Gottesdienst am 33. Sonntag im Jahreskreis

aus der Klosterkirche St. Anna in München

Predigt von Pater Hans-Georg Löffler

Liebe Schwestern und Brüder,

der Volkstrauertag ist fest eingemerkt in den jährlichen Kalender. Er ist ein ernstes Erinnerungsdatum. Die Ursprünge dieses Gedenktages, der, wie so Vieles unserer Kultur, immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheint, liegen über 100 Jahre zurück.

Man wollte der vielen Gefallenen des 1. Weltkriegs gedenken, als man 1919 über einen solchen Gedenktag nachdachte. Dabei sollten alle einbezogen werden, Deutsche aller Religions- oder Konfessionszugehörigkeit, aller sozialen Schichten. Zu tief war der Schmerz über die vielen, vielen Opfer.

Im Laufe der Zeit wurde über die Notwendigkeit und die Sinnhaftigkeit eines solchen Gedenktages immer wieder diskutiert. Auch wurde der Volkstrauertag politisch missbraucht, von der nationalsozialistischen Ideologie als „Heldengedenken“ betitelt, um ihrer menschenverachtenden Propaganda zu dienen.

Seit 1952 wird der Volkstrauertag in der Bundesrepublik Deutschland am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres begangen, 14 Tage vor dem Ersten Advent. Inhaltlich hat sich das Gedenken weiterentwickelt, wo schwerpunktmäßig der Gefallenen der beiden großen Weltkriege gedacht wurde sind im Laufe der Jahre alle Opfer von Kriegen, Unrechtssystemen und Krisen weltweit in den Blick genommen worden. In einem Artikel lese ich aus der Ansprache des früheren Bundespräsidenten Gauck: 

„Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“

Es kommt mir beim Lesen dieses Zitates ein anderes Wort in den Sinn, das mir vor Jahren einmal als Buchtitel aufgefallen war:

„Von der positiven Kraft der Erinnerung!“

Wir schauen an einem Gedenktag wie dem Volkstrauertag, auf die Gräuel der Geschichte, um zu erinnern, aber auch, um aus dem Erinnern die Verantwortung für das Leben heute abzuleiten, die Verpflichtung, alles zu tun, damit Menschen heute und zukünftig in Frieden leben können.

„Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“

„Die positive Kraft der Erinnerung!“

Auch unser Christ-Sein lebt von der Erinnerung. Im Blick auf das Kreuz, auf den gekreuzigten Christus, erinnert unser Glauben nicht nur an den einen, der qualvoll gestorben ist.

Die Leiden der ganzen Welt, durch alle Generationen hindurch, die Leiden von Einzelnen und Völkern, Minderheiten und unschuldig zu Opfern Gemachten, haben unter dem Zeichen des Kreuzes im geschundenen Leib Christi ihren Platz, bleiben präsent auch als mahnender Aufruf, sich immer wieder einzusetzen für die Menschen, für diejenigen, deren Lebensräume ausgebeutet werden, die flüchten vor Klimawandel und Krieg, die neue Lebensmöglichkeiten suchen, eine friedvolle Zukunft.

Als Christen leben wir von der Erinnerung an den, der das Kreuz auf sich genommen hat: Erinnerung und Mahnung, und, wie zum Trotz, Zeichen der Hoffnung.

Ich wünsche uns diese christliche Hoffnung in den Herausforderungen und Zumutungen unseres Lebens: durch das Kreuz zum Licht, durch den Tod zum Leben.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 14.11.2021 gesendet.





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