Am Sonntagmorgen, 07.11.2020

von Johannes Schröer, Köln

Die ganz andere Arznei: Die Krankensalbung – viel mehr als „Letzte Ölung“

Der plötzliche Tod ist für viele Menschen der ideale Weg geworden, um aus dem Leben zu scheiden. Denn der plötzliche Tod scheint so „einfach“ zu sein. Was dabei verloren geht: die Auseinandersetzung mit Krankheit, Leiden und auch Trost und die Vorbereitung auf das Sterben. Da spielt das Sakrament der Krankensalbung eine wichtige Rolle.

© Gemeinfrei

Krankenhausseelsorger Pfarrer Johannes Meißner empfängt mich im Kölner Elisabeth Krankenhaus. Es könne sein, sagt er mir, dass wir in unserem Gespräch unterbrochen werden – er sei im Krankenhaus ständig in Rufbereitschaft.

Das Pflegepersonal und die Ärzte seien dazu angehalten, ihn, ohne zu zögern und sofort herbeizuholen, wenn die Anwesenheit eines Pfarrers vom Patienten gewünscht oder sinnvoll sei. Um Hilfe anzubieten, wenn Patienten oder Angehörige seelisch leiden, dafür ist Pfarrer Meissner da.

„Da ist jemand in dieser existenziell bedrohlichen Situation einer Krankheit, einer schweren Erkrankung, da ist jemand im Kontext Krankenhaus, was so ein ganz eigener Apparat ist, und der hat jetzt Zeit. Der sitzt jetzt da und hört erst mal zu. Und dem kann ich sagen, was mich bedrückt und was mir Angst macht und was mich umtreibt. Und dann guckt man, ob die Chemie stimmt. Dann ergeben sich da Kontakte daraus oder eben nicht. Also ich denke, mit dieser Offenheit muss man auf den Menschen zugehen.“

Pfarrer Meißner kommt also nicht ins Krankenzimmer gerannt und spendet etwa am laufenden Band die Krankensalbung. Bei dem uralten katholischen Ritus legt der Priester schweigend die Hände auf den Kopf des Patienten. Er segnet ihn und salbt dann die Stirn und die Handflächen des Erkrankten mit geweihtem Öl.

Sakrament mit schlechtem Ruf

Das Sakrament der Krankensalbung werde nur noch wenig gewünscht, sagt Pfarrer Meißner. Aber nicht nur, weil es in einer glaubensvergessenen Welt gar nicht mehr bekannt sei, sondern auch weil die Krankensalbung immer noch einen miserablen Ruf habe:

„Im Bewusstsein der allermeisten Menschen ist es immer noch das Sakrament des letzten Atemzuges, sag ich schonmal so, weil die allermeisten immer noch von der letzten Ölung sprechen. Das ist ganz schwer aus den Köpfen herauszubekommen.“

Um mal eine Zahl zu nennen: 25 Mal im Jahr spendet Pfarrer Meißner die Krankensalbung im Kölner Elisabethkrankenhaus, in dem im Jahr über 20.000 Patienten behandelt werden.

Gerät die Krankensalbung also zunehmend in Vergessenheit, da sie immer seltener praktiziert wird? Dabei macht Pfarrer Meißner die Erfahrung, dass dieses alte, überlieferte Ritual sehr hilfreich sein kann.

„Ich glaube, es ist wichtig, dass wir Riten und Rituale nutzen, um das, was uns schwerfällt, zu begreifen, greifbarer zu machen. Das erlebe ich zum Beispiel bei der Krankensalbung. Auch wenn nicht mehr viele Menschen danach fragen oder es oftmals ein Weg ist, wo man merkt: Jetzt ist der Punkt, wo ich das mal anbieten könnte. Und dann wird dieses Ritual oftmals als sehr trostreich und sehr stützend, unterstützend erlebt.“

Woher kommt die Krankensalbung?

Die Krankensalbung geht auf das Neue Testament der Bibel zurück. Dort ist immer wieder davon die Rede, wie Jesus Kranken die Hände auflegt und sie heilt.

Und er gibt seinen Jüngern den Auftrag, es genauso zu tun. Darum wird die Krankensalbung in der Kirche als Sakrament bezeichnet.

Dahinter steht die Vorstellung, dass in der sichtbaren Handlung der Jünger Jesu, also heute der Priester, Jesus selbst der Handelnde ist. Darum gehörten die Salbung und das Gebet für die Kranken in der Gemeinde schon zur Praxis der frühen Kirche.

Im Mittelalter änderte sich dann die Praxis der Krankensalbung. Sie wurde nur noch den Menschen gespendet, die in Todesgefahr schwebten, und nicht mehr allen Kranken. Hier setzt sich auch der Begriff “Letzte Ölung” für die Krankensalbung durch. 

Krankensalbung nicht nur für Sterbende

Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil – Mitte des 20. Jahrhunderts – änderte sich der Fokus. Die Krankensalbung sei nicht nur das Sakrament derer, die sich in äußerster Lebensgefahr befinden, sondern die geweihten Öle sollen die Schmerzen aller Kranken lindern und den Gesalbten stärken, ihm Kraft geben.

Pfarrer Meißner bringt die Bedeutung der Krankensalbung auf den Punkt:

„Natürlich ist es erst mal wie alle Sakramente das Bewusstsein in einer bestimmten Lebenssituation, dass Gott an meiner Seite ist, dass wir uns durch das Sakrament vergewissern, Gott ist wirklich da und ist in dieser existentiellen Situation meines Lebens an meiner Seite.”

Die Krankensalbung soll den Kranken stärken, ihm Kraft und Trost spenden. ‚Du bist nicht allein‘ – das ist die Botschaft dahinter: ‚Gott wird dich stärken, nicht nur in der Krankheit, sondern auch im Sterben wird Gott dich nicht allein lassen.‘

Gibt es da aber auch Brücken zwischen dieser christlichen Botschaft und einer säkularen Welt, in der immer weniger Menschen an Gott und ein Leben nach dem Tod glauben? 

Die Idee vom „idealen Tod“

Thea Dorn ist Schriftstellerin und Philosophin. In ihrem neuesten Buch mit dem Titel ‘Trost’ geht sie der Frage nach, was uns heute noch trösten kann, wenn Religion keine Rolle mehr spielt.

Zunächst stellt sie fest, dass sich die Einstellung zu Sterben und Tod in den vergangenen Jahrhunderten massiv geändert habe. So sei der Mensch im Mittelalter vom Tod ständig umgeben gewesen. Mütter und Kinder seien im Kindbett gestorben. Krankheit und Krieg seien allgegenwärtig gewesen.

Dabei sei es das größte Unglück gewesen, plötzlich und unvorbereitet – das heißt auch ohne das Sterbesakrament, ohne die letzte Ölung – aus dem Leben gerissen zu werden. Das sei ein krasser Gegensatz zum heutigen Umgang mit Sterben und Tod, sagt sie.

„Wenn man sich jetzt heute anschaut – und das fing aber eigentlich schon, würde ich sagen, im 19. Jahrhundert wahrscheinlich sogar an, wurde ja eher zur Idealvorstellung des Todes: Am liebsten wäre es mir, ich würde, ohne irgendwas mitbekommen zu haben, im Schlaf sterben. Also eine genaue Umkehrung. Das Ideal wäre, nie an den Tod gedacht zu haben, und dann wache ich halt eines Morgens nicht mehr auf und dann bin ich auch nicht mehr ich, sondern einfach weg. Und es gab nie ein Problem. Und das ist wirklich das krasse Gegenteil.“

Wer tröstet mich? 

Der plötzliche Tod als Ideal? Viele Menschen sehen das so. Sie sagen, sie haben Angst vor dem Sterben – aber nicht Angst vor dem Tod, denn dann seien sie ja im Nichts verschwunden.

„Wir können uns keinen sinnvollen Reim mehr drauf machen. Wenn der Glaube wegbricht, dass dieses Sterben der Übergang in eine andere Welt, in ein anderes Leben ist, dann ist das der Übergang ins Nichts. Und das ist natürlich viel schwerer, dafür Rituale zu finden und damit umzugehen. Also, Rituale für den Übergang ins Nichts zu finden, ist, glaube ich, eine viel, viel schwierigere Aufgabe, als Rituale für den Übergang, hoffentlich ins Paradies, zu finden.“

Was tröstet uns heute, wenn Rituale wie die Krankensalbung fehlen? Rituale – wie die Krankensalbung – setzen auf die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, dass es die Hoffnung auf Heilung gibt, egal wie krank wir sind, dass Gott uns helfen und heilen kann, in der Krankheit und Not auf Erden und sogar über den Tod hinaus.

Wenn man es genau betrachtet, was dem Menschen in der Krankensalbung begegnet, dann ist das gar nicht so weit weg von dem, was die Philosophin und Agnostikerin Thea Dorn unter Trost versteht:

„Das elementare Gefühl, von einem Getröstet-Sein, ist eigentlich fast wortgleich mit Gehalten-Sein, also das ist eben nicht dieses Gefühl: ‚Ich bin alleine und verlassen‘, das ist die maximale Trostlosigkeit, sondern das Gefühl: ‚Irgendwie bin ich eben gehalten‘ oder noch pathetischer gesagt ‚umarmt von irgendwas‘.

Dieses Sich-gehalten-Fühlen kann man interessanterweise besser, wenn man aufhört permanent Ich, Ich, Ich, Ich, Ich und meine Verzweiflung zu denken, sondern wenn man sagt: ‚Nee, da draußen ist eine Welt, da draußen ist was und da bist du ein Teil davon.‘

Das ist, würde ich sagen, der beste Weg zu Trost. Diese Erkenntnis, zu sagen, du bist Teil von etwas viel, viel Größerem, und dieses viel Größere hält dich dann auf eine Weise, in dem Moment, in dem dir das klar wird. Solange ich selber denke: ‚Nur ich und mein Schmerz‘ und ‚warum ist alles so ungerecht auf der Welt‘, ist man tendenziell auch untröstbar.“

Pfarrer Meißner hat mir erzählt, dass die Krankensalbung im Krankenhaus kaum noch gefragt ist. An anderer Stelle wird das katholische Sakrament häufiger gespendet. Ich fahre nach Leverkusen – in die katholische Gemeinde St. Aldegundis von Pfarrer Peter Beyer.

Ihm ist es gelungen, die Krankensalbung wiederzubeleben. Kurz und knapp erklärt er mir, was für ihn das Sakrament bedeutet:

„Bei der Krankensalbung geht es einfach darum, dem kranken Menschen oder alten Menschen eine innere Kraft zu schenken. Zu sagen, Gott ist bei dir, der liebt dich, der nimmt dich an!“

Gottesdienst mit Krankensalbung

Pfarrer Beyer spendet in seiner Gemeinde auch dann und wann die Krankensalbung, wenn ein Patient schwer- oder todkrank ist. Dabei habe er gedacht, dass es eigentlich viel zu schade sei, dieses Ritual nur in Todesgefahr zu spenden.

„Deswegen haben wir uns hier überlegt, das breiter aufzustellen. Die älteren Herrschaften bekommen ab einem bestimmten Alter einen Brief, wo wir das Sakrament der Krankensalbung noch einmal erklären und deutlich machen, die Krankensalbung möchte nicht ihr Ende vorbereiten, sondern ganz im Gegenteil, sie im Alter stärken, ihnen Kraft geben.

Und deswegen laden wir sie jetzt schon ein, an dieser Gnade Gottes teilhaftig zu werden. ‚Kommen Sie, freuen Sie sich mit uns. Feiern Sie einen Gottesdienst mit uns. Sie bekommen das Sakrament.‘ So dass man deutlich macht, es ist ein Sakrament, das gefeiert werden soll, und das nicht einen niederdrückt und sagt: ‚So, Mensch, bedenke, dass du Staub bist, und zum Staube wieder zurückkehrst, sondern bedenke, dass Gott, egal in welcher Lebenssituation du dich befindest, an deiner Seite steht und dich liebt und trägt.‘“

Beim ersten Gottesdienst mit Krankensalbung sei die Anzahl der Besucher noch sehr überschaubar gewesen, erzählt Pfarrer Beyer. Aber dann kamen von Jahr zu Jahr mehr Menschen, so dass die Gemeinde inzwischen im November mehrere Gottesdienste mit Krankensalbung anbietet.

Was ich feststelle ist, dass gerade zu diesen Gottesdiensten sehr viele Gläubige kommen, die ich so im normalen täglichen Leben und im gottesdienstlichen Bereich nicht sehe. Das heißt, sie kommen extra dahin. Und das finde ich ja gut, dass man sagt, da habe ich ein Angebot, was mir Heil schenken kann und da gehe ich hin und dieses Heilszeichen, das in uns wirkt, erlebe ich in unseren Gottesdiensten immer wieder. Da habe ich gestandene Persönlichkeiten, die kommen nach vorne und in dem Moment, wo ich sie salbe, fangen sie an zu weinen und sind den Tränen nah und sind ergriffen, wo man merkt, da passiert etwas.“

Ein Ritus für Halt und Trost 

Die Krankensalbung könne genauso helfen wie auch eine Arznei helfen könne, sagt Krankenhausseelsorger Pfarrer Johannes Meißner.

Es sei ein Ritual, das in einem Zeichen Trost spürbar mache, weil es den Menschen in einen größeren Zusammenhang stelle, der über ihn selbst hinausgehe und auf Gott verweise.

„Ich suche Halt in so einer schweren Situation, ich suche Halt bei den Menschen, die mir nahe sind, bei Verwandten, bei Freunden, aber ich suche auch irgendwie Halt und Trost im Glauben und das kann so ein Ritus ausdrücken. Ich glaube, ich kann jemandem immer wieder sagen: ‚Ich liebe dich.‘

Aber es braucht halt ab und zu mal den Strauß Blumen oder die besondere Aufmerksamkeit, um das noch mal deutlich und spürbar werden zu lassen. Und ähnlich, glaube ich, ist es bei den Sakramenten, bei diesem Sakrament der Krankensalbung auch. Es ist einfach nochmal eine Bestätigung: Ja, Gott ist mir wirklich auch in dieser miesen Situation nahe.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Ola Gjeilo – Northern Lights

Ola Gjeilo - Tundra

Jung Se Hun - Lascia ch’io pianga


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 07.11.2021 gesendet.


Über den Autor Johannes Schröer

Johannes Schröer wurde 1963 in Emstek, im Oldenburger Münsterland geboren. Nach dem Studium der Psychologie, Theologie und Germanistik in Marburg, Tübingen und Bochum (Abschluss Staatsexamen), sowie einem Auslandsjahr als Assistent Teacher in London, absolvierte er ein Volontariat bei Radio Essen, wo er fünf Jahre als Hörfunk-Redakteur arbeitete. 1997 wechselte er in die Redaktion KIP-NRW, 2000 dann zum WDR TV-Programm der Lokalzeit Ruhr. Seit 2002 arbeitet Johannes Schröer beim Kölner Domradio. Neben seinen Aufgaben als stellvertretender Chefredakteur und CvD, ist er für die Literatur im Domradio verantwortlich. Veröffentlichungen: ‚Als der Dom nach Köln kam‘ und Mitherausgeber des Katalogbuches ‚Trotz Natur und Augenschein. Eucharistie – Wandlung und Weltsicht‘ im Greven Verlag. Außerdem schreibt Schröer Kinderbücher für den Carlsen Verlag in der Reihe Pixi. Kontakt: johannes.schroeer@domradio.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche