Gottesdienst am 30. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Amöneburg

Predigt von Pfarrer Marcus Vogler

Liebe Schwestern und Brüder hier in der Amöneburger Stiftskirche und zuhause an den Radiogeräten,

Bartimäus. Die Geschichte dieses Mannes fasziniert mich schon immer. Bartimäus – der blinde Bettler, der gesund wird. Ein Blinder, der nicht lockerlässt, bis er sehen kann.

Dabei hatte alles so schlecht für ihn angefangen: Als blinder erwachsener Mann bettelt er vor den Toren der vielleicht ältesten Stadt der Erde, vor Jericho. Als Blinder hatte man zur damaligen Zeit schlechte Karten: Wer nicht sehen kann, kann nicht arbeiten. Wer nicht arbeiten kann, verdient kein Geld und kann sich nicht recht ernähren.

Bartimäus ist von der Gesellschaft ausgegrenzt und ausgeschlossen. Er hatte in seinem Umfeld kein Ansehen. Das ist die ausweglose Situation des Bettlers Bartimäus. Arm und wohl auch ohne Hoffnung sitzt er dort und erhofft sich von den Vorübergehenden ein Almosen, damit er leben kann.

Im Text haben wir gehört:

„Viele Menschen, die um ihn standen, wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen!“

(V. 48)

Das ist vermutlich nicht nur ein zufälliger Satz. Dieser Satz ist bezeichnend für die Lebenswirklichkeit des Bartimäus. Er stört die anderen. Besser wäre es, wenn er nicht da wäre. Und wenn er schon da ist, dann soll er sich gefälligst möglich unauffällig verhalten und nicht noch auf der Straße andere Menschen ansprechen.

Dann bekommt er wenigstens hin und wieder ein kleines Almosen zum Überleben und wird mit durchgefüttert. – Wir können uns sehr leicht vorstellen, dass es sehr demütigend sein muss, eine solche Erfahrung machen zu müssen.

Solche Erlebnisse zerstören das eigene Selbstvertrauen und machen den Menschen tatsächlich zum Bettler – sowohl innerlich als auch äußerlich.

Aber in diesem Moment, den uns das Evangelium heute erzählt, hält sich Bartimäus nicht an das gewohnte Spiel. Er meldet sich zu Wort, ganz von selbst, ungefragt, sogar unerlaubt und ruft:

„Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“

Und das gleich zweimal. – Was machen die, die auf der Straße dabei sind? Sie wurden ärgerlich, heißt es und herrschen ihn an:

„Was schreist du hier herum? Du hast nichts zu sagen, dich wollen wir nicht hören! Wir wollen dich nicht wahrnehmen und wenn, dann nur wenn es uns in den Kram passt!“

Bartimäus hört davon, dass Jesus vorbeikommt und in diesem Moment verspürt er eine innere Sehnsucht und traut sich laut nach Jesus zu schreien. Dann stellt Jesus diese Frage, die viele uns wahrscheinlich irritiert:

„Was soll ich dir tun?“

Was eine komische Frage, oder? Was soll denn ein Blinder mehr wollen als wieder sehen zu können?

Aber: Jesus stellt hier nicht einfach nur eine bloße Informationsfrage, die mit einer banalen Antwort erledigt wäre. In diesem Moment, in dieser Situation geht es um mehr. Hier geht es um etwas Grundsätzliches, um etwas Existenzielles!

„Was willst du, was ich dir tun soll?“,

fragt Jesus.  – Was würden Sie auf diese Frage antworten? –

Haben Sie, haben wir eigentlich eine wirkliche Erwartung an Jesus? Gibt es in mir eine Sehnsucht, die stark genug ist, dass ich sie wirklich benennen könnte und sie Gott mitteilen könnte?

Ich meine jetzt nicht einfach einen Wunsch, der mir jetzt wichtig ist, der mir morgen vielleicht schon gar nicht mehr bewusst ist und ich mir übermorgen schon wieder etwas anderes wünsche. Ich meine: Was ist die Grundsehnsucht meines Lebens?

Bartimäus hat seine Lebenssehnsucht benannt: Ich will sehen! Im übertragenen Sinne heißt das vielleicht: Ich möchte mehr sehen, als mir jetzt möglich ist! Ich möchte über mich und mein Leben hinausschauen können! Bartimäus hat den Mut, Jesus anzusprechen und ihm seine Sehnsucht mitzuteilen.

Er glaubt fest daran, dass Gott seine innere Sehnsucht stillen kann. Und daher spricht Jesus zu ihm diesen wunderbaren Satz:

„Dein Glaube hat dir geholfen!“

Bartimäus erfährt durch Jesus, dass er von ihm angenommen ist, er ändert sein Leben und folgt ihm nach.

Liebe Mitchristen, diese Erzählung vom blinden Bartimäus erinnert mich wieder daran, dass ich mit meinem Leben, mit meinen Sehnsüchten und meinen Ängsten zu Jesus kommen kann.

Er fragt mich immer und immer wieder: Was soll ich dir tun!“ Um darauf aber eine Antwort zu finden, muss ich mir allerdings erstmal selbst klar darüber werden, was ich denn von Jesus möchte.

Ich denke, dass das eine ganz entscheidende Frage in menschlichem Leben ist. Welche Sehnsucht trage ich in mir, die ich Jesus mitteilen möchte? Die Sehnsucht geliebt und angenommen zu werden. Die Sehnsucht, anerkannt zu sein, etwas zu gelten.

Die Sehnsucht, verschiedenen Zusammenhänge in meinem Leben klarer zu erkennen. Die Sehnsucht, richtige Entscheidungen zu treffen. Die Sehnsucht nach Freundschaft, nach Gesundheit u.v.m.

Ich bin davon überzeugt, es lohnt sich, diesen Fragen einmal nachzuspüren. Dafür reicht die Zeit hier im Gottesdienst nicht aus. Aber vielleicht nehmen Sie diese Frage ja in den vor uns liegenden trüben Herbsttagen einmal mit nach Hause, um dem ein wenig nachzuspüren!

Wenn ich dann für mich erkannt habe, was ich denn von Jesus möchte, dann lehrt uns die heutige Erzählung vom blinden Bartimäus, dass ich dann auch den Mut aufbringen soll, Jesus das auch mitzuteilen.

Und dann sind wir auf einmal mitten im Gebet, d.h.im vertrauten Gespräch mit Gott, wie mit einem guten Freund. Das geht allerdings in den wenigsten Fällen nicht mal so zwischendurch, zwischen „Tür und Angel“.

Für dieses Gespräch muss ich mir Zeit nehmen. Dazu kann ich mich in Stille einmal in die Kirche setzen, gerade auch dann, wenn kein Gottesdienst ist, damit ich meine innere Ruhe finde.

Oder ich zünde mir zuhause eine Kerze an, setze mich vor das Kreuz und spreche mit Jesus so, wie mir gerade zumute ist. Wie mit einem guten Freund. Jesus fragt uns immer und immer wieder:

„Was soll ich dir tun?“

An jedem und jeder einzelnen liegt es, ob wir in diesen Dialog eintreten und Jesus an unserem Leben teilhaben lassen.

Ich möchte sie ermutigen und einladen: Probieren Sie diese Art von Gebet einmal aus. Sie haben nichts zu verlieren. Im Gegenteil! Bartimäus zeigt es uns: Es lohnt sich, auf Jesus zuzugehen!


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Dieser Beitrag wurde am 24.10.2021 gesendet.





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