Morgenandacht, 17.11.2021

von Vikar Manuel Klashörster, Salzkotten

Tibidabo

Der „Tibidabo“ ist mit über 500 Metern einer der höchsten Berge Barcelonas. Wer hier oben ist, genießt einen faszinierenden Ausblick über die Großstadt bis auf das Mittelmeer.

Unzählige Menschen zieht es auf den „Tibidabo“, egal ob sie nur kurz als Reisende Barcelona besuchen oder diese Stadt ihre Heimat nennen.

Als ich zum ersten Mal diesen Namen gehört habe, habe ich mir nichts Besonderes dabei gedacht. „Tibidabo“ hielt ich für ein Wort aus der katalanischen Sprache, der Sprache Barcelonas. Doch dann habe ich erfahren, dass dieser Name aus der Bibel stammt.

Der Evangelist Matthäus erzählt, dass Jesus 40 Tage in der Wüste fastete. Dabei wird er dreimal vom Teufel, der in der Bibel auch „der Versucher“ genannt wird, auf die Probe gestellt.

Im letzten Versuch führt er Jesus auf einen hohen Berg, von wo er ihm „alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht“ zeigt und sagt:

„Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.“

Doch Jesus widersteht dem Anblick der Pracht und antwortet:

„Nur vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“

„Ich will dir geben“,

hatte der Teufel gesagt – in der lateinischen Übersetzung der Bibel heißt das „tibi dabo“.

Die Menschen, die dem Berg in Barcelona seinen Namen gegeben haben, waren von ihrem Berg und dem Ausblick fasziniert und so kam ihnen die Erzählung aus der Bibel in den Sinn.

Möglicherweise fühlten sie sich bei dem Ausblick auch an die biblische Warnung dahinter erinnert: Bei dem Blick auf all das Weite, Schöne und Bestaunenswerte nicht denjenigen zu vergessen, der als Schöpfer hinter allem steht.

Tatsächlich steht auf dem Tibidabo auch eine Kirche, die von der Stadt und vom Meer aus zu sehen ist. Täglich suchen Menschen diese Kirche auf, auch zum stillen Gebet über die Gottesdienstzeiten hinaus. Sie ist ganz ausdrücklich ein Ort der Anbetung Gottes.

Für viele Christen ist heute der Buß- und Bettag, und damit nicht gerade der Höhepunkt des Jahres. Überhaupt: Klingt Bettag nicht nach längst vergangenen Zeiten?

Und: Was soll man sich in unserer Zeit unter einem Bußtag vorstellen? Nicht nur weil dieser Tag als gesetzlicher Feiertag in vielen Regionen Deutschlands nicht mehr vorkommt, scheint dieser Tag schon der Vergangenheit anzugehören, bevor es heute Abend wird.

Auch wenn er einen seltsamen Namen trägt – Der Buß- und Bettag hat das Ziel, sein eigenes Leben als Ganzes in den Blick zu nehmen, wie von einem Aussichtspunkt.

Buße, das bedeutet: Umdenken, seinem Leben möglicherweise eine neue Richtung geben, wenn man erkennt, dass etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Damit sind dann auch Fragen verbunden: Was ist mir in meinem Leben wichtig? Was will ich erreichen? Auf wen richte ich mein Leben aus?

Daran erinnert mich der Tibidabo: Ähnlich wie Jesus, der beim Ausblick auf die Welt Gott darin nicht übersehen wollte, soll der Buß- und Bettag einen besonderen Ausblick auf das eigene Leben ermöglichen.

Die unterschiedlichen Landschaften mit ihren Höhen und Tiefen erscheinen von da aus gesehen einfacher mit Gott verbunden.

Wenn Gott den Tod überwunden hat und auch uns Menschen sein Leben schenken will, dann erscheinen viele Herausforderungen in einem ganz anderen Licht.

Unterschiedliche Phasen meines eigenen Lebens kann ich dann nicht nur als Ergebnis meiner eigenen Absichten und Ziele verstehen, sondern ich ahne dann auch, dass Gott mein Leben mitleben will.

Um das zu erkennen, muss man bestimmt nicht nach Barcelona reisen und die Kirche auf dem Tibidabo besuchen. Ein Tag wie heute ist schon eine gute Gelegenheit, die Dinge meines Lebens gut anzuschauen und sie im Horizont seines Lebens zu sehen.

Denn davon bin ich überzeugt: Ich bekomme erst dann wirklich mein Leben in den Blick, wenn ich einen Ort oder auch eine Zeit finde, in der ich den erahnen darf, der der Herr aller Welt ist.


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Dieser Beitrag wurde am 17.11.2021 gesendet.


Über den Autor Manuel Klashörster

Kontakt: klashoerster@pastoralverbund-salzkotten.de

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