Morgenandacht, 04.11.2021

von Guido Erbrich, Biederitz

Karl Borromäus

Er ist gerade einmal zwölf Jahre alt, als er um 1550 Abt des Benediktinerklosters Arona am Lago Maggiore wird. Er studiert Jura, schließt das Studium mit Auszeichnung ab, verwaltet das Familieneinkommen und wird von seinem Onkel nach Rom geholt.

Der Onkel ist Papst Pius IV. und der macht den jungen Mann erst zum Geheimsekretär, dann zum Kardinal und schließlich zum Kardinalstaatssekretär.

Priester ist er zu diesem Zeitpunkt nicht, was ihn nicht daran hindert, eine der schnellsten Karrieren in der Kirche hin zu legen. Was eigentlich ein erschreckendes Beispiel von Vetternwirtschaft in der Kirche ist, erweist sich bald als Glücksfall der Kirchengeschichte.

Karl Borromäus heißt der junge Mann, der 400 Jahre später zu einem großen Vorbild von Angelo Roncalli wird, der wiederum als Papst Johannes XXIII. ebenso die Geschichte der Kirche nachhaltig prägen wird. Doch der Reihe nach:

Karl Borromäus macht nicht, was seine Familie von ihm erwartet. Ungewohnt selbstkritisch, äußerst charismatisch und diszipliniert gewöhnt er sich an einen armen Lebensstil. Und diese Kriterien, die er an sich selbst legt, erwartet er auch von seiner Kirche. Schließlich lässt er sich auch zum Priester weihen.

Karl Borromäus nutzt seine kirchenpolitische Macht, um die Kirche zu reformieren. Dem unterbrochenen Trienter Konzil verleiht er wieder Schwung. Dieses Konzil wird oft als katholische Antwort auf die protestantische Reformation bezeichnet.

Und tatsächlich: Mit dem Trienter Konzil wird die katholische Kirche umgestaltet. Und der junge Kardinal achtet akribisch darauf, dass die Reformbeschlüsse auch umgesetzt werden.

Synoden sind dabei seine Sache – nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen. Für ihn sind sie „urkatholisch“ und bestens geeignet, zu gemeinsam akzeptierten Lösungen zu kommen.

Als Bischof von Bergamo reist er unermüdlich durch seine Diözese, kein abgelegenes Alpendorf ist ihm zu weit, keine Pfarrei zu unbedeutend. Selbst im Winter quält er sich mit Eisenstollen an den Schuhen durch Schnee und Eis.

Er wird Erzbischof von Mailand und beruft in seinem Bistum gleich eine ganze Reihe von Synoden ein. Man darf ihn getrost einen großen Reformer nennen. Er gründet Schulen und Waisenheime, kümmert sich um eine gute Ausbildung für Priester, hat keine Hemmungen, Kleriker, die ihre Macht missbrauchen, schonungslos abzusetzen - und Prostituierten, die aussteigen wollen, gibt er ein Dach über dem Kopf.

Damit nicht genug, als kluger Jurist setzt er Synodenbeschlüsse gegen Wucherzinsen durch und richtet eine kostenlose Rechtshilfe für Menschen ein, die sich einen Beistand nie leisten könnten. Heute würde man ihn wohl einen charismatischen Workaholic nennen.

Natürlich passt er nicht allen in den Kram, dieser Kardinal stört so manche, denen seine Reformen in der Kirche ein Gräuel sind. So überlebt Karl Borromäus nur knapp ein Pistolenattentat. Bei einer Hungersnot verkauft er seine Möbel und begründet das mit dem lapidaren Satz:

„Für einen Bischof ist es besser, Schulden zu haben als Geld“.

Als 1576 die Pest in Mailand wütet und alle, die es sich leisten können, fliehen, bleibt er in der Stadt und pflegt die Kranken. Er tröstet Sterbende und organisiert Tag und Nacht Medikamente, Lebensmittel und Unterkünfte für die Infizierten. 20.000 Menschen sterben, Karl Borromäus überlebt, aber er ist körperlich deutlich geschwächt.

Papst Johannes XXIII. hat sich lange mit seiner Geschichte befasst und schreibt fünf dicke Bände über das pastorale Wirken des Heiligen. Sicher hat diese Arbeit einen starken Einfluss auf ihn, als er Anfang der 1960er Jahre das Zweite Vatikanische Konzil ausruft. Keine Frage, Synodalität gehört zur Kirche, nicht erst in diesen Tagen; neudeutsch gesagt: Sie ist Teil ihrer DNA.

Und Karl Borromäus, der am 4. November 1584, also heute vor 437 Jahren starb, darf sicher als einer ihrer Patrone bezeichnet werden.


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Dieser Beitrag wurde am 04.11.2021 gesendet.


Über den Autor Guido Erbrich

Guido Erbrich, geboren 1964, ist Vater von vier Töchtern. Er lernte den Beruf des Tontechnikers bei Radio DDR und arbeitete bis 1987 beim Sender Leipzig. Danach schloss er ein kirchliches Abitur in Magdeburg ab. Sein Studium der Theologie führte ihn nach Erfurt, Prag und New Orleans. Im Bistum Dresden-Meißen war Erbrich bis 2002 Referent in der Jugendseelsorge. Danach wechselte er als Studienleiter und Referent ins Bischof-Benno-Haus nach Schmochtitz. Bis 2010 leitete Erbrich die Katholische Erwachsenenbildung Sachsen. Von 2010 bis 2020 war er Leiter der Heimvolkshochschule Roncalli-Haus Magdeburg. Seit 2020 ist er der Senderbeauftragte der Katholischen Kirche für den MDR.

Kontakt
Guido.Erbrich@bddmei.de

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