Morgenandacht, 05.11.2021

von Guido Erbrich, Biederitz

Vom Saulus zum Paulus

Er war Römer und Jude, hochgebildet und theologisch auf der Höhe der Zeit. Er erscheint auf der biblischen Bühne, als die junge Sekte des gekreuzigten und angeblich auferstandenen Jesus Christus sich nicht unterkriegen lässt und trotz aller Missgunst und erster Verfolgung sogar wächst.

Saulus, so heißt der Mann, reitet mit der Tempelpolizei durch das Land um gegen die ersten Christen, die sich in seinen Augen gegen Gott versündigen, vorzugehen.

Der jüdische Gelehrte mit charismatischem Führungsanspruch fühlt sich als „Schild und Schwert“ der richtigen Partei. Eifrig eilt er den fliehenden Christen hinterher, er will das Ketzerfeuer im Keim ersticken.

Und während er zielgerichtet mit der Tempelpolizei nach Damaskus zieht, geschieht es. Ja, was genau passiert, wissen wir eigentlich nicht.

Er selbst verliert nur wenige Worte darüber. Kurz zusammengefasst: Aus dem Himmel wird Saulus von einem blendenden Licht getroffen und fällt von seinem Pferd hart auf die Erde.

Es ist wohl eine Bekehrung – aber die ist nicht unbedingt gleich etwas Erhebendes. Hier steht nicht gleich ein heiliger Mann wie ein Blitz aus heiterem Himmel vor uns.

Nein, Saulus muss erst einmal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Und er wird für drei Tage blind. Anders gesagt, er muss sich eine neue Art des Sehens aneignen.

„Wer bist Du?“,

ruft er verzweifelt in das Licht. Das ist für einen, der die heiligen Bücher und die Gebote in und auswendig kann, eine wirklich radikale Frage. Er, Saulus, der bis gerade eben noch scheinbar genau wusste, was Gott von ihm will, blickt nicht mehr durch.

Sein bisheriges Gottesbild landet im Staub vor Damaskus und zerschellt. Saulus muss von Grund auf neu glauben lernen, anders von Gott denken lernen und wird fortan als Paulus ein Evangelium verkünden, das unterschiedslos allen Menschen gilt.

Im Namen des Herrn unterwegs, kommt er auf seinen Wegen auch nach Athen. Hier blühen Wissenschaft und Kultur, von nah und fern kommen Wissenschaftler, Dichter, Künstler in die Stadt, darauf erpicht neues zu hören. Paulus stellt sich in ihre Mitte und spricht.

„Männer Athens, an allem sehe ich, dass ihr besonders fromme Menschen seid.“

Die Athener werden sich fragend angeschaut haben, aber der Start des Paulus ist gut.

„Als ich durch eure Stadt lief und betrachtete, was ihr alles so verehrt, stieß ich auf einen Altar, auf dem geschrieben stand: Dem Unbekannten Gott. Nun denn, Athener, den Gott, den ihr verehrt, ohne ihn zu kennen, verkündige ich Euch. Es ist der Gott, der die Welt und alles was darin ist, geschaffen hat.“

Mitten in seiner wortreichen Erklärung, wie dieser neue Gott die Welt zusammenhält, wird er von den überforderten Athenern freundlich gestoppt.

„Danke, darüber wollen wir dich ein anderes Mal hören.“

Ein freundliches Synonym für: Nein, es reicht, mach Schluss und lasse uns in Frieden. Dass Paulus Athen begeistert verlässt, ist unwahrscheinlich. Aber er bleibt realistisch und schreibt:

„Das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“

(1. Brief an die Korinther)

Mit dieser Kraft im Gepäck besucht Paulus viele Gemeinden und entwickelt einen Blick für ihre Situation. Er schreibt ihnen Briefe und vieles darin klingt auch heute aktuell.

„Ihr seid zur Freiheit berufen ... Das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! ... Wir wollen nicht prahlen, nicht miteinander streiten und einander nichts nachtragen.“

(Gal 5,13-14.22-23.25-26)

Paulus ermutigt zum gleichberechtigten Miteinander. Dabei ist die Liebe die existenzielle Grundhaltung. Gegenseitiges Richten und Verachten zwischen den Christen stellt letztlich das Heilswerk Gottes in Frage.

Seine Briefe sind keine Rezepte, sondern schaffen weite Räume und führen aus fundamentalistischer Enge. Von seiner Herangehensweise können bis heute auch die Kirchen etwas lernen. Gerade bei den synodalen Prozessen, die aktuell in den Kirchen laufen.


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Dieser Beitrag wurde am 05.11.2021 gesendet.


Über den Autor Guido Erbrich

Guido Erbrich, geboren 1964, ist Vater von vier Töchtern. Er lernte den Beruf des Tontechnikers bei Radio DDR und arbeitete bis 1987 beim Sender Leipzig. Danach schloss er ein kirchliches Abitur in Magdeburg ab. Sein Studium der Theologie führte ihn nach Erfurt, Prag und New Orleans. Im Bistum Dresden-Meißen war Erbrich bis 2002 Referent in der Jugendseelsorge. Danach wechselte er als Studienleiter und Referent ins Bischof-Benno-Haus nach Schmochtitz. Bis 2010 leitete Erbrich die Katholische Erwachsenenbildung Sachsen. Von 2010 bis 2020 war er Leiter der Heimvolkshochschule Roncalli-Haus Magdeburg. Seit 2020 ist er der Senderbeauftragte der Katholischen Kirche für den MDR.

Kontakt
Guido.Erbrich@bddmei.de

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