Morgenandacht, 06.11.2021

von Guido Erbrich, Biederitz

Schwerter zu Pflugscharen

Vor 40 Jahren, Anfang der 1980er Jahre, befand sich die Welt mitten im kalten Krieg. Die Situation konnte einem Angst machen. Nato und Warschauer Pakt standen sich hochgerüstet gegenüber und waren in der Lage die Welt mehrfach in Schutt und Asche zu legen.

Ich erinnere mich noch gut an den November 1981, in diesen Tagen vor genau 40 Jahren, als die zweite Ökumenische Friedensdekade die DDR gehörig durcheinanderwirbelte.

Und morgen beginnt schon die 42. Ökumenische Friedensdekade, wie immer am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres. Heute kommt sie vermutlich unaufgeregt daher mit ihrem Motto „Reichweite Frieden“ und den vielen Veranstaltungen und Gottesdiensten, in denen Christen aller Konfessionen 10 Tage lang um den Frieden beten.

1981 dagegen wurde sie in der DDR zu einer unerhörten Protestform gegen Krieg und Militarisierung der Gesellschaft. Die Idee, die ursprünglich aus den Niederlanden kam, wurde vom ökumenischen Jugendrat den Kirchen Europas ans Herz gelegt.

Eine Friedenswoche sollte in den europäischen Ländern stattfinden. So initiierten im geteilten Deutschland die evangelischen Jugendpfarrämter in Ost und West die "Ökumenische Friedensdekade“

Was in einer freien Gesellschaft eine Aktion unter vielen ist, kann in einer geschlossenen Gesellschaft eine ganz andere Sprengkraft entfalten. Denn die Deutehoheit über den Frieden beanspruchte der sozialistische Staat.

Zu seinem Friedensbegriff gehörte das klare Wissen darüber, wo die Kriegstreiber sitzen, nämlich im Westen und davon die Schlimmsten in den USA; und wo die friedliebenden Menschen wohnen, natürlich im Osten. Die Besten selbstverständlich in der Sowjetunion. Die Kirchen hatten alles andere vor, als einer solchen Logik zu folgen.

Und so wurde ein kleines Stück Stoff zum Stein des Anstoßes. Es war eine clevere Aktion mit der das Symbol der Friedensdekade 1981 als Textildruck in einer Auflage von 100 000 Stück erschien.

Zu sehen ist eine Bronzeskulptur, die die Sowjetunion 1959 der UNO geschenkt hatte. Ein Schmied verwandelt mit seinem Hammer ein Schwert in einen Pflug. „Schwerter zu Pflugscharen“ und „Micha 4“ lautete der kleine Text, der rund um das Bild zu lesen war.

Schnell wurde der Prophet Micha in der DDR populär und viele blätterten in der Bibel bei Micha Kapitel 4 nach.

Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Nie mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden das Kriegsführen nicht mehr lernen. Und sie werden sitzen, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und niemand wird sie aufschrecken.“

Der Druck landete tausendfach als Aufnäher auf Jacken, Taschen und Hemden. Öffentlich zeigten vor allem Jugendliche damit, wie sehr sie sich Frieden und Versöhnung wünschten. Dagegen kann doch beim besten Willen nicht einmal der kommunistische Staat was haben, ohne sich selbst ins Lächerliche zu ziehen.

Und ob er konnte: Die DDR-Oberen merkten, dass ihnen hier die vermeintliche Lufthoheit über das Friedensthema entglitt und agierten panisch. Viele Aufnäher mussten in den Schulen abgetrennt werden, manchmal setzte die Volkspolizei gleich selbst die Schere an. Doch was machten die Betroffenen?

Sie ersetzten die Stelle, mit einem weißen Kreis oder trugen ihre nun ramponierten Jacken ganz bewusst, so dass deutlich zu sehen war, was da mal draufgenäht war.

Trotz aller Schikanen: die Friedensbotschaft traf bei vielen Christen in der DDR auf fruchtbaren Boden. Die Saat ging auf als 1989 die Leute mutig auf die Straßen gingen und mit dem Ruf „Keine Gewalt“ der friedlichen Revolution mit Kerzen und Gebeten zum Erfolg verhalfen. 

Wenn morgen die 42. Ökumenische Friedensdekade in Deutschland beginnt, denke ich dankbar an diese großartige Erfahrung zurück. Auch Gebete und Kerzen können ein Land verändern. Grund genug auch heute für den Frieden im Kleinen wie im Großen zu beten.


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Dieser Beitrag wurde am 06.11.2021 gesendet.


Über den Autor Guido Erbrich

Guido Erbrich, geboren 1964, ist Vater von vier Töchtern. Er lernte den Beruf des Tontechnikers bei Radio DDR und arbeitete bis 1987 beim Sender Leipzig. Danach schloss er ein kirchliches Abitur in Magdeburg ab. Sein Studium der Theologie führte ihn nach Erfurt, Prag und New Orleans. Im Bistum Dresden-Meißen war Erbrich bis 2002 Referent in der Jugendseelsorge. Danach wechselte er als Studienleiter und Referent ins Bischof-Benno-Haus nach Schmochtitz. Bis 2010 leitete Erbrich die Katholische Erwachsenenbildung Sachsen. Von 2010 bis 2020 war er Leiter der Heimvolkshochschule Roncalli-Haus Magdeburg. Seit 2020 ist er der Senderbeauftragte der Katholischen Kirche für den MDR.

Kontakt
Guido.Erbrich@bddmei.de

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