Wort zum Tage, 10.11.2021

Andrea Wilke, Arnstadt

Was ist dein Wunsch?

Eine kleine Schieferplatte hat es mir angetan. Sie steht in einem Vorgarten an einen Stein gelehnt. Der kleine Vorgarten gehört zum Haus der Franziskanerbrüder, die im Eichsfeld oben auf dem Hülfensberg wohnen.

Dort habe ich diese kleine Schieferplatte im Vorgarten entdeckt. Auf ihr ist mit weißer Farbe und mit einfachen Strichen ein Engel gemalt und dazu steht Folgendes:

"Ein Schutzengel fragte: 'Was ist dein Wunsch für heute?' Ich antwortete: 'Pass gut auf den Menschen auf, der das gerade liest!'"

Als ich diesen kleinen Dialog auf der Schieferplatte gelesen habe, muss ich schmunzeln. Das bin ja ich. Ich habe dieses gerade gelesen. Auf mich soll der Schutzengel heute aufpassen.

Ich bin gerührt. Nicht nur wegen des guten Wunsches für mich, sondern auch wegen der Selbstlosigkeit desjenigen, der von einem Engel einen Wunsch frei hat und ihn gar nicht für sich gebraucht.

Was hätte ich wohl geantwortet, was ich mir für heute wünsche? Dass mein Tag gut läuft und ich alles, was mir aufgetragen ist, schaffe? Dass die, die ich liebe, gesund bleiben?

Der Mensch in dem kleinen Dialog mit dem Engel zieht den Kreis viel weiter. Er wünscht sich nicht für seine Lieben den himmlischen Schutz des Engels, sondern demjenigen, der das liest. Und das kann Gott weiß wer sein.

Das alte Mütterchen, das am Zaun des Vorgartens eine kleine Verschnaufpause einlegt. Der Tourist, der gerade Urlaub im Eichsfeld macht und die Klosterkirche auf dem Hülfensberg besichtigen möchte. Der Handwerker, der die Heizung wartet.

Egal ob fromm oder atheistisch, freundlich oder griesgrämig, hilfsbereit oder egoistisch – der Wunsch nach himmlischem Beistand gilt jedem. Das ist Größe, nicht wahr?

Da ist nichts mit Sortieren nach würdig oder unwürdig, verdient oder unverdient. Ich dagegen ertappe mich manchmal eher dabei, Unterschiede zu machen. Es gibt diejenigen, für die ich von ganzem Herzen bete, dass es ihnen gut geht, dass sie Kraft für ihren Alltag haben.

Die anderen, deren Meinungen und Taten ich zum Beispiel zutiefst ablehne, die kommen in meinen Gebeten gar nicht vor. Für die habe ich keine wohlwollenden Gedanken. Es fällt mir einfach schwer, für sie zu beten, dass es ihnen gut gehen möge.

Dabei ist der christliche Anspruch ein anderer. Nur denen Gutes tun, die auch mir Gutes tun, ist zu wenig. Nur denen wohlgesonnen sein, die auch mir wohlgesonnen sind, reicht nicht.

Wenn mich also ein Schutzengel nach meinem Wunsch für heute fragen würde, dann könnte ich ihn bitten, auf den Menschen aufzupassen, der das gerade hört. Also mach' ich das mal.


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Dieser Beitrag wurde am 10.11.2021 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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