Morgenandacht, 23.10.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Beständige Werte

Ich liebe Olivenbäume! Einen kleinen habe ich auf meinem Balkon stehen, aber was ist das schon gegen die schönen alten Bäume auf den Plantagen in Griechenland. Ich bewundere sie mit ihren oftmals knorrigen und verschlungenen Stämmen und der silbrig leuchtenden Krone.

Die schimmernde Farbe entsteht durch eine feine Behaarung, die die Wasserverdunstung des Baums reduziert und ihn so vor dem Austrocknen schützt. Und es heißt: je krummer und knorriger der Stamm, desto besser der Ertrag.

Ölbäume sind schon rein äußerlich beeindruckend – sie haben aber auch eine starke Symbolkraft! Schon in der Antike stand Olivenlaub als Zeichen für den Frieden.

Ein Kranz aus Olivenzweigen galt bei den Olympischen Spielen als höchste Auszeichnung. Im alten Griechenland sah man den Ölbaum sogar als heiligen Baum der Göttin Athene.

In der Bibel ist er nun zwar nicht direkt heilig, aber auch hier ist eine starke Symbolik mit dem Olivenbaum verbunden. Sehr bekannt ist der Ölzweig als Hoffnungs- und Friedenssymbol aus der Arche-Noah-Geschichte. Dort lese ich:

„Gegen Abend kam die Taube zu Noah zurück und siehe: In ihrem Schnabel hatte sie einen frischen Ölzweig. Da wusste Noah, dass das Wasser auf der Erde abgenommen hatte.“

(Gen, 8,11)

Oliven-Öl galt immer als besonders wertvolles Grundnahrungsmittel, wer einen Ölbaum hat, ist gut versorgt und soll Gott dafür danken (vgl. Dtn 8,7ff). Weil das Öl so kostbar und vielseitig nützlich ist, z.B. auch als Heilmittel und als Grundstoff für die Kosmetik, wurde es zum zentralen Symbol für die Königswürde.

Und weil Könige zu ihrer Amtseinsetzung mit Öl gesalbt wurden, wurde „der Gesalbte“ zu einem Ehrentitel für den König. Hebräisch heißt das „Messias“, griechisch „Christus“.

Durch den Gesalbten Jesus von Nazareth ist das Salböl auch für alle Christen zu einem kostbaren Gut geworden: Bei Taufe und Firmung werden sie mit dem Chrisam, dem Königs-Öl gesalbt.

Nicht zuletzt soll das Salböl bei der kirchlichen Krankensalbung sowohl das Heilsame als auch die Würde eines Menschen mitten im Leid ausdrücken. Bis heute haben Ölbaum und Öl nicht an Wert verloren!

In meinem letzten Urlaub in Griechenland hat es mir besonders ein Ölbaum angetan, der seinen Platz mitten im Hotel in der Nähe des Pools hat. Er muss dort schon um vieles länger stehen als das Hotel, das um ihn herumgebaut wurde.

Ich überlege, was der Baum wohl sagen würde, wenn er sprechen könnte? Vielleicht:

„Alles ist anders geworden – früher war hier eine Wiese, ein Feld, und jetzt?“

Vielleicht aber auch:

„Jetzt werde ich viel mehr bewundert als früher und ich treffe ganz unterschiedliche, interessante Menschen!“

Ich denke daran, wie oft ich selbst sage:

„Wie sich die Zeiten ändern!“

Oft erzählen mir Menschen mit langer Berufserfahrung, wie sehr sich das Umfeld geändert habe: In den Strukturen der Verwaltung hat sich so vieles verändert, Gesetze und Vorgaben sind anders, in Schule und Erziehung gibt es Dinge, die früher undenkbar gewesen wären.

Der Ölbaum behält aber trotzdem seine Schönheit und Würde, auch wenn um ihn herum alles anders ist. Und bei Menschen ist das wohl auch so: Auch wenn sich in meinem Umfeld vieles oder alles ändert – ich werde deswegen nicht überflüssig oder habe ausgedient, sondern ich behalte meine Würde, meine Ausstrahlung.

Freilich muss ich mich immer auf mein verändertes Umfeld einstellen, andere Menschen und Zeiten um mich herum akzeptieren lernen. Aber mein Wert wird nicht geringer!

Vielleicht könnte man sogar wie beim Ölbaum sagen: Je knorriger, desto ertragreicher!?


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Dieser Beitrag wurde am 23.10.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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