Wort zum Tage, 08.11.2021

Andrea Wilke, Arnstadt

Einladend

Auf meinem Weg zur Arbeit fahre ich Woche für Woche durch den kleinen Ort Riechheim, in der Nähe von Weimar. An einer Stelle des Ortes gibt es einen so genannten Bücherbaum.

Das ist eigentlich nur ein Baumstamm, in den aber mehrere Fächer eingebracht wurden, und dort in diesen Fächern befinden sich Bücher zur freien Verwendung. Doch das ist noch nicht alles. Zu dem Bücherbaum gehört auch eine Sitzgruppe.

Also zwei Bänke und ein Tisch, die miteinander verbunden sind und das alles unter einem Dach, das sowohl vor Sonne als auch vor Regen schützt. Was mich an dem ganzen Ensemble, jedes Mal am meisten berührt, ist jedoch etwas Kleines.

Da steht auf dem Tisch eine kleine Blumenvase mit frischen Blumen. Wirklich, jede Woche, in der ich dort vorbeifahre, sehe ich sie. Was für eine Verschwendung, mag manch einer denken, mitten in der Natur, eine Blumenvase hinzustellen. Der Bücherbaum und die Sitzgruppe hätten es doch auch getan.

Mag sein. Die Schriftstellerin Eva Strittmatter spricht in einem ihrer Gedichte, vom "kleinen wenig mehr als Muss, das ist des Lebens Überfluss".

Ja, genauso. Für mich ist diese kleine, gefüllte Blumenvase eine liebevolle Einladung: Komm, setz dich her, ruh dich aus, du bist willkommen! Die Blumenvase stellt sich ja nicht von allein dahin. Da muss es ja jemanden geben, der einen auf so gastfreundliche Art und Weise willkommen heißt.

Es ist so einladend, sich dort hinzusetzen, ein bisschen zu schmökern, vielleicht mitgebrachten Proviant zu verzehren, mit Freunden oder auch Fremden zu klönen, um dann weiter seines Weges zu ziehen. Irgendwie sehe ich das Ganze wie ein Bild für das Leben.

Ja, das Leben ist auch eine Einladung. Komm, verweile, es ist alles da. Und im übertragenen Sinne auch die kleine Vase mit den Blumen, das kleine wenig mehr als Muss.

Vielleicht ist das Leben keine Einladung zum Spaziergang, sondern möglicherweise ein Weg mit schwindelerregenden Höhen und Tiefen mit Absturzgefahr. Ein Weg mit Rastplätzen und Durststrecken. Neulich las ich auf der Heckscheibe eines Autos von einem Bestattungsunternehmen, das Leben sei eine Leihgabe.

Das glaube ich nicht. Denn etwas Geliehenes behandle ich sehr vorsichtig, dass nur ja nichts kaputt geht. Bei einer Leihgabe setze ich alles daran, sie dem Besitzer gänzlich unversehrt wieder zurückzugeben. Geht das überhaupt bei einem Leben?

Ich glaube, das Leben ist eine Einladung. Die ist mir geschenkt. Und sie lautet ungefähr so: Sei willkommen, setz dich, greif zu, es ist alles da. Ich muss es nur sehen.


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Dieser Beitrag wurde am 08.11.2021 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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