Wort zum Tage, 13.10.2021

P. Norbert Cuypers SVD, Wenden

In die Tiefe gehen

Ich gehöre einer Ordensgemeinschaft an. Vor gut einem Jahr habe ich mich entschieden, mehr Stille zu suchen und als Eremit zu leben.

Vor meiner Klause, der Wohnung eines Eremiten, steht ein alter Brunnen mit Winde und Schöpfgefäß. Er sei ohne weiteres noch funktionstüchtig, versicherte mir ein ortskundiger Besucher.

Allerdings habe man den Brunnen aus Sicherheitsgründen abgedeckt. Damit, so erwiderte ich, komme man aber gar nicht mehr an das frische Wasser heran, das sich zweifellos tief unten im Schacht finden lassen würde. Wozu also nützt solch ein zugedeckter Brunnen dann überhaupt noch?

Diese kurze Begegnung erinnert mich an die Zeit meiner Überlegung, ob ich ein Leben in der Stille wagen sollte. Schon so lange fühlte ich mich am Ende einer arbeitsreichen Woche stets leer und müde.

Der Grund, warum ich ein Leben als Ordensmann gewählt hatte, schien mir immer mehr verloren zu gehen: Die Suche nach Gott und seiner Verheißung für mein Leben. Dieser Suche wollte ich deshalb wieder einen größeren Raum geben. Wie aber macht man das konkret?

Aus meinem bisherigen Leben wusste ich, dass ich gerade in Zeiten des bewussten Schweigens meinen inneren Frieden finden kann. Als Christ glaube ich, auf diese Weise Gott näher zu kommen, ihm in der Stille zu begegnen. Ich vertraute mich einem erfahrenen Seelsorger an.

Er hörte mir und meinen Anliegen eine ganze Weile aufmerksam zu, bevor er am Ende sagte:

„Norbert, die Sache ist doch eindeutig. Du hast das starke Bedürfnis, näher an der Quelle des Lebens zu sein. Es dürstet dich nach einer intensiveren Gottesbeziehung. Folge dieser Sehnsucht.“

Dieses Gespräch war ein wichtiger Impuls, den Brunnen in mir zu reaktivieren, der in meinem Alltag so oft verschüttet zu sein schien. Mir wurde klar, dass ich dafür einiges in meinem Leben ändern und auch manches loslassen müsste.

Ein Tagebucheintrag von Etty Hillesum, einer niederländischen Jüdin, die von den Nationalsozialisten ermordet wurde, sprach mich an. Darin schreibt sie:

„In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.“

So also entschied ich mich für ein Leben als Eremit, um Geröll und Steine von meinem Lebensbrunnen wegzuräumen. Dabei bestätigt sich für mich immer mehr das, was der Schriftsteller Reinhold Schneider einst so trefflich formulierte:

„Die Stille ernährt, der Lärm verbraucht.“


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Dieser Beitrag wurde am 13.10.2021 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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