Wort zum Tage, 09.11.2021

Andrea Wilke, Arnstadt

Bekenntnis

Ich stehe in der Küche und schnipple Gemüse. Dabei höre ich ein Hörbuch. Das mache ich ganz gern, denn dann vergeht die Zeit mit eher ungeliebten Arbeiten irgendwie schneller.

Dieses Mal höre ich das Buch von Bülent Ceylan mit dem Titel: "Ankommen". Ich mag Bülent Ceylan, der mit seinem komödiantischen Talent und seinem Mannheimer Dialekt Arenen füllen und die Massen zum Lachen bringen kann.

Er erzählt von seiner Familie, seinem türkischen Vater und seiner deutschen Mutter, seinem Werdegang als Comedian; und das alles wirklich mit Humor und mit Tiefgang. Im Kapitel, welches die Überschrift trägt "Vater Moslem, Mutter katholisch", erzählt er, dass seine Eltern ihn als Kind nicht haben taufen lassen.

Bülent sollte sich selbst einmal entscheiden, welcher Religion, wenn überhaupt, er einmal angehören wolle. Neugierig und skeptisch sei er gewesen, was den Glauben an einen Gott angeht.

Mit einem befreundeten Pastor kann er über Gott und die Welt reden. Die Fragen werden immer bohrender für ihn: Ist da ein Gott? Kann ich/ will ich an ihn glauben? Und dann erzählt er ganz unbefangen und frei von einem bestimmten Erlebnis, das ich hier wortwörtlich zitiere:

"Ich war wieder einmal allein in meinem Hotelzimmer, als mich diese innere Suche richtig verzweifeln ließ. Bis ich mir irgendwann nicht mehr anders zu helfen wusste als mich hinzuknien, zwischen Hotelbett und Fernseher. 'Lieber Gott, gib mir bitte ein Zeichen.' Ich fühlte mich so schwer, so beladen – wie es in der Bibel heißt. War da jemand, der mir die Last von den Schultern nehmen, mir den Weg zeigen konnte? 'Lieber Gott', murmelte ich, 'ich übergebe dir meine Sorgen, meine Ängste, meine Probleme. Ich fühle mich so überfordert, bitte hilf mir.‘“

Während Bülent das ganz freimütig in seinem Buch erzählt, fällt mir fast das Küchenmesser aus der Hand. Was erzählt er da? Das könnten meine Worte sein. Auch ich fühle mich manchmal so beladen und kann nicht anders als Gott anzubetteln, mir zu helfen.

Ich kann mich in das, was Bülent erzählt, so hineinversetzen und fühle mich im Gegenzug verstanden. Doch ich möchte ihn noch einmal zu Wort kommen lassen, wie es an diesem besagten Abend weiterging.

"Auf einmal",

erzählt Bülent weiter,

"ich war immer noch auf meinem Knien, veränderte sich etwas in meinem Zimmer. Wirklich, ich kann es nicht erklären, es fühlte sich an wie eine Präsenz, eine Antwort. Als sei Gott ganz nah bei mir."

Ende des Zitats.

Ich finde dieses Bekenntnis ganz stark. Und es hilft mir, in Situationen, in denen ich verzweifelt frage:

"Gott, wo bist du?",

mich an meine eigenen Erfahrungen zu erinnern, dass er mich nicht im Stich lässt.


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Dieser Beitrag wurde am 09.11.2021 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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