Wort zum Tage, 14.03.2015

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Geschenk Vergebung

Du kannst ja Fehler machen. Es kommt nur darauf an, wie du mit ihnen umgehst. Das sagte mir einmal mein Geigenlehrer. Zum x-ten Mal hatte ich mich an der gleichen Stelle verspielt; ich war völlig genervt. Doch er hatte Recht. Fehler kann ich nicht nur machen, ich mache sie tatsächlich immer wieder, und leider nicht nur auf dem Instrument. Einfach deshalb, weil ich ein Mensch bin und kein Roboter. Den fehlerlosen Menschen, den gibt es nicht.

Doch wie umgehen mit Fehlern, die ich nicht so einfach korrigieren kann, wie einen falsch gespielten Geigenton. Was tun, wenn es keinen zweiten Versuch mehr gibt? Weil ich vielleicht gerade mies drauf war und darum die Mitarbeiterin mit harten Worten tief gekränkt habe? Weil ich nur kurz die E-Mail auf dem Handy gelesen habe, statt auf die Straße zu achten, und dabei den Radfahrer übersehen habe, der jetzt im Krankenhaus liegt? Es gibt leider Fehler, die geschehen, obwohl sie nie geschehen dürften. Auch da, wo es besonders sensibel ist. Im Krankenhaus etwa oder im Straßenverkehr. Manche lassen sich nie mehr korrigieren. Die Frage, wie ich danach mit der Situation umgehe, ist nicht nur eine juristische. Es ist vor allem eine moralische: Die Frage nach der persönlichen Schuld, die ich eventuell auf mich geladen habe. Das Gefühl, als Mensch furchtbar versagt zu haben gegenüber einem anderen. Da nützt es auch nichts, wenn ich mir hundertmal vorsage, dass das leider passiert, weil es menschlich ist.

Es liegt ein Stein auf der Seele und den bekomme ich nicht einfach weg. Ich kann ihn vielleicht gnädig zudecken, hoffen, dass irgendwann Gras darüber wächst. Und doch wird dieser Stein früher oder später wieder zum Vorschein kommen. Um ihn loszuwerden, gibt es eigentlich nur einen Weg: Ich muss bereit sein, mich der eigenen Schuld zu stellen. Offen und ohne faule Ausreden. Erst dann kann ich ernsthaft auf so etwas wie Vergebung hoffen. Die jedoch kann sich niemand selber zusagen. Um Vergebung kann ich nur bitten, und dann inständig hoffen, dass der andere sie mir schenkt. Vergebung ist ein Geschenk, auf das ich nicht das geringste Anrecht habe. Doch wenn mir tatsächlich vergeben worden ist, dann ist der Weg wieder frei. Freigeräumt von Schuld. Frei zum Leben.

Und dennoch: Ein „Weiter-So“ wird es nicht geben. Das Gefühl, im entscheidenden Moment versagt zu haben, wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Aber wenn mir Vergebung geschenkt worden ist, werde ich ein anderer sein. Eine Narbe mehr werde ich zwar auf der Seele tragen. Doch eine, die dann nicht mehr so weh tut.


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Dieser Beitrag wurde am 14.03.2015 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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