Morgenandacht, 20.11.2021

von Vikar Manuel Klashörster, Salzkotten

Schiefer Rahmen

Ich bin mir sicher, dass sie fast jeder schon einmal gesehen hat: die beiden kleinen pausbäckigen Engel, die auf einer Art Fensterbank lehnen, ihre Köpfe auf die verschränkten Arme gelegt haben und sich scheinbar langweilen.

Ursprünglich erscheinen sie nur am Rand eines viel größeren Gemäldes: Auf der „Sixtinischen Madonna“ von dem italienischen Künstler Raffael. Dieses Gemälde ist schon über fünfhundert Jahre alt.

Im Zentrum dieses Bildes ist Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm zu sehen, den sie den Betrachtern des Bildes entgegenträgt. Die beiden kleinen Engel sind ihr unter die Füße gemalt.

Aber so bekannt diese beiden Engel am unteren Bildrand auch geworden sind, mindestens so spannend und ungewöhnlich finde ich das, was man am oberen Rand dieses Bildes sieht.

Maria und das Jesuskind werden dort nämlich von einem geöffneten Vorhang eingerahmt, sogar dessen Gardinenstange hat der Künstler gut sichtbar gemalt. Doch: Diese Stange ist krumm und schief.

Es ist erstaunlich: die Gottesmutter Maria trägt das Heil der Welt auf ihren Armen – doch diese christliche Glaubensbotschaft wird eingerahmt von einem schrägen Rahmen.

Ich bin mir sicher, Raffael, in dem viele ein Genie sehen, hätte diese Stange auch gerade malen können. Aber gerade diese krumme Stange bringt für mich etwas Wichtiges auf den Punkt: Als Menschen haben wir doch immer auch eine nur eingeschränkte Perspektive auf Glaubensdinge und alle Fragen, die über Irdisches hinausgehen.

Gerade jetzt im November, der ja auch als „Totenmonat“ gilt, scheint es mir auch darum zu gehen. Im christlichen Glauben ist das Denken an Verstorbene und die Trauer mit dem Glauben an das ewige Leben verbunden.

Der Glaube an die Auferstehung von den Toten geht über das menschliche Begreifen hinaus. Ein ewiges Leben bei Gott sprengt buchstäblich den Rahmen unserer endlichen Vorstellungen.

Die Bibel spricht davon in den höchsten Tönen. Da heißt es:

„Gott wird alle Tränen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“

(Offb 21,4)

Wie sollen Menschen sich so etwas vorstellen können, solange sie in einer Welt leben, aus der sich Tränen, Trauer und Klage nicht wegdenken lassen?

Genau an dieser Stelle denke ich an die schiefe Gardinenstange des Gemäldes. Im Zentrum geht Maria mit dem Jesuskind auf die Betrachter des Bildes zu.

Es ist der wichtigste Inhalt des christlichen Glaubens, dass Gott in diesem Jesus als Mensch in die Welt kommt und dadurch göttliches und menschliches Leben miteinander verbindet.

Doch wie schwer fällt es mir, dieses Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zu erfassen. Es erscheint stets in dem schiefen Rahmen meiner eigenen Vorstellungen und Begrenzungen.

Aber gerade wenn ich mir vor Augen führe, wie begrenzt meine menschlichen Maßstäbe sind, kann ich hoffen, dass das Leben größer ist und mit dem Tod nicht aufhört.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Künstler gerade das mit seinem Gemälde ausdrücken wollte. Das Vollkommenste, das man sich vorstellen kann – Gott und Mensch kommen zusammen – das kann in der ganzen Fülle vom Menschen nie erfasst werden.

Jede Auseinandersetzung damit bleibt menschlich und erscheint in einem schiefen Rahmen. Aber: Der Vorhang ist geöffnet, er gibt den Blick auf das Geheimnis frei.

Auch deshalb ist dieses Bild eine Ermutigung für mich, an der Hoffnung auf das immer Größere, das uns noch erwartet, festzuhalten. Gerade im November, wenn die Liebe zu unseren Verstorbenen die Sehnsucht danach weckt:

„Gott wird alle Tränen abwischen und der Tod wird nicht mehr sein.“


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Dieser Beitrag wurde am 20.11.2021 gesendet.


Über den Autor Manuel Klashörster

Kontakt: klashoerster@pastoralverbund-salzkotten.de

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