem der Länder, in denen aktive Sterbehilfe und assistierter Suizid bereits erlaubt sind.

Wäre das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen das allein bestimmende Kriterium, würde sich Deutschland an die Spitze der Sterbehilfebewegung setzen.

Die große politische und gesellschaftliche Diskussion über dieses Urteil steht noch aus. Bereits deutlich positioniert haben sich die Kirchen. Für die katholische Kirche ist das Leben „der Verfügung des Menschen entzogen“, vom Anfang bis zum Ende.

Deshalb lehnt sie „alle Formen der aktiven Sterbehilfe und der Beihilfe zur Selbsttötung“ ab, betont jedoch, dass „der Tod eines Menschen nicht künstlich hinausgezögert werden soll“ und plädiert für den Ausbau der Hospizarbeit und Palliativversorgung.

Diskussion in der evangelischen Kirche 

In der evangelischen Kirche ist dagegen eine kontroverse Auseinandersetzung in Gang gekommen. Stimmen melden sich, dass Suizidwillige in kirchlichen Einrichtungen ein sicherer Rahmen geboten werden soll, damit diese auf professionelle und nicht qualvolle Weise ihren Suizidwunsch erfüllen können.

Von einer pointierten Gegenposition wird jedoch die Möglichkeit des assistierten Suizids in diakonischen Einrichtungen kategorisch abgelehnt. Dieser müsse absolute Ausnahme in „individuellen Grenzsituationen“ bleiben.

Der Wunsch nach assistiertem Suizid trägt ein ethisches Dilemma in sich, das durch das Urteil des Verfassungsgerichts verschärft ans Tageslicht kam aber nicht gelöst wurde: Der Wunsch nach Autonomie ist berechtigt.

Aber in seinem Absolutheitsanspruch reibt er sich an anderen ethischen Werten wie z.B. Solidarität, Verantwortung, Mitgefühl, Vertrauen und findet möglicherweise Grenzen an der Autonomie anderer.

Der Tod bleibt eine Zumutung

Den Wunsch zu sterben, haben viele Menschen. Er kann die Frucht eines guten und erfüllten Lebens sein. Es gibt Menschen, die lebenssatt und erfüllt sterben können.

Und es gibt die, die in akuter Krise oder über längere Zeit lebensmüde sind und ihr Leben beenden wollen. Wir wissen nie, wie der Tod geschehen wird und das macht Angst.

Wie Herr Gärtner sehen viele im assistierten Suizid eine Strategie, den beängstigenden und unfassbaren Tod in den Griff zu bekommen. Doch immer bleibt der Tod eine Zumutung – auch im assistierten Suizid. 

Für Herrn Gärtner bräuchte es eine Information über das, was Dank Hospiz- und Palliativbewegung bereits möglich ist.

Sterbende begleiten – aber wie? 

Seit der Bundestag 2009 die „Verbindlichkeit der Patientenverfügung“ beschlossen hat, braucht er keine Sorge mehr zu haben, gegen seinen Willen an Schläuchen hängen zu müssen.

Behandlungsabbruch ist bei nicht zielführenden Behandlungen möglich und gängige Praxis. Und aus der palliativen Arbeit wissen wir, dass Menschen mit schlimmen Symptomen im Sterben gut begleitet werden können und dass so auch Angehörige ihren Trauerweg gehen können. In einem guten palliativen Kontext verändern sich Autonomie-Wünsche. 

Es ist auch möglich, dass sterbende Menschen sich dann gerne anvertrauen und froh sind, aus allen Ansprüchen der Selbstverwirklichung heraustreten zu dürfen!

Der große Spagat für den Gesetzgeber besteht darin, Menschen in ihrem Autonomiewunsch ernst zu nehmen und gleichzeitig Suizidbeihilfe als „individuelle Hilfe in Ausnahmesituationen“ zu sehen. Und nie als eine „Art von Normalfall“ (Dt. Ethikrat).

Assistierter Suizid – Nachfrage steigt

Bereits jetzt gibt es in den Heimen und Hospizen eine vermehrte Nachfrage nach assistiertem Suizid – obwohl es das Gesetz noch gar nicht gibt und wir uns gerade in einem weithin rechtsfreien Raum bewegen. Viele glauben jetzt schon, sie hätten einen Anspruch auf assistierten Suizid.

Für alte Menschen ist das auch deshalb eine Frage, wenn sie den Angehörigen nicht zur Last fallen wollen! Der deutsche Ethikrat fordert deshalb den

„Schutz sozialer Normen und Überzeugungen, auf den sich auch alte Menschen verlassen können.“

Niemals darf es in unserer Gesellschaft so weit kommen, dass ältere Menschen sich gedrängt fühlen, aus dem Leben zu scheiden.

Es braucht den Respekt für die Not der Menschen, die des Lebens überdrüssig, lebensmüde, sind oder die keinen anderen Ausweg mehr sehen.

Offen ringen und weiterdenken 

So wie Jochen Klepper, dem sprachgewaltigen Dichter christlich-frommer Lieder. Am 11. Dezember 1942 hatte er gemeinsam mit seiner jüdischen Frau Hanni und deren Tochter Renate als gläubiger Mensch den Suizid gewählt. Er schrieb kurz davor:

„Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Im Respekt vor solchen persönlichen, leidvollen Schicksalen ist jede moralische Bewertung zu vermeiden. Hingegen ist Herrn Gärtners Anspruch, assistierten Suizid zum Normalfall zu machen, eine Gefährdung sozialer Überzeugungen, die auf dem unantastbaren Wert menschlichen Lebens basieren.

Politisch braucht es jetzt ein offenes und kontroverses Ringen. Und auch in den Kirchen braucht es ein engagiertes und differenziertes Weiterdenken.

Das größte und schwerste Geschenk

Das Leben ist uns geschenkt, als Gnade und als Auftrag. Und der Wunsch, nicht sterben zu wollen, der Wunsch zu leben, ist meistens stärker. In guten Tagen können wir das Leben als ein großes Geschenk erfahren, das wir behutsam in Händen halten dürfen.

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn“,

so der Dichter Rainer Maria Rilke. Es ist kostbar, wenn wir am Ende lebenssatt, erfüllt, vielleicht auch traurig unsere Lebensringe sehen können.

Und welch ein Glück, wenn wir die Kraft haben, für den letzten Lebensring wenigstens bereit zu sein. Das ist nicht selbstverständlich.

„Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn“,

so heißt es bei Rilke weiter. Die Bereitschaft, den Menschen auch noch für den letzten, vielleicht mühseligen Lebensring zu stärken, schützend und ummantelnd auch in schwerer Krankheit, das ist das Anliegen und das Verdienst der Hospiz- und Palliativbewegung.

Sie ringt mit jedem einzelnen Menschen um sein Leben – und: Sie kennt barmherzige Wege für den, der keine Kraft mehr hat zu leben und weiß, auch ihm gut beizustehen!

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Sokratis Sinopoulos Quartet: Dawn

Sokratis Sinopoulos Quartet: Lament

Sokratis Sinopoulos Quartet: Red Threat

Sokratis Sinopoulos Quartet: Red Threat

Loreena McKennitt: Penelope’s Song


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Dieser Beitrag wurde am 21.11.2021 gesendet.


Über die Autorin Angelika Daiker

Dr. Angelika Daiker. geb. 14.03 1955, studierte in Tübingen, München und Wien. Sie promovierte in Wien bei Prof. Dr. Michael Zulehner. Die gekürzte und überarbeitete Fassung ihrer Dissertation erschien 1999 unter dem Titel „Über Grenzen geführt – Leben und Spiritualität der Kleinen Schwester Magdeleine“ im Schwabenverlag. Daiker ist Pastoralreferentin und leitete von 2007- 2017 das Hospiz St. Martin in Stuttgart, das sie konzeptionell aufgebaut hat. Als Autorin, als Trauerbegleiterin und als Dozentin für Sacred Dance wird sie zu Vorträgen und Seminaren im Bereich Trauer- und Sterbebegleitung, zu Themen der Spiritualität und zu Tanzseminaren eingeladen. Neueste Veröffentlichung:
Hülle und Fülle - Palliative Spritualität in der Hospizarbeit,
Angelika Daiker / Barbara Hummler - Antoni,
Patmosverlag September 2018

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