Wort zum Tage, 12.03.2015

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Wurzeln

Im letzten Sommer habe ich in unserem Garten einen Zweig eingepflanzt, ihn festgebunden und jeden Tag gegossen. Ein Holunderbusch sollte aus ihm werden, das zumindest war meine Hoffnung. Inzwischen ist klar geworden, dass mein kleines Experiment wohl gescheitert ist. Es scheint jedenfalls, dass der Holunderzweig doch keine Wurzeln schlagen konnte, und ohne Wurzeln kann nun mal nichts wachsen. In einem übertragenen Sinn gilt das natürlich auch für Menschen. Auch ich brauche ja Wurzeln, die mich festhalten, die mir das Gefühl geben, einen festen Stand zu haben. Damit ich nicht gleich umkippe, wenn es im Leben mal stürmischer zugeht. Wurzeln aber auch, aus denen ich genug Kraft zum Leben ziehen kann. Menschen in meinem Umfeld zum Beispiel, die es gut mit mir meinen, mir nahe sind, mir ein Gefühl von Heimat geben.

Rund 500 Menschen werden allein in diesem Jahr neu in meine Stadt kommen. Die meisten von ihnen sind geflohen, weil ihnen die Heimat unerträglich geworden ist. Weil sie wegen Terror, Krieg oder Not keine Perspektive mehr für ihr Leben sehen. Nicht wenige von ihnen werden verstört und traumatisiert sein. Darunter viele Kinder. Manche von ihnen haben Dinge gesehen, die man sich auch als Erwachsener gar nicht vorstellen möchte. Die ersten Flüchtlinge sind bereits da. Wie sich das anfühlen muss, plötzlich Fremder zu sein, weit weg von Familie, Freunden und Kultur, das erlebe ich manchmal in meiner Arbeit als Hochschulseelsorger. An jungen Menschen allerdings, die freiwillig hier sind. Studierende aus Afrika oder Asien zumeist, die vor kurzem erst in Deutschland angekommen sind. Einen wesentlichen Teil der eigenen Wurzeln haben auch sie jedoch in der Ferne zurückgelassen. Und dann stehen sie plötzlich vor mir, mit brüchigen Deutschkenntnissen, einem Berg von Fragen und vielen Unsicherheiten. Eines fehlt ihnen halt noch bei uns: ein sicherer Stand im neuen Leben. Doch an diesen Studierenden erlebe ich auch immer wieder, wie es gelingen kann. Wenn sie unsere Sprache lernen, sich allmählich immer besser verständigen können. Wenn sie hier neue Kontakte knüpfen, und nicht nur zu eigenen Landsleuten. Wenn sie Freunde finden, auch unter den deutschen Mitstudierenden. Kurz: wenn sie es schaffen, Wurzeln zu schlagen in der neuen Heimat. Wenn ich so etwa miterleben darf, fasziniert mich das immer wieder.

Damit das auch bei den Neuankömmlingen aus Kriegs- und Krisengebieten gelingen kann, sind wir jetzt gefragt. Als Mitbürger und Nachbarn und bald vielleicht auch als Arbeitskollegen. Ohne Wurzeln kann einfach nichts wachsen. Und Früchte bringen schon gar nicht.


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Dieser Beitrag wurde am 12.03.2015 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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