Am Sonntagmorgen, 17.10.2020

von Andrea Fleming, München

Wo Altes stirbt und Neues wächst. Ökumenische Netzwerke verbinden Gegensätze

Es heißt, dass Gleich und Gleich sich gern gesellt, aber dass Gegensätze sich auch anziehen. Die beiden Sätze müssen nicht unbedingt im Widerspruch zueinander gelesen werden. Das zeigen beispielhaft ökumenische Initiativen.

© Ignat Kushanrev / Unssplash

Stagnation und Irritation – so könnte man die aktuelle Stimmung unter den Christen in Deutschland beschreiben. Zumindest hat das Bischof Gerhard Feige beim Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt im Mai dieses Jahres getan.

Während die Hierarchien in evangelischer und katholischer Kirche über die Konditionen eines gemeinsamen Abendmahls oder über die Rahmenbedingungen bei konfessionsverbindenden Ehen streiten, können viele Christen die Trennungslinien zwischen evangelisch und katholisch schon gar nicht mehr nachvollziehen.

Viele von ihnen kümmern sich entweder nicht um die Vorgaben ihrer Kirchen oder besuchen einfach keine liturgischen Feiern mehr.

Gemeinsam beten

Die Corona-Pandemie schob dann kurz vor Ostern vergangenes Jahr einen Riegel vor die Kirchtüren, Gottesdienste konnte man nur noch über den Bildschirm mitverfolgen, das kirchliche Leben war mit einem Schlag auf ein absolutes Minimum heruntergefahren.

Genau zu diesem Zeitpunkt haben sich in Deutschland ganz spontan Christen aus ganz unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen zusammengetan und innerhalb einer Woche ein zweistündiges Online-Gebet auf die Beine gestellt, mit dem Titel „Deutschland betet gemeinsam“.

Nach Angaben der Initiatoren nahmen daran etwa eine Million Menschen in Deutschland aber auch aus anderen Ländern über das Internet teil. Mit dabei waren Gebetsinitiativen aus dem klassisch katholisch und evangelisch verfassten Umfeld, dazu freikirchliche Gemeinschaften und charismatische Gruppierungen.

Eine Sehnsucht ist da

Was sich in konfessionsübergreifenden Netzwerken wie „Miteinander für Europa“, dem „Christlichen Convent Deutschland“ oder auch dem eher katholisch geprägten Gebetsangebot „Nightfever“ schon seit einigen Jahren zeigt, hat die Pandemie nochmal deutlicher werden lassen: Auch wenn die Unterschiede groß sind, ist das Bedürfnis nach Spiritualität, nach gemeinsamem Gebet ein starkes verbindendes Element.

Gerade junge Christen finden sich jenseits der konfessionellen Wurzeln vor allem in informellen Gebetsformen zusammen, teilen das Anliegen, ihrem Glauben mit moderner Musik und in großen, medial unterstützten Zusammenkünften Ausdruck zu verleihen.

Das Online-Gebet traf offensichtlich einen Nerv der Zeit. Bischof Heinrich Timmerevers aus Dresden vertritt im Initiatorenteam die katholische deutsche Bischofskonferenz. Er beschreibt die Stimmung, die er gerade in Deutschland wahrnimmt, so:

„Mein Eindruck ist: Es ist eine ganz große Sehnsucht da, und das ist auch dominierend gewesen in unserem Treffen, gemeinsam zu beten. Und das überspringt im Augenblick alle anderen Fragen von Unterschieden und von den Themen, die uns in der Ökumene auch gefangen nehmen.

Es ist nicht das Ringen um irgendwelche theologischen Positionen, sondern ganz stark die Sehnsucht zu beten und im Gebet auch dann eins zu werden, die Gemeinschaft erfahrbar und erlebbar zu haben, und damit auch ein gegenseitiges Ermutigen und Bestärken im eigenen Glauben und im eigenen Christsein, das nehme ich ganz stark wahr.“

Versöhnung – auch innerhalb der Kirche

Unter den Initiatoren ist Fadi Krikor, geboren in Syrien und aufgewachsen in der christlichen Tradition der syrischen Armenier. 2014 kaufte er ein leerstehendes Dominikanerinnenkloster in Oberbayern und gestaltete es zusammen mit seiner Frau wieder zu einem Ort des Gebetes, der geistlichen Einkehr, aber auch der Versöhnung und des Dialogs.

Krikor will Räume schaffen, in denen sich Menschen begegnen, die sonst nur selten zueinander finden: Pfarrer und Geistliche verschiedener Kirchen, Menschen, die glauben, aber auch Menschen, die nicht glauben, Einheimische wie Menschen aus anderen Kulturen und Nationen.

„Es geht um Versöhnung. Die Botschaft des Kreuzes ist Versöhnung, aber auch Versöhnung innerhalb der Familie Gottes, Versöhnung innerhalb der Kirche. Wenn man ständig mit dem Finger zeigt: Hier ist falsch und hier ist richtig… dann kommen wir nicht weiter. Aber wenn man mit diesem väterlichen und mütterlichen Herz kommt, etwas umarmen will: Das verändert!

Es geht um die Ökumene der Herzen, Ökumene der Sendung, Ökumene der Anbetung… den Anderen höher zu achten als sich selbst, sagt Paulus, indem ich im anderen den Christus sehe.“

Kirchliches Leben in neuer Form

Fadi Krikor ist in verschiedenen nationalen und auch internationalen ökumenischen Netzwerken engagiert und hat gelernt, auch die eigenen Überzeugungen, die ihm vertrauten Formen zunächst einmal beiseitezulassen, um sich für sein Gegenüber zu öffnen, gerade, wenn der oder die ihm fremd ist.

In einem dieser Netzwerke ist er auf Schwester Vernita Weiß gestoßen, die in der katholischen Schönstatt-Bewegung zu Hause ist. Diese Bewegung lebt eine besondere Nähe zur Gottesmutter Maria, was für andere Konfessionen mitunter problematisch ist – doch die Art, wie sie in einer Video-Konferenz ein Mariengebet erklärend einführte und gestaltete, hatte dann auch freikirchlich beheimatete Christen beeindruckt und neugierig gemacht. Für Fadi Krikor liegt hier der Schlüssel für eine neue Form von kirchlichem Leben.

„… wie man Rücksicht auf den Anderen nimmt, nicht, weil man Kompromisse macht, sondern weil man aus Liebe den Anderen ehren will, man kennt das Herz des Anderen, man schätzt es. Etwas bricht auf, eine neue Form der Kirche, eine neue Gestalt der Kirche kommt hervor.“

Die Beliebtheit der „Mega-Churches“

Auch für Schwester Vernita bedeutete die Begegnung mit Menschen wie Fadi Krikor eine Erweiterung ihres bisherigen Horizonts als eher traditionell katholisch sozialisierte Christin. Über das internationale ökumenische Netzwerk „Miteinander für Europa“ hatte sie Gruppierungen und Menschen kennengelernt, von denen sie sich vorher eher ferngehalten hätte.

In ihrer eigenen Kirche gibt es Vorbehalte gegenüber Entwicklungen, wie man sie in Südamerika beobachtet, wo freikirchliche Gemeinschaften mit sehr emotionalen Gottesdiensten in sogenannten „Mega-Churches“ großen Zulauf haben.

„Die persönliche Begegnung, die hat mich so überzeugt und zwar das gelebte Christsein dieser Menschen. Das hat mich so überzeugt, dass ich gedacht habe: Es kann nicht sein, dass ich nur in meinem katholischen oder noch kleineren Rahmen meiner Bewegung bleibe. Für mich war diese sogenannte ‚Ökumene der Herzen‘ der Anfang von jeder Ökumene und von jedem menschlichen Zusammenleben. Es finden sich Herzen und da ist richtig was passiert über die Jahre, ich würde was vermissen, hätte ich diese Freunde nicht.“

Kommunikation ist alles

Sie sei offener und weitherziger geworden, erzählt sie. Manches bleibe befremdlich, wie etwa, wenn andere Christen beim Beten die Arme hoch in den Himmel recken oder sich im Gebet versunken in fremdartigen Lauten artikulieren, aber in diesen neuen Netzwerken habe man begonnen, einander wirklich zuzuhören, sich gegenseitig zu erklären, was dem anderen vielleicht fremd oder gar abstoßend vorkomme.

Und so hat auch sie selbst begonnen, ihre eigene Sprache zu überdenken, den neuen Freunden ihr Verhalten und auch manch liebgewordene Rituale mit verständlichen Worten zu erklären.

„Und da haben wir – und das halt ist der große Gewinn – nochmal neu gelernt, über Maria zu sprechen mit Christen, die nicht diesen Bezug zu Maria haben. Einfach ein Zugewinn an Glauben! Das ist wie in einer guten Ehe: Da hängt auch alles an der guten Kommunikation. Und da ist es auch nicht, dass man sich immer versteht, aber das Bemühen, den anderen besser zu verstehen, das ist auch ein Bemühen, das wir als Christen, meine ich, brauchen.“

Augsburg, Stadtteil Göggingen: Mitten in einem Gewerbegebiet, zwischen großen Autohäusern steht das „Gebetshaus“. Gründer Johannes Hartl bittet in ein edel eingerichtetes Café im Lounge-Stil mit stylischen braun-blau gemusterten Tapeten.

Angesagte große nackte Glühbirnen hängen von der Decke, an den dicken Naturholz-Tischen plaudern und lachen fast ausschließlich junge Leute. Hartl erklärt seine Mission:

Wir möchten Spiritualität und Gebet auf eine niedrigschwellige, aber trotzdem gehaltvolle Weise für Menschen von heute lebbar und erfahrbar machen. Und das versuchen wir natürlich mit kulturellen Formen, die es Menschen nicht unnötig schwer machen. Und Menschen fühlen sich in einem Café, das ähnlich wie ein Twenty-Five-hours-Hotel aussieht, halt tendenziell wohler als in einer Barockkirche mit Stuckdecke, obwohl ich die persönlich auch sehr schätze! Aber deswegen verwenden wir ästhetische Ausdrucksformen, die es Menschen von heute leicht machen, zu dem Inhalt, um den es uns eigentlich geht, vorzudringen.“

Auf Gemeinsamkeiten achten

Der konfessionelle Hintergrund der Besucher spielt für den katholischen Theologen erst einmal keine Rolle, man findet im Gebetshaus Augsburg auch fast keine religiösen Symbole außer dem schlichten modernen Holzkreuz im Gebetsraum in der ersten Etage.

Dort wird seit inzwischen 10 Jahren ununterbrochen gebetet - 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche. Es gibt stille Zeiten, aber auch viel Musik und Gesang. Dazu kommen Glaubenskurse und Vorträge zu Fragen der christlichen Lebensgestaltung. Doch auch wenn die christliche Lehre eine große Rolle spielt, geht es Hartl zunächst einmal darum,

„…Gebet für sich als eine Quelle der Beziehung zu Gott zu erleben und das auf eine befreiende, auf eine ganzheitliche, auf eine beglückende Art und Weise und nicht auf eine religiös enge und gesetzliche oder nur ritualistisch äußerliche. Die konfessionellen Unterschiede werden nicht glattgebügelt, aber wir feiern und zelebrieren zuerst mal das, was wir gemeinsam haben, was wir sogar gemeinsam haben können mit Menschen, die zu gar keiner Kirche gehören aber sagen: ‚Na gut, mit dem Beten kann ich es ja mal versuchen‘.“

Im Gebet die Mitte finden

Letztere kommen auch über Online-Events wie „Deutschland betet gemeinsam“ in Berührung mit einer Art von Christentum, das ganz unterschiedliche Strömungen miteinander verbindet und sich auf Schwerpunkte des Glaubens konzentriert, die allen konfessionellen Hintergründen gemeinsam sind. Johannes Hartl beschreibt, worin der Gewinn solcher Veranstaltungen aber auch des Angebots seines Gebetshauses liegt:

„Eine Klärung der eigenen Identität, der Bestimmung – das ist ja oft bei jungen Leuten die Frage: Wohin geht es mit mir beruflich oder in der Partnerschaft? Im Gebet findet man zu Gott, aber man findet auch zu sich selbst. Das ist unsere Erfahrung: Man wird nicht irgendwie komisch religiös, versponnen, sondern es werden liebesfähige, kritikfähige, ganzheitlich gesunde Menschen. Niemand von uns wird dann ein perfekter Heiliger, aber wir erleben diese Effekte ganz stark: dass im Gebet Menschen zu einer inneren Mitte finden.“

Die Kritik, dass nur Beten nicht reicht, dass ein emotional ansprechendes Gebetsevent bisweilen auch ablenkt von den eigentlichen Herausforderungen der Gesellschaft und an der konkreten, oft harten Lebenswirklichkeit des Einzelnen nichts ändert, ist auch bei den neuen ökumenischen Netzwerken angekommen.

Vor Ort sein, um zu verändern

Auch Bischof Heinrich Timmerevers reicht keine geistliche Wellnessoase im Netz:

„Das Beten ist immer ein erster Impuls und das reicht natürlich nicht. Wenn wir zusammenkommen wollen, müssen Menschen sich aufeinander zubewegen. Das ist ja das leichtere im digitalen Netz: Man setzt sich vor seinen eigenen PC oder nimmt sein Handy in die Hand und da wo man ist, kann man sich einfach einklinken. Aber das ist ein Moment, das kann eine Stunde sein, eine halbe Stunde sein, und dann zerbricht diese digitale Welt wieder in viele Einzelteile. Und ich denke, wenn man etwas verändern will, etwas auf den Weg bringen will, dann muss man vor Ort, da wo ich wirklich bin und lebe und arbeite, mit denen, die mir zugestellt sind, da muss ich anfangen, eine Beziehung aufzubauen und das Gemeinsame zu suchen.“

Darum sind innerhalb der neuen ökumenischen Netzwerke mancherorts kleine lokale Gruppen entstanden, die in einzelnen Projekten zusammenarbeiten, ob in der Arbeit mit Geflüchteten oder bei der städtischen Tafel, in der Familienarbeit oder in Netzwerken für Unternehmer.

Das Gebetshaus Augsburg hat in den letzten Wochen zu einer Gebets- und Spendenaktion für die Flutopfer in NRW und Rheinland-Pfalz aufgerufen und in kurzer Zeit viel positives Echo erhalten.

Beginnt die Einheit in Deutschland?

Fadi Krikor, der Syrer in Oberbayern, lädt ein zu Konferenzen über die Situation der Christen im Nahen Osten und koordiniert humanitäre Hilfe in seinem Heimatland. Für die Christen in Deutschland sieht er bei alledem eine ganz besondere Aufgabe und Mission:

„Da erkennt man in Deutschland auch in besonderer Weise, dass da etwas heranwächst, was in anderen Ländern nicht möglich ist. Die Spaltung ist vor 500 Jahren aus diesem Land hervorgegangen, die Einheit der Kirche wird noch einmal aus diesem Land hervorgehen.“

Die Wurzel und der Antrieb für diese Berufung Deutschlands wie er es nennt ist für ihn dabei ganz klar:

Deutschland betet ist mehr als nur Gebet. Weil Gebet verändert. Gebet schafft eine Atmosphäre. Gebet hat eine gewaltige Kraft. Es ist nicht alles, aber ohne geht gar nichts.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 17.10.2021 gesendet.


Über die Autorin Andrea Fleming

Andrea Fleming hat in Düsseldorf Ihren Diplomabschluss in Italienisch, Englisch und Deutsch als Literaturübersetzerin gemacht und arbeitet seit 2003 als freie Journalistin. Sie ist freie Mitarbeiterin im Bayerischen Rundfunk, ist für Firmen und Non-Profit-Organisationen in der PR-Arbeit tätig und schreibt für diverse Zeitschriften und Online-Portale. Außerdem arbeitet sie als deutsche Pressereferentin der Fokolar-Bewegung. Kontakt: a.fleming@gmx.de

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