Morgenandacht, 20.10.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Ich habe einen Namen

Ich habe einen Opernbesuch bei den Salzburger Festspielen geschenkt bekommen. Mozarts ‚Don Giovanni‘ steht auf dem Programm. Da geht es um einen berüchtigten Frauenverführer, dem jedes Mittel recht ist, um zu seinem Ziel zu gelangen.

Don Giovanni – oder spanisch: Don Juan – ist nicht erst seit der #Metoo-Debatte ein gesellschaftliches Thema, das die Grenzüberschreitung gewissenloser Männer auf die Bühne bringt.

Bei der modernen Inszenierung in Salzburg haben mich zwei ausdrucksstarke Motive sehr beeindruckt: Während einer Arie wird ein Kopiergerät an Seilen von oben heruntergelassen.

Das gespenstisch grüne Licht, das sich während des Kopiervorgangs pausenlos von links nach rechts bewegt, wird zum Symbol für die immer gleichen Vorgehensweise des Don Giovanni, für den Beziehungen zu Frauen lediglich wie Kopien sind.

Das wird noch durch eine weitere bemerkenswerte Darstellung sichtbar: die Regisseurin hat 150 Salzburger Frauen als Statistinnen gewinnen können, die im zweiten Akt prozessionsartig über die Bühne ziehen.

Sie versinnbildlichen die schier endlose Zahl von enttäuschten Damen, die Don Giovanni ins Unglück gestürzt hat. Zum einen erhalten sie ihre Würde dadurch wieder, dass sie sich sehr selbstbewusst über die Bühne bewegen und Don Giovanni schließlich auch in die Enge treiben.

Zum anderen finde ich es beachtlich, dass die Namen aller 150 Damen einzeln im Programmheft aufgelistet werden. Sie sind eben keine Kopien. Sie sind kostbare Individuen, jede mit ihrer je eigenen Geschichte und mit ihrer eigenen Würde.

Dass das gemeinsame Schicksal großer Menschenmengen immer aus Einzelschicksalen und Einzelgeschichten besteht, wird auch an anderen Stellen sichtbar.

Ich denke an die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, wo der unzähligen Holocaustopfer namentlich gedacht wird. Yad Vashem ist der hebräische Ausdruck für „Denkmal und Name“. Er bezieht sich auf einen Vers im Buch des Propheten Jesaja. Dort heißt es:

„Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“

(Jes 56,5)

In Yad Vashem sind in vielfacher Weise die Namen der Opfer auf Gedenktafeln zu lesen oder auf Tonbändern zu hören. Kein einziger Name soll vergessen sein oder in der Menge untergehen.

So bin ich auch immer gerührt, wenn an Totengedenktagen in unserer Kirchengemeinde die Namen der Verstorbenen vorgelesen werden – wenn ich sie persönlich gekannt habe, entstehen dabei Bilder vor meinem inneren Auge.

Natürlich sind die Namen aber nicht nur bei Verstorbenen von Bedeutung. Als Seelsorger in der Gemeinde ist mir schnell klar geworden, wie wichtig es ist, die Namen der mir Anvertrauten zu kennen und die Menschen nach Möglichkeit immer mit Namen anzusprechen.

Ganz besonders wichtig ist das bei Kindern in Schule und Jugendarbeit: Es geht nie nur um eine Klasse oder ein Gremium oder eine Gemeinde, es geht immer um einzelne, unvergleichliche Menschen.

Es ist für mich eine der schönsten Passagen in der Bibel, dass Gott jeden einzelnen Namen kennt:

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen.“

(Jes 43,1)

Oft zitiere ich diesen Vers aus dem Buch Jesaja bei der Taufe eines Kindes. Und ich halte es mir selbst immer wieder vor Augen, wenn ich den Eindruck habe, es sei ja egal, wer die Arbeit macht, jeder sei ersetzbar: Ich bin kein einfach so ersetzbares Rädchen, ich habe einen unvergleichlichen Namen. Das ist meine Würde.


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Dieser Beitrag wurde am 20.10.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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