Wort zum Tage, 12.11.2021

Andrea Wilke, Arnstadt

Heimkommen

Wenn meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich früher in den großen Sommerferien in den Urlaub fuhren, dann war es immer unser Großvater, der sich in dieser Zeit um unsere Wohnung kümmerte.

Er goss die Pflanzen und leerte den Briefkasten. Er kümmerte sich auch um den Garten. Wenn wir dann wieder nach Hause kamen, fanden wir eine Wohnung vor, in der die Rollläden hochgezogen und die Zimmer frisch gelüftet waren.

Im Brotkasten lag ein frisches Brot und der Kühlschrank war soweit gefüllt, dass es für die erste Mahlzeit der Heimkehrenden reichte. Manchmal war unser Großvater selbst noch da, um uns zu begrüßen.

Und wenn er bei unserer Ankunft mal nicht da war, dann lagen in der Küche auf dem Tisch ein Zettel mit der Handschrift meines Großvaters, dass er sich freut, dass wir wieder da sind, und die ersten Äpfel aus unserem Garten. Den Geruch der Äpfel habe ich noch heute in meiner Nase.

Es war immer ein Nachhausekommen, bei dem ohne unser Zutun doch alles vorbereitet war. Komisch, dass mir diese Erlebnisse aus den Sommern meiner Kindheit jetzt im November so präsent sind. Aber vielleicht passt das ja auch zusammen.

In keinem anderen Monat wird wohl wie im November ans Sterben oder an Verstorbene gedacht. Je älter ich werde, desto öfter kommt mir die Frage, wie es wohl sein wird, wenn ich einmal sterbe. Wird es dann so ein Nachhausekommen sein? Klar, der Vergleich hinkt.

Mein Leben ist ja keine Ferienreise, zu der ich von meinem Zuhause aufbreche und dann voller Erlebnisse wieder heimfahre. Aber es ist eine schöne Vorstellung für mich, wenn man weiß, dass man am Ende seines irdischen Lebens nach Hause geht.

Ich stelle mir das Ankommen nach dieser langen Reise schön vor, auch wenn es niemanden gibt, der uns davon Genaues berichten könnte.

Ein Kirchenlied mit dem bezeichnenden Titel

"Wir sind nur Gast auf Erden"

singt vom Heimweg. Da heißt es in der letzten Strophe:

"Und sind wir einmal müde, dann stell ein Licht uns aus, o Gott, in deiner Güte, dann finden wir nach Haus."

Vor meinem geistigen Auge sehe ich den Weg in der abendlichen Dämmerung vor mir, und am Rande des Weges Laternen, wie sie in der Adventszeit oft aufgestellt werden.

Die flackernden Kerzen werfen Licht auf den Weg, damit man sich nicht verläuft. Und irgendwo, noch weiter weg ein Haus, in dem es hinter den Fensterscheiben warm leuchtet, weil es bewohnt ist.

Das ist alles meine Phantasie, aber so stelle ich mir im übertragenen Sinn mein Heimkommen am Ende meines Lebens vor. So wäre es schön.


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Dieser Beitrag wurde am 12.11.2021 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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