Morgenandacht, 18.10.2021

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Die Kraft der Zuversicht

„Kohle, Widerstand und Badestrand“

– unter diesem Motto fand vor drei Wochen der Schöpfungstag im Bistum Regensburg statt – und das schon zum 17. Mal. Veranstaltungsort war der kleine, aber nicht ganz unbekannte Ort Wackersdorf.

Bis vor vier Jahrzehnten wurde dort noch Braunkohle abgebaut, in den 1980er Jahren sollte dann auf dem Gelände der früheren Tagebaugruben eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage entstehen.

Ich erinnere mich noch aus meiner Schulzeit gut an den massiven Widerstand, der damals von friedlichen Demonstrationen über Freiluft-Andachten kirchlicher Gruppen bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen am Bauzaun reichte.

1986 war die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, 1989 wurde das Projekt endgültig eingestellt. Mittlerweile gibt es dort ein beachtliches Gewerbegebiet inmitten einer rekultivierten Wald- und Seenlandschaft, ja sogar mit Badestrand.

Unzählige Touristen finden dort ebenso Raum für Erholung wie geschützte Tierarten ihren Rückzugsort.

„Kohle, Widerstand und Badestrand“

– in diesen drei Worten lässt sich die phasenweise sehr bedrückende, aber zuletzt doch unglaublich erfolgreiche Geschichte dieser Oberpfälzer Region zusammenfassen. Einige Jahre habe ich in dieser Gegend als Krankenhauspfarrer gearbeitet und dabei immer wieder Menschen getroffen, die aus der Widerstandszeit berichtet haben.

Sie erzählten von ihren düsteren Erinnerungen, von den Kämpfen an den Wochenenden, von Spannungen, die damals sogar den Familienfrieden zerstört haben. Aber ebenso spürte ich sehr oft das stolze Gefühl heraus, das die Einheimischen bis heute erfüllt, wenn sie an ihren Sieg über die Atomanlage denken.

An dem bunten Umweltaktionstag vor drei Wochen durfte ich einen Workshop gestalten über die „Kraft der Zuversicht“. Viele Teilnehmende erzählten von ihren persönlichen Durststrecken und dem, was ihnen persönlich Halt, Hoffnung und Zuversicht im Leben gegeben hat.

Besonders intensiv beschäftigten wir uns mit einem Satz des Schriftstellers Franz Kafka aus seinem Tagebuch vom Jahr 1921. Dort schreibt er:

„Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie beim richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.“

„Die Herrlichkeit des Lebens liegt bereit“

– sehr oft im Leben sieht es ja nun nicht danach aus. Da gibt es dunkle Zeiten im persönlichen Leben durch Schicksalsschläge wie Krankheit, Trennung oder andere große Sorgen.

Dass ausgerechnet Franz Kafka schreibt, dass da dennoch unterschwellig eine Herrlichkeit verborgen liegt, verwundert mich, da seine Erzählungen oft wie die Szenen von Albträumen wirken.

Auf ihn geht deshalb das Wort „kafkaesk“ zurück, das so viel wie ‚unheimlich‘ oder ‚bedrohlich‘ bedeutet. Und doch spricht Kafka davon, dass diese verborgene Herrlichkeit zu finden ist, wenn man sie beim richtigen Namen ruft.

Wenn ich an die Zeitgeschichte des Ortes Wackersdorf denke, dann bin ich froh über all die Menschen, die sich „berufen“ gefühlt haben, sich politisch zu engagieren und ihre Stimme zu erheben.

Dabei geht es mir nicht um den Widerstand an sich – es geht darum, die Herrlichkeit, also die Vision von einem besseren Zustand, zu entdecken und sie zu rufen, also mit persönlichem Engagement zu verfolgen.

In Wackersdorf wurde der Badestrand daraus. Ich bin überzeugt, dass ähnliche Entwicklungen auch sonst möglich sind – durch die Kraft der Zuversicht!


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Dieser Beitrag wurde am 18.10.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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