Wort zum Tage, 13.11.2021

Andrea Wilke, Arnstadt

Geschenke

Es sind zwar noch sechs Wochen bis zum Heiligen Abend, aber allmählich beginne ich mir zu überlegen, wem ich was an Weihnachten schenken möchte. Wobei eigentlich klar ist, wem ich etwas schenke.

Die viel schwierigere Frage lautet: Was schenke ich? Die Erwachsenen haben eigentlich schon alles oder sie erfüllen sich ihre Wünsche selbst.

Manchmal gibt es die Verabredung: Wir schenken uns dieses Jahr nichts, wohlwissend, dass die zehnte Krawatte genauso wenig Jubelstürme auslöst wie das x-te Windlicht als Wohnaccessoire.

Ich finde Geschenke trotzdem schön. Egal wie groß oder klein, edel oder simpel sie sind – sie können in mir tiefe Freude auslösen, wenn in diesem Geschenk mehr steckt als der reine Gegenstand.

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Geschenk meiner Schwester, das sie mir vor vielen Jahren als Paket schickte. Jedes einzelne Teil war schön verpackt. Die Schokolade, die ich mir auch gut hätte selbst im Supermarkt kaufen können, zeigte mir, dass sie nicht vergessen hatte, was für eine Naschkatze ich bin.

Die schönen Karten, weil ich gern handschriftlich Post verschicke. Und dann das eigentliche Geschenk: einen selbstgenähten Beutel für Wäscheklammern, ganz praktisch mit einem Bügel versehen, so dass ich ihn überall anhängen kann.

Und alle Klammern hatten dieselbe Farbe. Auch an diese Macke von mir hatte sie gedacht. Ich freute mich auch deshalb so sehr, weil ich einmal ganz nebenbei mehr zu mir selbst gesagt hatte, dass ich einen Klammerbeutel bräuchte. Und sie hatte Zeit investiert und mir einen genäht.

In diesem Beutel steckt ganz viel von ihr, von ihrer Art, anderen eine Freude zu machen und von ihrem Talent, denn sie kann ganz wunderbar nähen.

Vor einigen Tagen las ich eine Geschichte, in der es auch um ein Geschenk geht. Und weil sie so schön ist, möchte ich sie hier erzählen, quasi weiterschenken. Also:

"Auf einer der größeren Inseln vor der Küste lebte ein Schüler, der seiner Lehrerin eine ganz besonders geformte Muschel schenkte.

Sie dankte ihm erfreut und bemerkte: 'Ich habe noch nie eine so wunderbare Muschel gesehen, sie ist ganz außergewöhnlich schön! Wo hast du sie denn gefunden?'

Der Schüler erzählte ihr von einer versteckten Stelle am anderen Ende der Insel und dass dort hin und wieder solch eine Muschel angeschwemmt würde. 'Ich danke dir nochmals von Herzen', sagte die Lehrerin.

'Aber du hättest doch keinen so weiten Weg machen sollen, nur um mir etwas zu schenken.' Darauf der Schüler: 'Aber der weite Weg ist doch ein Teil des Geschenks.'"


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Dieser Beitrag wurde am 13.11.2021 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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