Morgenandacht, 07.10.2021

von Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Abba, unser tägliches Brot gib uns heute

„Woher soll das Brot für heute kommen, wenn ich keine Arbeit finden kann“,

so fragt sich Theodor Kramer 1939 im Londoner Exil. Der aus Wien geflüchtete jüdische Lyriker fährt verzweifelt fort:

„Andere wissen nicht, wie davon essen, doch ich darf mich nicht einmal ermessen, sie zu suchen wie ein anderer Mann.“

In dieser bitteren Klage angesichts materieller Not schwingt die Verzweiflung mit über den Verlust menschlicher Würde und sozialer Teilhabe.

„Woher soll der Mut für morgen kommen, wenn ich ihn mir gar nicht denken kann? Gegen nichts vermag ich mich zu wehren, denn seit langem leb ich ganz im Leeren und ich streif nur an den Möbeln lang.“

Brot ist eben mehr als Brot, und wem könnte es gleichgültig sein, dass der Hunger in der Welt wieder zunimmt. Lebensunterhalt heißt für unsereinen als soziale Wesen auch Kommunikation und Teilhabe. Aber Brechts Dreigroschenoper formuliert mit Recht:

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.  

Es spricht für den realistischen Blick Jesu, dass das Vaterunser genau das zu beten lehrt:

Unser tägliches Brot gib uns heute“.

Keine frommen Sprüche, keine spirituellen Höhenflüge, ganz realistisch die Sorge ums tägliche Überleben.

„Gib uns täglich das Brot für morgen“,

könnte man auch übersetzen. Lass uns wissen, ob und was wir morgen auf den Tisch bringen. Von Kühlschrank und Gefriertruhe natürlich keine Spur. Es geht um die nackte Existenz.

Gott ist nichts für Feinschmecker. Schwarzbrotspiritualität passt besser zu ihm. Jesus ist davon überzeugt, dass es keine bessere Vorsorge gibt als das Vertrauen in jene freigebende Liebe, die er selbst mit Abba anspricht, Papa.

Er ist der verlässliche Schöpfer, und eigentlich ist immer noch genug da. Wenn wir nur teilen würden, bräuchte niemand zu hungern. Auch brutale Gier und pure Unersättlichkeit hätten dann ein Ende.

Aber warum fängt das Vaterunser nicht gleich mit dieser Bitte an? Wo sie doch so basal ist und ans Eingemachte geht? Weil der Mensch nicht vom Brot allein lebt! Wir brauchen Zuwendung und Anerkennung.

Ohne Liebe kein Leben, sonst bliebe es ein Vegetieren. Deshalb beginnt das Vaterunser nicht mit den menschlichen Urbedürfnissen, so elementar sie sind, sondern mit dem Geheimnis der Liebe, das wir Gott nennen.

„Abba – Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name.“

Schon die zärtliche Anrede sagt es: Abba. Je mehr wir die Quelle des Betens ansprechen, desto mehr kommt alles ins Lot.

„Dein Reich komme, dein Wille geschehe.“

Je mehr wir von uns selbst absehen, desto mehr wachsen uns Kräfte zu. Diese Überzeugung steckt im Vater-Unser-Gebet und in der Reihenfolge seiner Bitten.

„Nicht mein, sondern dein Wille – dein Reich, dein Name, dein Wohlwollen.“

Die Bitte um das tägliche Brot und das tägliche Überleben ist schon eingelagert in das Vertrauen auf Gott allein. „Denn dein ist die Macht und die Kraft und die Herrlichkeit“. Indem wir von uns absehen, sehen wir genauer, was zu tun ist.

Darum glaube ich:  Je mehr wir uns anbetend und fürbittend Jesu Gottvertrauen zu eigen machen, desto mehr kommen unsere akuten Lebensthemen in Ordnung. Wir werden bereiter zu teilen, und die Angst nimmt ab, zu kurz zu kommen.

Und vor allem: Dankbarkeit wäre das erste und letzte Wort, gerade in der Bitte um das tägliche Brot. Warum nicht auch im Tischgebet vor und nach dem Essen? 

Die Bitte um das tägliche Brot führt mitten hinein in eine Haltung der Solidarität. Die Katastrophe im Ahrtal hat wieder einmal ans Licht gebracht, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind und wie viel Hilfsbereitschaft in uns steckt. Es ist ja sehr bezeichnend, dass das Vaterunser nicht zuerst Einzelne anspricht, sondern die Gemeinschaft.

Es geht um Brot und Liebe für uns, für alle, nicht nur und nicht zuerst um mich.  Wo wir derart teilen, geschieht das Wunder der Brotvermehrung immer noch. Wenn wir wirklich teilen, ist mehr da als wir denken. Und alle werden satt. Abba, Vater, unser tägliches Brot gib uns heute – und die Liebe, die da drin steckt.


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Dieser Beitrag wurde am 07.10.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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