Morgenandacht, 19.10.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Zum Glück gibt’s den Sinn

Ein junger Mann hatte einen Traum. Er betrat einen Laden. Hinter der Ladentheke sah er einen Engel stehen.

„Was verkaufen Sie denn?",

fragte ihn der junge Mann. Der Engel gab freundlich zur Antwort:

„Alles, was Sie wollen.“

Da fing der junge Mann sofort an zu bestellen.

„Dann hätte ich gern: eine saubere Umwelt, das Ende der Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen in der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, und und und …“

Da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte:

„Entschuldigen Sie, junger Mann. Sie haben mich verkehrt verstanden. Wir verkaufen hier keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.“[1]

Diese alte Geschichte ist mir in den letzten Monaten der Pandemie öfters in den Sinn gekommen. Wie vieles hätte ich mir in dieser Zeit gewünscht, die mir vorkam wie das Fahren mit angezogener Handbremse!!

Alles, was in meinen persönlichen Alltag sonst Abwechslung – oder sagen wir es ruhig: Glücksgefühle bringt, war lange Zeit verboten, z.B. Konzertbesuche, das Weggehen mit Freunden oder ein paar Tage in den Bergen.

Ich sehne mich nach Glücksmomenten, die sich unterscheiden vom eintönigen Grau des Alltags. Nun gib es solche grauen Phasen ja nicht nur während einer Pandemie. Auch sonst frage ich manchmal: Was gibt mir den Kick, wo es doch grade ganz wenig Schönes zu erleben gibt?

Der Wiener Arzt und Psychotherapeut Viktor E. Frankl (1905-1997) warnt davor, das Glück auf direktem Wege zu suchen. Für ihn ist Glück natürlich auch erstrebenswert im Leben, aber kein Ziel, das man direkt anpeilen und schnell erreichen könnte wie etwa die Zielscheibe beim Bogenschießen.

Glück gibt es nicht als Produkt zu erwerben, Glück gibt es nur als Begleiterscheinung eines sinnerfüllten Lebens. Glück stellt sich ein, wenn Menschen sich einer Sache hingeben können oder wenn sie mit Engagement etwas verfolgen, was ihnen sinnvoll erscheint. Frankl kommt sogar zu dem Schluss:

„Sich selbst verwirklichen kann der Mensch also eigentlich nur in dem Maße, in dem er sich selbst vergisst, in dem er sich selbst übersieht.“ [2]

Dieses Zitat stammt aus einem Vortrag Frankls aus dem Jahr 1972. Fast ein halbes Jahrhundert später lassen sich seine Worte sogar neurobiologisch untermauern.

Die Hirnforschung zeigt nämlich, dass sich das Gefühl von Glück immer dann einstellt, wenn Menschen Herausforderungen erfolgreich bewältigen oder mit anderen Menschen empathisch kooperieren. Glück ist das Resultat mitunter harter Arbeit, aber ein Aufwand, der sich lohnt.

In der Bibel gibt es eine interessante Parallele. Jesus hat bei seinem öffentlichen Auftreten viel vom Reich Gottes gesprochen, es war sein Anliegen, Menschen dafür zu gewinnen, ihnen den Weg zum Heil schmackhaft zu machen.

Wenn er dabei auch exemplarisch Kranke geheilt hat – er hat nicht einfach für alle das Glück herbeigezaubert.

Sein Weg war die Pro-Existenz, das Engagement für andere. Besonders augenscheinlich wird dieser Weg beim Abendmahl am Abend vor seinem Leiden. Als zentrales Zeichen schildert das Johannesevangelium, dass Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht. Sich für die anderen zu engagieren, das ist Jesu Weg zum Heil – oder eben zum Glück. 

Auch in anstrengenden, scheinbar glücklosen Lebenssituationen lohnt es sich, nach Sinnvollem zu suchen und sich dafür zu engagieren! Den Sinn gibt’s zum Glück immer!


[1] Summerer Heinz, Geistliche Texte für Feste im Jahreskreis, Don Bosco Verlag München 1984, S. 58.

[2] https://zitatezumnachdenken.com/viktor-frankl/11167


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 19.10.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche