Feiertag, 10.10.2021

von Harald Schwillus, Halle (Saale)

Allein mit Gott – aber nicht einsam. Faszination Eremitenleben.

Um Eremiten ist es still: Sie leben in der Einsamkeit, nur mit sich selbst und mit Gott. Die Stille, die sie umgibt, birgt eine Faszination. Sie zieht seit Jahrhunderten Menschen an.

© Aaron Burden / Unsplash

Anders als erhofft, war der Sommer 2021 immer noch von Corona und den damit verbundenen Einschränkungen geprägt. Und das galt auch für meine Urlaubsplanung.

Ich hatte mich daher entschlossen, in Deutschland zu bleiben. Und da ich nun einmal barocke Schlösser und Gärten sehr mag, besuchte ich auf einer Sommerreise viele davon – natürlich mit Maske und mit Abstand.

Diese leider notwendige soziale Distanz hat meinen Blick auf die barocken Gärten verändert. Deutlicher als zuvor sind mir nämlich die sogenannten Eremitagen darin aufgefallen.

Es sind Einsiedeleien, die in Abstand zu den prächtigen Schlössern liegen und häufig nur über verschlungene Wege jenseits der Hauptachsen zu erreichen sind: als eine bewusst gestaltete Entfernung vom höfischen Zeremoniell liegen sie in einer eigens gestalteten ‚Wildnis‘.

Manchmal sind es Kapellen, die von kleinen ‚Eremiten‘-Zimmern umgeben sind, manchmal sind es künstliche Ruinen oder Felsengrotten, manchmal auch kleine um einen Innenhof angeordnete schlicht ausgestattete Zimmer.

Der Adel hat diese Gebäude in seinen prächtigen Parks errichten lassen. So etwa in Bayreuth oder in München-Nymphenburg. Natürlich sind sie auch Teil der Selbstdarstellung der Regierenden in der Barockzeit, da sie zeigen wollten, dass auch die selbstbewussten Fürsten um die Endlichkeit ihres Daseins wussten. Die Faszination eines Lebens als Einsiedler hat so im 18. Jahrhundert Gestalt angenommen.

Eine der barocken Eremitagen in Deutschland finde ich ganz besonders interessant. Es ist die im Park des Schlosses Favorite bei Rastatt in Baden-Württemberg. Sie ist einerseits natürlich auch Teil eines barocken Gartenprogramms, doch andererseits ebenfalls Ausdruck der persönlichen Frömmigkeit der Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden.

Diese starke und gläubige Frau, die nach dem Tod ihres Mannes über Jahre hinweg die Regierungsgeschäfte für ihren unmündigen Sohn führte, nutzte die Stille und Einsamkeit der Eremitage im Park Favorite immer wieder für das persönliche Gebet. Sie nahm sich Auszeiten der Einsamkeit in einer Welt voller Verantwortung und Beanspruchung.

Dass sie dies in einer eigens dafür errichteten Einsiedelei unternahm, kommt nicht von ungefähr. Sie bezog sich damit auf eine lange und bis heute bestehende Tradition christlichen Eremitenlebens.

Ich lade Sie dazu ein, diese Tradition etwas genauer anzusehen und auch etwas vom Leben der Eremiten unserer Zeit zu erfahren.

Einsiedler gibt es in vielen Religionen und Kulturen. Für die christlichen Einsiedler dürften jedoch die biblischen Überlieferungen und Texte eine ganz besondere Inspirationsquelle für die Wahl dieser Lebensform gewesen sein. Immer wieder ziehen sich nach Auskunft der Bibel Menschen auf der Suche nach Gott in die Einsamkeit der Wüste zurück.

‚Eremía‘, das griechische Wort für Wüste, Einsamkeit und Ödnis, gab ihnen dann auch den Namen: Eremit, Bewohner der Wüste. Für das Christentum ist dabei auch die 40-tägige Zeit Jesu in der Wüste von großer Bedeutung.

Dorthin zieht er sich gleich nach der Taufe durch Johannes am Jordan zurück, bevor er sein öffentliches Auftreten beginnt. Diese Zeit des Alleinseins Jesu in der Wüste wirkt im Christentum und seiner Einsiedlertradition nach.

Die bedeutendste Gestalt des christlichen Eremitentums ist wohl der Einsiedler Antonius. Er lebte von etwa 251 bis 356, also über 100 Jahre lang, in Ägypten in einer Epoche voller Umbrüche für das Christentum.

Diese neue Religion hatte sich trotz brutaler Verfolgungen immer weiterverbreitet, bis sie im 4. Jahrhundert von Kaiser Galerius schließlich geduldet und durch Kaiser Konstantin nachdrücklich gefördert wurde.

Antonius stammte aus der gehobenen gebildeten Mittelschicht Alexandrias, verlor aber seine Eltern, als er etwa 20 Jahre alt war. Er musste sich fortan um sich selbst und um seine Schwester kümmern.

All das, wie auch seinen weiteren Lebensweg, hat Bischof Athanasius von Alexandria wenige Jahre nach dem Tod des Antonius in einem Buch niedergeschrieben.

Dieses Buch wurde zu einem wahren Bestseller. Es machte die Lebensweise der christlichen Eremiten weit über Ägypten hinaus bekannt und trug so die mit ihr verbundene Faszination in die römische Welt hinein.

Nach Auskunft dieser – seine Heiligkeit heraushebenden – Lebensbeschreibung wurde Antonius durch Bibeltexte, die er im Gottesdienst hörte, angeregt, sein bisheriges bürgerliches Leben in Stadt und Gemeinde zu verlassen und sich in die Wüste zurückzuziehen:

„Noch waren keine sechs Monate seit dem Tod seiner Eltern vergangen, als er wie gewohnt zur Kirche ging. Er sammelte seine Gedanken und überlegte sich beim Gehen, wie die Apostel alles verlassen hatten und dem Heiland gefolgt waren […]. Als er wiederum zur Kirche ging und im Evangelium des Herrn sprechen hörte: ‚Sorgt euch nicht um morgen!‘ (Mt 6,34), hielt er es nicht mehr aus, noch länger zu bleiben. Er ging hinaus und verteilte auch [… den] Rest [seiner Habe] an die Armen. Die Schwester aber vertraute er bekannten gläubigen Jungfrauen an […].“[i]

Nicht nur Männer fühlten sich in jener Zeit zu einem Leben in der selbstgewählten Einsamkeit, in der Wüste, berufen. Im 4. Jahrhundert haben sich auch Frauen für ein solches Leben entschieden.

Die Christinnen und Christen jener Zeit achteten sie ebenso wie die männlichen Eremiten, die als ‚abba‘, als geistlicher Vater, bezeichnet wurden, und nannten sie ‚amma‘, geistliche Mutter.

Wie die Lebensbeschreibung des Wüstenvaters Antonius etliche Männer dazu motivierte, die bürgerliche Gesellschaft zu verlassen, wurde die Lebensbeschreibung der Wüstenmutter Synkletika für Frauen zu einer Inspirationsquelle.

Der Theologe Andreas-Abraham Thiermeyer ist Mitherausgeber der deutschen Ausgabe des Buches ‚Meterikon‘, das die Weisungen und Aussprüche der Wüstenmütter enthält. Er schreibt darin über Synkletika:

„Für viele Frauen wurde die Vita der hl. Synkletika ein geistliches Ideal. Ihre Familie kam aus Mazedonien und lebte im 4. Jahrhundert in Alexandria, wo auch die hl. Synkletika geboren wurde. Als ihre Eltern starben, entschloß sie sich zum Eremitentum. Mit ihrer blinden Schwester, für die sie die Sorge übernommen hatte, zog sie sich in eine Zisterne zurück. Sie gab geistliche Weisungen in Form eines Rhema ([eines] kurze[n…] Weisheits- oder Lehrwort[s]), eines Gleichnisses oder einer Parabel.“[ii]

Über die Jahrhunderte hinweg wurden und werden immer wieder neue Formen für die Gestaltung eines christlichen Einsiedlerlebens gesucht. Eigentlich ist jede Nonne und jeder Mönch ein solcher Einsiedler. 

Nicht von ungefähr kommt das deutsche Wort ‚Mönch‘ vom griechischen ‚monachós‘, was man als ‚allein Seiender‘ übersetzen kann. Dieses Alleinsein mit Gott in der Einsamkeit nahm über die Jahrhunderte hinweg sehr unterschiedliche Formen an.

Alle aber suchten die Einsamkeit und hofften auf ein Alleinsein mit Gott. Was das für den einzelnen suchenden Menschen, der sich auf diesen Weg begeben hat, bedeuten kann, fasst ein Ausspruch der Einsiedlerin Synkletika gut zusammen:

„‚Hart sind zunächst der Kampf und die Mühe für diejenigen, die dem Herrn in der Stille und dem Schweigen dienen wollen (die den Weg zu Gott gehen), doch dann kommt die unaussprechliche Freude. Wie bei denjenigen, die ein Feuer anzünden wollen, Tränen den Blick wegen des Rauches trüben – sonst können sie das gewünschte Ziel nicht erreichen –, so auch bei denjenigen, die wünschen, in sich das göttliche Feuer anzuzünden. Sie müssen dieses Feuer in sich durch Tränen, Mühen, Stille und das Schweigen nähren.“[iii]

Auch heute gibt es immer wieder Menschen, die sich aus einer geistlichen Motivation heraus in die Einsamkeit des Eremitenlebens begeben. Und das selbst im eher entkirchlichten Brandenburg. Dort liegt nördlich von Berlin am Wutzsee die kleine Stadt Lindow. Sie ist ein beliebtes Ausflugsziel für den Wander- und Radfahrtourismus.

Hier lebt, nicht weit von den Ruinen eines ehemaligen Zisterzienserinnenklosters entfernt, seit 2014 ein Einsiedler: Pater Jürgen Knobel. Er ist gelernter Restaurator, trat dann aber mit 30 Jahren bei den Franziskanern in Bamberg ein.

Zunehmend spürte er jedoch, dass er sich zum Eremitenleben berufen fühlte. Er beschritt diesen Weg weiter und studierte spirituelle Theologie in Heiligenkreuz bei Wien, bevor er sich 2002 für das Erzbistum Berlin zum Priester weihen ließ. Der Berliner Erzbischof unterstützte seine Berufung zum Einsiedler und entband ihn 2014 vom Dienst in einer Pfarrei.

Im Januar 2021 hat der Journalist Oliver Gierens über Pater Knobel und sein Eremitenleben in der kleinen St. Josephs-Kirche bei Lindow in der Zeitung „Die Tagespost“ berichtet:

„Wer die kleine Kirche direkt am idyllisch gelegenen Wutzsee finden will, der muss schon genau hinschauen. Versteckt hinter Bäumen, ganz am Ende der Straße zum See, fährt man schnell vorbei. […] Unter vier Orten, die für eine Eremitage in Frage kamen, hat sich Pater Knobel genau diesen Ort ausgesucht. Mitten in der Natur gelegen, abgeschieden, aber doch nicht aus der Welt, mit einem kleinen Garten ringsum, erschien ihm dieser Ort genau der richtige zu sein, um nach über 400 Jahren die erste Niederlassung eines Eremiten im heutigen Erzbistum Berlin zu errichten. Seitdem lebt Pater Knobel in dem Wohntrakt des Kirchengebäudes, verbringt täglich mehrere Stunden im Gebet und in der stillen Betrachtung, empfängt Einzelgäste zur Beichte oder zur geist[lichen…] Begleitung und kümmert sich um das kleine, aber durchaus arbeitsintensive Grundstück. […]

‚Das war, wie wenn ein Ufo landet‘, beschreibt Pater Knobel manche Reaktionen vor Ort. Es gab zwar keine Widerstände, aber ein Eremit in einer Gegend, in der nur wenige Christen leben und die kaum katholische Traditionen kennt? Viele mussten erst begreifen, dass er von sich aus keinen Kontakt sucht, doch mittlerweile sei die Akzeptanz groß, die Freude über die neue Zweckbestimmung der Kirche überwiege.“[iv]

Im Sommer dieses Jahres durfte ich bei meiner Reise durch Deutschland in Baden-Baden Carl Martin Nektarios Bunz kennenlernen. Er hat die Erfahrung des Eremitenlebens sehr persönlich und sehr intensiv gemacht. Sie prägt ihn bis heute.

Nachdem er als junger Mann längere Zeit an der Universität Saarbrücken wissenschaftlich tätig war, entschloss er sich mit etwa 40 Jahren, sein Leben grundlegend zu verändern.

Er gab all seinen Besitz auf und wurde Mönch auf dem weltberühmten Berg Athos in Griechenland, bevor er sich dann noch weiter zurückzog und einige Zeit als Einsiedler auf der Insel Samothraki im Nordosten des Landes lebte.

Seit einigen Jahren ist er wieder in Deutschland, führt das Leben in Zurückgezogenheit und Einsamkeit in veränderter Form jedoch weiter fort. Er arbeitet an der Kunsthalle Karlsruhe und wohnt in Baden-Baden, eng verbunden mit dem Zisterzienserinnen-Kloster Lichtenthal. Ich habe mich dort mit ihm getroffen und ihn gefragt, was für ihn persönlich ein Leben als Eremit bedeutet:

„Als Eremit zu leben heißt, Gott nahe zu sein. Allein zu sein mit ihm. Und es gibt keine schönere Form, Gott zu erleben, als als Eremit.“ 

„Intensives, intensiver Austausch mit dem Schöpfer, sich hineinbegeben in die Schöpfung mit einem Vertrauen, das geradezu animalisch ist, das aber eben der einzige Weg ist, um das zu erfahren, was dann als Gnade dem Eremiten widerfährt: dieses Geschenk der Geborgenheit. Einer Geborgenheit, die tief empfunden wird und die unendlich ist, und die zeigt, dass unsere Seele gut aufgehoben ist – beim Schöpfer. Nicht bei uns, nicht in unserem Leib. Das ist sekundär. Es ist ein Geschenk, dass wir sie hier haben. Aber wir müssen auf sie achtgeben und sie pflegen, damit wir sie auch gut wieder zurückgeben können. Der Eremit kommt an diesen Punkt, an dem er das alles intensiv empfindet, wo die Seele einmal hingehen wird.“

Während seiner Zeit als Einsiedler auf der griechischen Insel Samothraki lebte Nektarios Bunz sehr konsequent in und mit der Schöpfung. Seine Nahrung bot ihm die Natur.

Er aß und trank sie aus einer einfachen Schale: Dazu gehörten unter anderem Wasser und manchmal Ziegenmilch, Olivenöl, Kräuter und Getreide sowie Früchte, die die Natur bot. Seine Unterkunft betrachtete er weniger als Wohnung denn als Rückzugsort:

„Der Eremit hat keine Behausung. Das ist ganz wichtig. Wir stellen uns oft vor, den Eremiten in einer Hütte oder irgendeiner anderen Behausung – eine natürliche wie eine Höhle. Das sind Schutzräume, Unterstände. Aber dort lebt er nicht. Der Eremit ist draußen. Und das ist ganz wichtig. Für mich war das auch essentiell. Draußen sein, schlafen selbstverständlich unter freiem Himmel. Mein Schutzraum war ein hohler Baum, eine Platane. Ein riesiger Stamm, der innen hohl war. Man geht hinein und blickt hinauf wie in einem Dom. Dort konnte ich Schutz finden, wenn es regnet. Ich habe aber da drin nicht gelebt.“

Dieses sehr intensive Leben verließ Nektarios Bunz. Doch hat er wichtige Erfahrungen beibehalten und lebt nun sehr bescheiden und zurückgezogen in Verbundenheit mit den Zisterzienserinnen des Klosters Lichtenthal. 

Er wohnt in einem Gebäude, das ursprünglich für den Orden errichtet worden war und später in ein Wohnhaus umgewandelt wurde, indem man die einzelnen Nonnenzellen zu Wohnungen zusammenlegte.

Dabei wurde jedoch im Mittelteil des Gebäudes eine architektonische ‚Erinnerung‘ an dessen ursprüngliche Zweckbestimmung beibehalten: Die Zellen blieben in ihrer klösterlich schlichten Ausstattung als eine Art Einzimmerappartements erhalten.

In einem solchen Raum führt Nektarios Bunz sein Einsiedlerleben auf neue Weise fort: Wand an Wand mit den Menschen in den Wohnungen nebenan, doch zurückgezogen in seine Mönchszelle. Er verzichtet weiterhin auf dauerhaften Besitz und lebt mit bescheidenen Mittel allein, doch nicht vereinsamt.

Es gibt ganz unterschiedliche Weisen, ein Leben als Einsiedler zu führen. So hat sich auch der Steyler Missionar Pater Norbert Cuypers vor einiger Zeit als Eremit zurückgezogen, um der Suche nach Gott in seinem Leben wieder mehr Raum zu geben.

Er bewohnt ein Häuschen mit Schlafraum und Wohnküche, das abgelegen im Sauerland liegt und zuvor schon anderen Einsiedlern als Rückzugsort diente.

Ab morgen wird Pater Norbert eine ganze Woche lang hier bei Deutschlandfunk Kultur die Worte zum Tage sprechen, jeweils morgens um 6:20 Uhr. Dabei erzählt er von seinen Erfahrungen als Einsiedler. 

Immer wieder haben sich in der Geschichte des Christentums Frauen und Männer entschlossen, Gott in der Einsamkeit zu suchen. Dies gilt für die Wüstenmütter und Wüstenväter der frühen Kirche ebenso wie für Eremitinnen und Eremiten unserer Tage.

Dabei gibt es ganz verschiedene Formen und Weisen, dieses Einsiedlersein zu leben und zu gestalten – und auch die sehr intensiven Erfahrungen des Alleinseins mit Gott in den Alltag zu integrieren.

Selbst die barocken Einsiedeleien in den Schlossgärten des 18. Jahrhunderts legen davon Zeugnis ab.

Sicherlich sind sie Teil der Geschichte einer bisweilen vordergründigen Faszination an der besonderen Lebensweise der Eremiten und Eremitinnen. Dennoch zeigt nicht zuletzt die Eremitage der Markgräfin Sibylla Augusta im Garten des Schlosses Favorite bei Rastatt, dass damit auch spirituelle Tiefe verbunden sein kann. 

Für eine Markgräfin sicher nur auf Zeit. Heute würde man davon sprechen, dass sie sich dort in Gebet und Meditation eine Auszeit genommen hat.

Frauen und Männer, die sich von der christlichen Überlieferung zu einem Leben in Einsamkeit und zu einem Alleinsein mit Gott inspirieren ließen, machen einem Alltagsmenschen wie mir Mut, da ich im Geflecht von Beziehungen und Verantwortlichkeiten und Zwängen lebe.

Mut machen sie mir nicht etwa deshalb, weil ich mich nach einer Welt jenseits meiner Verpflichtungen sehnen würde – nein, sondern, weil sie mir deutlich vor Augen führen, was auch in Krisenzeiten wirklich wichtig ist: Hoffnung und Zuversicht.

Die Hoffnung auf die Nähe Gottes und das Vertrauen darauf, dass auch ein Mensch, der in der Einsamkeit lebt, nicht allein ist.

Die Wüste des Alleinseins kann dann zum fruchtbaren Land werden. Der Prophet Jesaja hat genau dies den Israeliten deutlich gemacht, als sie im Exil in Babylon leben mussten:

„Denkt nicht mehr an das, was früher war;

auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr!

Siehe, nun mache ich etwas Neues.

Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?

Ja, ich lege einen Weg durch die Wüste

und Flüsse durchs Ödland.“

(Jes 43, 18f.)

Genau dieses Nach-vorne-sehen, dieses in der Stille hinhören, dieses in der ‚Wüste‘ des eigenen Lebens und in der ‚Wüste‘ der Zeitumstände hoffende und mutmachende Vertrauen lebten und leben Eremitinnen und Eremiten aller Zeiten. 

Eine solche Faszination des Eremitenlebens kann auch Wirkung auf meinen Alltag haben – wenn ich sie zulasse und mir Auszeiten im Alleinsein mit Gott erlaube.

Der Tag des Einsiedlers, der in diesem Monat am 29. Oktober begangen wird, könnte ein Anlass sein, darüber nachzudenken.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Carl Philipp Emanuel Bach: Sonate für Flöte und Basso Continuo G-Dur WQ 127 (Berlin 1739), Adagio, Siegfried Pank (Viola da Gamba), Eckart Haupt (Flöte), Armin Thalheim (Cembalo), track 7

Jacques Champion de Chambonnières: Pieces de clavecin, Suite en Ut/C, Prélude, Skip Sempé (Cembalo), track 1

Keith Jarrett: The Melody At Night, With you, I Loves You Porgy (Ira Gershwin/Du Bose Heyward/ George Gershwin, Warner Music _ ASCAP), Keith Jarrett (Piano), track 1  

Keith Jarrett: The Melody At Night, Don’t Ever Leave Me (Oscar Hammerstein/Jerome Kern, Universal-PolyGram International Pub., Inc. – ASCA), Keith Jarrett (Piano), track 3

Luigi Boccherini, 5 Sonaten für Violoncello und Basso, Sonate in f, Cantabile, Julius Berger (Violoncello), Antoni Spiri (Cembalo), Aloys Posch (Contrabass), Stefan Johannes Bleicher (Orgel), track 11


[i] Athanasius: Vita Antonii. Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Adolf Gottfried, übersetzt von Heinrich Przybyla, Leipzig 1986, S. 25f. [11 Zeilen].

[ii] Thiermeyer, Andreas-Abraham: Wüstenväter und Wüstenmütter. Die Anfänge des Mönchtums, in: Bagin, Martirij/Thiermeyer, Andreas-Abraham (Hg.): Meterikon. Die Weisheit der Wüstenmütter, Augsburg 2004, S. 7–40, hier: S. 22 [8 Zeilen].

[iii] Bagin/Thiermeyer, Meterikon, S. 42 [10 Zeilen].

[iv] https://www.die-tagespost.de/gesellschaft/aus-aller-welt/juergen-knobel-leben-als-katholischer-aussteiger-art-215132 (zul. aufg. 2021-09-18) [19 Zeilen].


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Dieser Beitrag wurde am 10.10.2021 gesendet.


Über den Autor Harald Schwillus

Harald Schwillus, geboren 1962, ist seit 2005 Professor für katholische Religionspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Kontakt
Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Franckeplatz 1/Haus 31
06110 Halle (Saale)
harald.schwillus@kaththeol.uni-halle.de

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