Morgenandacht, 08.10.2021

von Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Abba, vergib uns unsere Schuld

Es ist fast auf den Tag genau 60 Jahre her, dass Dag Hammarskjöld ums Leben kam, der große Friedenspolitiker und UNO-Generalsekretär. Sein Leben lang hat er sich mit der Frage der Vergebung herumgeschlagen, persönlich wie politisch.

Wie herauskommen aus dem Teufelskreis von Kränkung und Rache, von erlittener Verletzung und verletzender Gegenwehr? Frieden, so ersehnt er ist, lebt ja von Vergebung.

Und das braucht Mut und bedeutet Arbeit. Die deutsche Sprache unterscheidet dabei noch einmal treffend zwischen Verzeihen und Vergeben. Verzeihen kommt von Verzicht. Auf Rache zu verzichten und schon ein böses Wort nicht mit einem bösen zu beantworten, ist bereits etwas Großartiges.

Aber Vergebung ist noch mehr. Da steckt ja das Wort „geben“ drin, es geht also um etwas Offensives. Hammarskjöld notiert in seinem Tagebuch: 

„Die Vergebung zerbricht die Ursachenkette dadurch, dass der, der – aus Liebe „vergibt“, die Verantwortung auf sich nimmt für das, was du tatest.“

Der Teufelskreis des bösen „Wie du mir so ich dir“ wird gestoppt, ja unterbrochen. Ich trage dem anderen sein böses Verhalten nicht nach, ich behalte es sozusagen bei mir und schaue ihn in dem an, was er ist, nämlich gut.

Indem wir dem Guten mehr vertrauen als dem Bösen, tragen wir zum Weltfrieden bei. Hammarskjöld, der entschiedene Christ, hat natürlich die Botschaft Jesu vor Augen.

„Abba, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

So lehrt er beten im Vaterunser. Diese Bitte nimmt uns zwar als Opfer in den Blick, aber zuerst eben auch als Täterinnen und Täter. Jeder spirituelle Fortschritt fängt mit der ehrlichen Bestandsaufnahme bei uns selber an. Wo bin ich am anderen schuldig geworden, was bin ich ihm schuldig geblieben?

„Gutes unterlassen und Böses getan“

– welch ein Riesenberg des Versagens türmt sich da auf mit der Zeit. Also zuerst und vor allem:

„Vergib uns unsere Schuld.“

Das ist der erste Beitrag zum Weltfrieden. Keine Ausrede, kein Wegschielen, kein Wegschieben auf andere. Aber gleichursprünglich dann das Zweite:

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Im Matthäus-Evangelium lautet die Bitte Jesu sogar zugespitzt so:

„Wie auch wir vergeben haben.“

Demnach sollten wir beim Vergeben immer in Vorleistung treten, wir haben den ersten Schritt schon getan, bereit, Mitverantwortung zu übernehmen für das, was der Andere tat.

„Die Vergebung zerbricht die Ursachenkette des Bösen – im Kleinen und Großen.  Seelenfrieden und Weltfrieden hängen zusammen. Dazu braucht es selbstlosen Einsatz, immer Opfer. Nur so werden die Teufelskreise des Bösen unterbrochen.“

Davon ist Hammerskjöld zutiefst überzeugt. Vermutlich ist er tatsächlich Opfer geworden – die Umstände des tödlichen Flugzeugabsturzes, bei dem er vor 60 Jahren ums Leben kann, sind bis heute nicht geklärt.

Vergebung ist Arbeit, und die fängt immer bei uns selber an: Wir können um Vergebung nur bitten. Wir können sie nicht selber machen. Niemand kann sich selbst vergeben. Und jede Bitte ist riskant, sie kann abgelehnt werden.

Es braucht das Gegenüber, das uns losspricht und so zur eigenen Veränderung hilft. Niemand kann Vergebung erzwingen oder einfordern. Sie wird immer frei geschenkt, sie hat mit Gnade zu tun, mit freigebendem Entgegenkommen, eben mit der Art Gottes. 

Vielleicht führt nichts so tief in die Herzmitte des christlichen Glaubens hinein wie dies: Vergebung ist stets abrufbar, denn Gott ist nichts als liebendes Entgegenkommen.

Die Vaterunser-Bitte geht nicht ins Leere. Es ist ja Jesus selbst, der so zu bitten lehrt. Sein Wirken ist der beste Beweis für Gottes vergebende Nähe.

„Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“

(Lk 23,34)

In diesem Gottvertrauen lebt und stirbt Jesus. Im Vater-Unser haben wir sein Vermächtnis.  Sollten wir eine Summe des Christlichen wagen, sollten wir eine Empfehlung für das gelingende Leben formulieren, so hieße sie:

„Vergib uns, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern.“


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Dieser Beitrag wurde am 08.10.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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