Wort zum Tage, 11.11.2021

Andrea Wilke, Arnstadt

Sankt Martin

Heute ist Sankt Martin. Die Kirche erinnert mit diesem Fest an Martin von Tours, der im 4. Jahrhundert lebte. Wenn er uns einen Brief geschrieben hätte, dann würde vielleicht Folgendes darin stehen:

"Hallo, Ihr Lieben,

ich bin Martin. Ich bin weder ein begnadeter Maler, Filmemacher oder Modedesigner noch habe ich es mit einem Hit in die Charts geschafft oder mit dichterischen Fähigkeiten in die Weltliteratur.

Dennoch bin ich ganz gut bekannt. Und das, obwohl ich vor ungefähr 1600 Jahren gestorben bin. Das war damals übrigens ein 8. November. Doch der Tag meiner Beerdigung, der 11.11., wurde der Tag, an dem die Leute an mich besonders denken.

Seit meinem Tod gilt mein Name Martin als christlicher Name. Denn der römische Name Martinus steht im Zusammenhang mit dem römischen Kriegsgott Mars und könnte mit Kämpfer übersetzt werden oder zum Kriegsgott Mars gehörend. Aber zu dem gehöre ich ganz und gar nicht.

Ich gehöre zu Christus. Dafür habe ich mich bewusst entschieden. Als mir von ihm erzählt wurde, war ich so fasziniert von ihm und einem christlichen Leben überhaupt, dass ich mich taufen ließ. Da war ich 18.

Später habe ich es auch versucht, Menschen für Christus zu begeistern, ihnen von ihm zu erzählen; ich missionierte in meiner Heimat, allerdings ohne allzu großen Erfolg. Dass ich heute so bekannt bin, liegt nicht an den Worten, die ich sagte, sondern daran, wie ich handelte.

Man kennt mich als den Soldaten, der seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat. Ehrlich gesagt, ist mir das unangenehm, und ich finde es auch übertrieben, dass ich wegen so einer Tat in den Himmel gelobt werde. Das hätte doch wohl jeder gemacht, wenn da ein halbnackter Bettler sitzt, in klirrender Kälte. Ich hätte ihm ja gern den ganzen Mantel gegeben, aber das ging nicht.

Mir gehörte nur der halbe; die andere Hälfte gehörte dem Kaiser. Wie dem auch sei, einen Menschen, der ganz offensichtlich in großer Not ist, einfach links liegen zu lassen, verträgt sich nicht mit meinem christlichen Glauben. Aber versteht mich nicht falsch.

Den christlichen Glauben zu leben, hat nichts mit Pflichterfüllung zu tun. Wenn man einmal gespürt hat, wie sehr Gott einen liebt, dann möchte man ihn einfach nur wiederlieben. Und das geht nur über die Liebe zum Menschen. Glaubt keinem, der anderes behauptet.

Ich habe versucht, mein Leben auf Christus auszurichten, die Menschen so anzunehmen, wie er es tat. Die Liebe, mit der Gott mich liebt, die wollte ich weiterschenken.

Manchmal hat es geklappt, aber manchmal bin ich auch kläglich gescheitert. Doch eins weiß ich: Hätte ich noch mal ein Leben hier, ich würde es wieder so machen."


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Dieser Beitrag wurde am 11.11.2021 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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