Wort zum Tage, 13.03.2015

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Was mir heilig ist

„Was ist Ihnen heilig?“ Wenn mich einer das unvermittelt fragen würde, ich wäre im ersten Moment erst mal sprachlos. Genauso geht es in einem Dokumentarfilm auch den meisten Menschen, denen diese Frage gestellt wird. Ganz unterschiedliche Leute kommen da zu Wort, auf der Straße, im Café, am Bahnsteig. Menschen in einer Kirche, einer Synagoge, einer Moschee. Manche können gleich etwas sagen, doch die Meisten müssen tatsächlich erst mal nachdenken. Ihre Antworten sind so verschieden und bunt wie die Leute, die zu sehen sind. Doch fast immer haben die Antworten etwas mit dem Leben dieser Menschen zu tun. Da ist zum Beispiel der Mann, der allein in einem Park sitzt. „Heilig ist mir mein Sohn“, sagt er und ringt mit den Tränen. Dann erzählt er, wie er seit Jahren um das Besuchsrecht für sein Kind kämpft, das ihm verwehrt wird. Oder jener Mann, der eine Plastiktüte mit Bierflaschen neben sich stehen hat. Ein bisschen verwahrlost sieht er aus. Seine Familie, die sei ihm heilig, sagt er, und meint damit seine Töchter. Doch die haben den Kontakt zum Vater längst abgebrochen. Ist also das heilig, was wir uns sehnlichst wünschen? Das, woran unser Herz ganz besonders hängt, was uns unbedingt wichtig ist im Leben? Vielleicht ist der Gedanke gar nicht so abwegig. Für die Bibel ist eigentlich nur einer heilig: Gott allein. Und heilig kann damit jeder Ort sein, an dem mir Gottes Nähe erfahrbar ist. All jene Augenblicke im Leben, in denen ich glaube, einen Hauch vom Göttlichen zu spüren. Dazu braucht es nicht mal besonders herausgehobener Räume. Keine Kathedralen, keine Moscheen oder Synagogen. Es braucht dazu nicht einmal besondere religiöse Riten. Das Heilige, so erzählt es wunderbar leise dieser Film, kann mir immer und überall begegnen. Selbst in den alltäglichsten Momenten. Das Anlegen seiner Uniform vor dem Dienst, das sei für ihn so ein heiliger Moment, erzählt etwa ein junger Polizeibeamter. Für ihn ist es der Moment, in dem er ganz bewusst das Private hinter sich lässt und in seine berufliche Rolle schlüpft. In den nächsten Stunden wird er als Vertreter des Staates für Andere da sein. Er wird Menschen, die in Not sind, zur Seite stehen und dafür sorgen, dass das Recht eingehalten wird. Bei den Interviews im Film fällt mir eines besonders auf: Immer wieder hat es mit anderen Menschen zu tun, was als heilig empfunden wird. Ein Muslim, vor seinem Gebet in der Moschee danach gefragt, sagt für mich darum auch einen der stärksten Sätze in diesem Film: „Jeder Mensch ist heilig, jeder, ohne Ausnahme!“


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Dieser Beitrag wurde am 13.03.2015 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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