Morgenandacht, 22.10.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Scherben bringen Glück

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“

„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen hinter den Bergen bei den sieben Zwergen ist tausendmal schöner als Ihr.“

Dieses Märchen – wohlbekannt – ist wie alle Märchen nicht nur für Kinder gedacht! Weil die Königin es nicht ertragen kann, dass irgendwo irgendjemand sie übertrifft, beginnt ein Ränkespiel, die Konkurrentin aus dem Weg zu schaffen, damit ihr als Schönheitskönigin niemand mehr im Wege steht.

Nun ist mittlerweile auch psychologisch geklärt, dass Konkurrenz einerseits zwar das Geschäft belebt und die Entwicklung fördert, aber dass es im Leben äußerst tragisch enden kann, wenn sich Menschen ausschließlich im Vergleich und in Konkurrenz zu anderen definieren.

Der österreichische Philosoph Paul Watzlawick (1921-2007) hat ein vielbeachtetes Buch veröffentlicht mit dem Titel „Anleitung zum Unglücklichsein“.

Eine zentrale These darin lautet: Alles Unglück liegt im Vergleich! Mein Haus gefällt mir, bis der Nachbar eines baut, das mir möglicherweise besser gefällt. Mit meinem Gehalt bin ich zufrieden, bis ich von einem höre, der für eine vergleichbare Arbeit mehr bekommt.

Schöner, tüchtiger, beliebter, gescheiter, reicher, aber auch frömmer sein zu wollen – all das kann zu fatalen Entwicklungen führen, die letztlich wie bei Schneewittchen enden können: in Mordanschlägen oder gar in Kriegen.

Im Neuen Testament der Bibel fangen sogar die Jünger Jesu darüber zu streiten an, wer von ihnen wohl der größte und der beste sei; und sie handeln sich eine schwere Rüge von Jesus, ihrem Meister ein!

Vergleich und Konkurrenz sind grundsätzlich nicht schlecht, die Ablehnung oder Vernichtung des anderen aber sehr wohl. Das beschreibt die Bibel von den ersten Seiten an.

Das erste Brüderpaar scheitert am Thema Konkurrenz: Kain will nicht der Unterlegene sein und erschlägt seinen Bruder Abel. Der Mensch beginnt, sich zu vergleichen – und im gleichen Augenblick geht das Paradies verloren!

Aus diesem Spiel auszusteigen – damit fängt Erlösung an: aufhören mit dem Vergleichen, aufhören mit der Sehnsucht, der Beste zu sein. Dann wirst du frei sein, der zu sein, der du bist.

Jesus von Nazareth hat diese andere Lebensart schmerzhaft vorgelebt. Er verzichtet auf diesen Konkurrenzkampf, er lässt seine Gegner vordergründig die Stärkeren sein. So scheitert er in den Augen der Welt, aber letztlich hat sein alternativer Weg Geschichte geschrieben.

Christen nennen es Erlösung – eine Abkehr vom ewigen Recht des Stärkeren, dagegen die Würdigung des Schwachen und Geringen selbst noch im Scheitern! Und das letzte Wort hat die Gerechtigkeit, hat das Leben!

Tonscherben bringen Glück, so heißt es, Glasscherben eher nicht. In unserem Zusammenhang würde es, denke ich, Glück bringen, das Spieglein an der Wand besser fallen zu lassen, um den Schönheitswettbewerb und alle anderen unseligen Vergleiche aufzugeben.

Ich meine: Den Konkurrenten nicht auszuschalten wäre demnach die Lösung, sondern mit dem eigenen Leben zufriedener zu werden und den anderen anders sein zu lassen.

Kirche hätte da sicher auch in ihrer Vorbildfunktion noch nachzubessern: Ethik ist gut im Sinne von Lebenshilfe. Aber Ethik ist kein Kampfsport! Im Evangelium dürfen auch die leben, die hinter ethischen Erwartungen zurückgeblieben sind, in deren Leben etwas zerbrochen ist. Vielleicht bekäme das Wort „Scherben bringen Glück“ dadurch einen neuen Klang.

 


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Dieser Beitrag wurde am 22.10.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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