Wort zum Tage, 14.10.2021

P. Norbert Cuypers SVD, Wenden

Gespräche mit einem Freund

Ich lebe als Eremit abgelegen am Waldrand im Sauerland. Ganz bewusst habe ich mich entschieden, mich in die Stille einer Klause zurückzuziehen und das Schweigen einzuüben.

Wenn das Wetter schön ist, sind hier viele Radfahrer unterwegs, die die unzähligen Wald- und Wiesenwege für ausgiebige Spritztouren nutzen. Nicht wenige von ihnen nutzen die Lichtung, auf der sich meine Klause befindet, für eine kleine Rast.

An einem solchen Nachmittag schnappte ich die Worte eines Radfahrers auf, der mit lautem Organ und sichtlichem Stolz seiner Gruppe verkündete, dass er mit seinem Fahrrad eine neue Bestzeit gefahren wäre. Noch nie hätte er so viele Kilometer in nur so kurzer Zeit geschafft. Die Bewunderung der anderen war ihm gesichert.

Wie seltsam, dachte ich mir. Da sind wir die ganze Woche am Arbeitsplatz darauf getrimmt, Leistung zu erbringen, nur um uns dann am Wochenende im Freizeitstress ebenfalls auszupowern und Bestmarken zu erzielen.

„Ich bin, was ich leiste.“

Alle haben wir wohl irgendwie diese Parole verinnerlicht. Da frage ich mich als Eremit natürlich, was ich eigentlich in meinem Leben leiste? Tatsächlich verbringe ich täglich viel Zeit sozusagen „nur“ für Stille und Gebet.

Leistungsorientiert ist das ganz und gar nicht, obwohl mir neulich noch eine ältere Dame im Gespräch versicherte, dass man sich den Himmel durch intensives Gebet verdienen müsse.

Ist das wirklich so? Wie lässt sich denn der Erfolg des Gebets – wenn es so etwas überhaupt geben sollte – dann überhaupt messen? Nein, ich persönlich glaube nicht, dass es in meinem spirituellen Leben um Leistung gehen kann.

Schon deshalb nicht, weil der Begriff Leistung in der Bibel überhaupt nicht zu finden ist, auch nicht bei Jesus. Wohl aber verweist er seine Freunde auf den Wert einer lebendigen Beziehung mit ihm, wenn er ihnen sagt:

„Wer mit mir verbunden bleibt, so wie ich mit ihm, in dem kann ich wirken, und er wird viel Frucht tragen“

(Joh 15,5)

Für mich bedeutet Beten genau das: mit Jesus verbunden sein und verbunden bleiben. Vor aller Leistung und vor allem Tun in meinem Leben darf ich eine Freundschaft mit ihm pflegen, die mein Leben fruchtbar macht.

Deswegen gefällt mir auch ein Gedanke von Teresa von Avila, der spanischen Mystikerin aus dem 16. Jahrhunderts, so gut. Sie meint:

„Das Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt.“


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Dieser Beitrag wurde am 14.10.2021 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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