Morgenandacht, 03.11.2021

von Guido Erbrich, Biederitz

Psalmen und Popmusik

Was haben die Bands U2, Boney M., die Komponisten Felix Mendelsohn Bartholdy, Johann Sebastian Bach und die Musiker Patrick Kelly und Gerhard Schöne mit König David gemeinsam? Ganz einfach sie singen Psalmen.

Psalmen, das sind die Lieder der Bibel, fast 3000 Jahre alt und immer noch aktuell. Sie werden gesprochen oder gesungen von Juden und Christen, von Nonnen und Mönchen, von Menschen in dankbaren Situationen genauso wie in tiefer Not. Bei Psalmen wird schnell deutlich: Beten ist mehr als ein paar Worte aufsagen.

In der Bibel gibt es ein ganzes Buch mit Psalmen. Genau 150 sind darin aufgeschrieben. In diesen Liedern, die zu den schönsten Gebeten der Welt gehören, wird in einer sehr deutlichen Sprache mit Gott gesprochen.

Der ganze Lebensweg wird vor Gott gebracht. Von Angst und Furcht ist die Rede wie von Mut und Stärke. Von Hass und Neid wird gesungen wie von Liebe und Freude. Es gibt Psalmen, die Gott loben und solche, die Gott anklagen und fragen, warum er so viel Leid auf der Welt zulässt.

Im Stundengebet, das viele Menschen rund um den Globus Tag für Tag beten, wurden und werden die Psalmen durch alle Zeiten hindurch von Milliarden von Menschen gebetet. Wahrscheinlich, weil diese Texte sehr ehrlich mit Gott sind.

Die Psalmen sind regelrechte Gebetshits durch die Jahrhunderte hindurch. Kein Wunder, dass sie auch in der Musik von Anfang an ihre Rolle spielten.

Die irische Band U2 verarbeitete 1983 auf ihrem Album „War“ - Krieg - den 40. Psalm. Es ist ein Klagepsalm. Ein Hilferuf: aber dabei nicht kraft- und hoffnungslos. Darin heißt es:

"Ich hoffte, ja ich hoffte auf den Herrn. Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien. Er zog mich heraus aus der Grube des Grauens, aus Schlamm und Morast.
Leiden ohne Zahl umfangen mich, meine Sünden holen mich ein. Zahlreicher sind sie als Haare auf meinem Kopf, der Mut hat mich ganz verlassen.
Gewähre mir die Gunst Herr und reiße mich heraus. Herr, eile mir zu Hilfe. In Schmach und Schande sollen alle fallen, die mir nach dem Leben trachten.
Meine Hilfe und mein Retter bist Du. Mein Gott, säume doch nicht."

Nein, mit „Eiapopeia vom Himmel“ haben die Psalmen nichts zu tun.

Natürlich singen auch jüdische Popmusiker Psalmen. Der derzeit wohl Angesagteste ist Ishay Ribo. Ihm gelingt dabei ein kleines Wunder, denn der knapp 30jährige israelische Musiker wird in der hippen Szene Tel Avivs genauso gefeiert wie in den orthodoxen Vierteln Jerusalems.

Auch dieses Verbindende passt zu den Psalmen. Es kommt nicht darauf an, ob jemand konservativ oder progressiv ist, sich traditionell oder modern versteht. Diese Texte können von allen gesungen und verstanden werden.

Pop-Star Michael Patrick Kelly lebte sechs Jahre im Kloster. Dort werden täglich Psalmen gebetet und gesungen. Mit diesen Texten im Kopf hört Patrick einen Song. Darin singt der Sänger Milow von seinem verstorbenen Vater. Patrick ist tief berührt, interpretiert den Song neu und baut die folgenden Worte von Psalm 130 in das Lied ein: 

"Aus der Tiefe schreie ich zu dir! Herr, höre meine Stimme. Wende Dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen.
Würdest Du Herr, unsere Sünden beachten, Herr wer könnte bestehen? Doch bei Dir ist Vergebung…".

Dieser Text wurde in den Jahren, in denen Patrick Kelly im Kloster gelebt hat, jeden Mittag für die Toten gebetet. Nun singt er ihn in Erinnerung an seinen eigenen Vater. In einer Livesendung kommen ihm beim Singen die Tränen. Intuitiv erlebt Patrick das Geheimnis der Psalmen.

Er bringt sie mit seinem Leben, seinen Erfahrungen, seinen Hoffnungen und Nöten zusammen. Auf einmal wird der jahrtausendealte Text zum Teil seiner eigenen Geschichte.

Dies ist sicher einer der Gründe für die ungebrochene Kraft der Psalmen, dieser immer von Neuem sagbaren Worte. Eine Kraft, die nicht nur Musiker und Musikerinnen bis heute erfahren.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 03.11.2021 gesendet.


Über den Autor Guido Erbrich

Guido Erbrich, geboren 1964, ist Vater von vier Töchtern. Er lernte den Beruf des Tontechnikers bei Radio DDR und arbeitete bis 1987 beim Sender Leipzig. Danach schloss er ein kirchliches Abitur in Magdeburg ab. Sein Studium der Theologie führte ihn nach Erfurt, Prag und New Orleans. Im Bistum Dresden-Meißen war Erbrich bis 2002 Referent in der Jugendseelsorge. Danach wechselte er als Studienleiter und Referent ins Bischof-Benno-Haus nach Schmochtitz. Bis 2010 leitete Erbrich die Katholische Erwachsenenbildung Sachsen. Von 2010 bis 2020 war er Leiter der Heimvolkshochschule Roncalli-Haus Magdeburg. Seit 2020 ist er der Senderbeauftragte der Katholischen Kirche für den MDR.

Kontakt
Guido.Erbrich@bddmei.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche