Am Sonntagmorgen, 31.10.2020

von Elena Griepentrog, Berlin

„Gott und die Schwarzen Löcher.“ Heino Falcke: Astrophysiker und Christ

Schwarze Löcher umgeben uns – sie sind nur so weit weg, dass sie im Alltag keine bemerkenswerte Rolle spielen. Wissenschaftler vergleichen sie umgangssprachlich auch mit „Weltraumfriedhöfen“, weil sie alles verschlingen, das ihnen zu nahe kommt – auch Licht. Was sagen Sie über den Glauben aus?

© Jacob Granneman / Unssplash

20. Juli 1969 - über eine halbe Milliarde Menschen weltweit sitzen magnetisiert vor den noch raren Fernsehgeräten: Sie sind live dabei, als der erste Mensch den Mond betritt, Neil Amstrong.

Via Direktschaltung erzählt er, was er auf dem Mond sieht und fühlt. Auch Familie Falcke aus Frechen bei Köln ist völlig von den Socken. Söhnchen Heino ist erst knapp drei Jahre alt.

Noch fünf weitere Mondflüge der US-Amerikaner folgen in den nächsten Jahren. Nichts zieht den kleinen Heino mehr in den Bann als diese Männer, wie sie da auf dem fernen Mond herum spazieren. Das All verfolgt ihn bis in den Schlaf. 

„Also, ich habe als Kind im Bett gelegen, ich konnte immer schwer einschlafen, habe über alles Mögliche nachgedacht, dass ich sozusagen an die Zimmerdecke geschaut habe und darüber hinaus, was ist dahinter, der Himmel, und was ist hinter dem Himmel, und was ist hinter dem, was hinter dem Himmel ist, wie weit geht das? Ist das Weltall unendlich? Was ist da? Ist da ein Gott? Ist da nichts? Was ist Unendlichkeit überhaupt?“

Wie sieht ein Schwarzes Loch aus?

Rund 50 Jahre später, Brüssel, am 10. April 2019 um exakt 15.07 Uhr MEZ: Der 52-jährige Astrophysiker Heino Falcke präsentiert der Welt eine wissenschaftliche Sensation. Zeitgleich mit Kollegen und Kolleginnen in fünf weiteren Städten der Welt: die erste Aufnahme eines Schwarzen Loches! 55 Millionen Lichtjahre von uns entfernt.

Eigentlich unmöglich, ein solches Schwarzes Loch zu fotografieren. Doch ein internationaler Kraftakt der Intelligenz macht es schließlich möglich, nach knapp 20 Jahren Arbeit: 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, 60 Institute, zwanzig Länder. Acht gigantische Radioteleskope weltweit mussten für das Foto verbunden werden, zu einer Art Superteleskop.

Initiator des Projekts, zusammen mit zwei Kollegen: Heino Falcke. Nicht wenige Experten teilen die Astronomie nun ein in eine Zeit vor dem Foto und ein Danach.

Schwarze Löcher verschlingen alles

Ein Schwarzes Loch – wohl der Inbegriff des totalen Abgrunds. Es riecht nach etwas mystisch-Verschlingendem, nach Verzweiflung, ja vielleicht nach der Hölle selbst. Wissenschaftlich gesehen sind Schwarze Löcher sozusagen Weltraumfriedhöfe, erklärt Heino Falcke. Sie entstehen aus erlöschenden Sternen, gefüttert von gigantischen Gasnebeln und Planeten.

Was immer einem Schwarzen Loch zu nahe kommt, das gibt es nie wieder her. Nicht einmal das Licht. Für den Astronomen Heino Falcke allerdings kein Grund für Unbehagen.

„Für mich waren sie nie unheimlich, für mich waren sie eigentlich Traumobjekte, Wunschobjekte, eine exotische Welt. Wo alles ganz anders ist, wo Zeit still zu stehen scheint, wo Licht sich im Kreis bewegt, wo, wenn ich da in der Nähe bin und nach vorne schaue, mich auf einmal von hinten sehe, so wie ich vor ein paar Minuten oder sogar vor zwei Wochen dagestanden habe. Also, eine verrückte Welt und eine Welt, wo auch eine neue Physik passieren muss. Die wir noch nicht kennen, die wir noch nicht verstehen, also Schwarze Löcher waren für mich immer Rätsel.“

Was kommt nach einem Schwarzen Loch?

Auf seltsame Weise ist das Foto des Schwarzen Loches auch wunderschön. Genaugenommen zeigt es den Schatten eines Schwarzen Loches, während gerade Licht unwiederbringlich darin verschwindet. 

Gebogen von der unfassbaren Schwerkraft verformt sich das Licht zu einem Ring. Was dahinter ist, weiß niemand, selbst die klügsten Köpfe des Planeten sind hier seit Jahrzehnten nicht wirklich vorangekommen. 

„Was passiert da am Rand von Schwarzen Löchern? Und ist diese Grenze überschreitbar? Können wir sie durchdringen? Wir rütteln quasi jetzt am Tor zur Hölle, am Tor zum Ende von Raum und Zeit und natürlich auch am Eingang, am Anfang, am Urknall, wo alles herkommt. (…) Das ist eine ähnliche Physik wie am Urknall, insofern sind Urknall und Schwarze Löcher so ein bisschen komplementär. Als Alpha und Omega, Anfang und Ende von Raum und Zeit.“

Physik und Glaube vereint?

Heino Falcke, geboren 1966, heute Professor an der Universität Nijmegen, vielfach ausgezeichnet und Mitglied der Europäischen Akademie, Europas Topliga der Wissenschaftler. Und: Falcke ist ausgebildeter Prädikant der Evangelischen Kirche im Rheinland. Darf Gottesdienste halten, predigen, Menschen taufen.

In seinem sympathischen Gesicht unter dichtem grauen Haar lassen sich auch mit 55 die Züge des staunenden, wissbegierigen Jungen noch erahnen. Genauso wie in seinem Buch „Licht im Dunkeln – Schwarze Löcher, das Universum und wir“[1]. Wissenschaftliche Neugier Hand in Hand mit einem tiefen Glauben.

„Der Himmel, das ist ja das schöne Doppeldeutige… Der Himmel ist natürlich das, was wir über uns sehen, mit den Sternen und der Dunkelheit, die erzählt ja von einer Weite, von einer Größe, die weit über das hinaus geht, was wir uns selber vorstellen können. Und ich glaube, der geistige, spirituelle Himmel ist das eben noch mal potenziert. Das ist etwas, was auch über unsere Physik hinausgeht, was über unser rationales Denken hinaus geht.“

Und doch: Unser Sonnensystem ist nur ein winziger Teil der Galaxie Milchstraße. Die besteht aus Hunderten Milliarden weiterer Sterne mit Planeten. Und da draußen im All sind noch unzählige weitere Galaxien, genau genommen rund eine Billion.

Planeten gibt es also bildlich gesprochen wie Sand am Meer. Wirklich keine Anfrage an den Glauben der Bibel, der untrennbar verbunden ist mit unserer kleinen Erde?

„Nee, also hatte ich nie! Im Gegenteil, ich fühlte mich eigentlich immer befreit auch durch mein Lesen in der Bibel und durch meinen Glauben, der mir eine unglaubliche Freiheit gibt zu fragen, zu denken, zu erforschen – das ist doch Gottes Schöpfung, die wir da untersuchen. Und warum soll ich da Angst haben davor, mehr über Gott und seine Schöpfung zu lernen? Also, das wäre doch fürchterlich!“

Gottlose Physik: nicht möglich

Verändert hat sich sein christlicher Glaube aber schon, erzählt Falcke. Die ständige Beschäftigung mit dem All hat seinen Glauben geprägt.

„Ich habe die Naturgesetze schätzen gelernt und auch Naturgesetze sind Wort Gottes. Und stelle andererseits fest, dass die Naturgesetze uns sehr viel Freiheit bieten. Gerade im Rahmen der Naturgesetze ist eine unglaubliche Vielfalt möglich. Schauen Sie sich doch mal diese Welt an, wie vielfältig die ist, was da alles möglich ist mit diesen Naturgesetzen! Und wir als Menschen sind ja auch Menschen, die nach den Naturgesetzen funktionieren. Unsere Knochen, unsere Muskeln, das ist ja Mechanik sozusagen. Das sind chemische Prozesse, im Hirn sind elektrische Prozesse, also wir sind lebende, wandelnde Naturgesetze und Physik und trotzdem völlig unvorhersehbar, zumindest als einzelne Menschen. Und deswegen habe ich da auch wenig Sorgen auf der einen Seite und zum anderen einen, ja, großen Frieden damit. Und auch eine Bewunderung eigentlich! Das ist doch ein genialer Schöpfer, der dahinter steckt!“

Wissenschaftlich gesehen lässt sich die Existenz Gott nicht beweisen, sagt der Astrophysiker. Genauso wenig wie seine Nicht-Existenz. Auffallend ist jedoch: Es sind eben die Naturgesetze und noch mehr die Naturkonstanten wie Lichtgeschwindigkeit oder Gravitationskonstante, die erst Leben ermöglichen.

Ein Meisterwerk der Präzision, wie die Zahlenwerte aufeinander abgestimmt sind. Wären sie nur minimal anders, gäbe es keine Sterne auf Dauer, keine Planeten, wohl keine Atome und kein Leben auf der Erde.

Wenn man also wirklich an die Grenzen menschlichen Erkennens kommen will, dann ist eine komplett gottlose Physik gar nicht möglich, sagt Heino Falcke. Ohnehin hätten wir Gott heute sogar nötiger denn je!

„Wir entdecken ja die Mächtigkeit des Menschen zur einen Seite, der die Welt zerstören kann, und dann gucken wir ins All und sehen die Ohnmacht des Menschen, der nicht in der Lage ist, seinen eigenen Klimawandel zu verhindern, der aber keine Alternative hat und der eigentlich ein Staubkorn im All ist. Und ich glaube, da die richtige Perspektive zu finden im Umgang mit dem Allergrößten, demütig nach oben schauen und trotzdem geliebt und wertvoll sich fühlen, das ist eine Kunst, die uns der Glaube lehren und geben kann.“

Wissenschaft und Glaube: wie Geschwister

Wissenschaft und Glaube: So oft werden sie heute als Feinde dargestellt. Dabei haben sie doch – bei allen Unterschieden eine gemeinsame Wurzel.

„Auf jeden Fall die Neugier, an die Grenzen zu gehen und auch ein bisschen darüber hinaus zu gehen, und die Faszination. Wo es dann schwierig wird, ist es, wenn es ein Denkverbot gibt. Und das gibt es manchmal in der Wissenschaft, das gibt es manchmal in der Politik und das gibt es manchmal in der Religion. Und das tötet eigentlich eine Kreativität und die Neugier des Menschen. Das ist eher das Problem.“

Jahrhunderte, Jahrtausende lang sind Religion und Wissenschaft wie Geschwister, Seite an Seite. In der christlichen Zeit sind die Naturwissenschaften Teil der Theologie, bis zur Renaissance.

Viele bedeutende Wissenschaftler – damals theologisch ausgebildet oder sogar Geistliche. Die Klöster des Mittelalters – Zentren des Wissens und der Bildung. Nikolaus Kopernikus, der die Sonne wieder ins Zentrum des Planetensystems rückt – ein Geistlicher. Auch wenn es noch dauern sollte, bis auch die gesamte Kirche dieses Weltbild anerkennt.

Die Entwickler unseres heutigen gregorianischen Kalenders im 16. Jahrhundert - Astronomen des Vatikans. Ihre astronomische Forschungsstätte ist eine der ältesten der Welt.

Die große, formale Trennung

Erst im 19. Jahrhundert trennen sich Wissenschaft und Religion fundamental – mit Denkverboten auf beiden Seiten. Da waren die Menschen der Antike wohl weiser, ganzheitlicher würde man heute sagen. 

„Auch in alten Schöpfungsmythen, dann gibt es manchmal, dass der Himmel auf Säulen steht oder Bergen oder so was. Da war völlig klar, dass das eine allegorische Beschreibung eines Zustands ist, das haben Leute intuitiv begriffen. Haben natürlich darüber nachgedacht, was könnte das dann bedeuten. Ja, wenn sich so ein Himmel auseinanderzieht. ‚Er spannte den Himmel sozusagen aus‘. Da werden Lebensräume eröffnet, und heute sehen wir da ein Universum, was sich ausdehnt. Also, das ist ein sehr bildreiches Denken, was auch Phantasie anregt. Und wenn wir das so lesen wie eine Ikea-Beschreibung, wie man einen Schrank baut, dann hat man die Bibel nicht verstanden.“ 

Und trotz der unvorstellbaren Weite des Universums: Unser Planet, unsere irdische Heimat bleibt nun mal die Erde. Nur hier haben wir Boden unter den Füßen, können ein gutes, ein erfülltes Leben führen. Vielleicht mit einem Sinn für das Höhere, das über uns selbst hinaus reicht.

Antworten auf die großen Fragen

Falcke sieht seine Forschung nicht als Eroberungszug. Sondern eher wie eine Pilgerfahrt, die von Generation zu Generation den menschlichen Geist mehr weitet. Und dann auch eine Pilgerfahrt zurück zu sich selbst.

Die letzten Fragen jedenfalls sind für den Astronomen Heino Falcke noch immer offen. Was war vor dem Urknall? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wie wird es dort sein? Und was ist der Sinn von allem?

„Ich habe die Verwunderung immer noch und die Antworten durch die Wissenschaft nicht gefunden (lacht), aber ich habe das Gefühl, ich werde die Antwort noch erleben. Das ist so mein Glaube auch vom Himmel, dass ich mir da keine Sorgen machen muss, dass ich meine Fragen nicht beantwortet kriege. Also, wenn jetzt alle Fragen hier auf dieser Welt beantwortet werden, wäre ja auch irgendwie langweilig, oder?“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

„Klangräume“ Live in der Balver Höhle – Phönix


[1] Buchhinweis: Heino Falcke „Licht im Dunklen“ – Schwarze Löcher, das Universum und Wir, Klett-Cotta-Verlag, 24 Euro


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Dieser Beitrag wurde am 31.10.2021 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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