Morgenandacht, 09.10.2021

von Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Abba, führe uns nicht in Versuchung

Voll ist der Alltag mit Erfahrungen, wo es mit der Liebe nicht reicht und die schönste Beziehung zu Ende geht. Immer ist es eine schmerzliche Angelegenheit, derart an Grenzen zu stoßen.

Wunderbar die Anfangszeiten der großen Liebe, wie viele Hoffnungen und Pläne. Und wie wenig selbstverständlich, dass sie gelingen. Und wie bitter erst, wenn sie scheitern und die Liebeskraft verbraucht ist. Wenn gar Misstrauen oder Verrat alles zerstören.

Etwas Vergleichbares gibt es auch im Glauben an Gott.  Auch er ist eine Art Liebesgeschichte. Warum denn sonst fühlt man sich von Jesus berührt und angesprochen? Oder entscheidet sich gar lebenslang für die Bindung an seine Lebensart?

Aber schon im Neuen Testament wird diesem Jesus, der da den Ehrentitel „Menschensohn“ trägt, die bange Frage in den Mund gelegt:

„Wird der Menschensohn, wenn er wiederkommt, noch Glauben auf der Erde finden?“

(Lk 18,8)

Begründet ist schon damals die Angst, dass es mit dem Christusglauben doch nicht weit her ist und man gut und gerne drauf verzichten kann. Berührend ist die Frage, als stünde Jesus zuletzt womöglich allein da und sein ganzes Beziehungsprojekt sei gescheitert.

In Judas, dem Verräter Jesu, und in Petrus, der ihn dreimal verleugnet, hat dieser Treueverlust personale Gestalt gefunden. Sie waren enttäuscht und wollten ihre Haut retten auf Kosten anderer.

Und seitdem steht das Thema im Raum: Werden wir in der Beziehung zu Gott treu sein? Werden Gottes- und Nächstenliebe bis zuletzt tragender Grund und Summe des Lebens sein? Hat das tägliche Beten überhaupt Sinn, die Beziehungspflege auch im Religiösen? Wie viele Glaubens- und Gebetsgeschichten versickern oder verenden, kaum dass sie begonnen haben. Eben wie Liebesgeschichten.

Zu groß sind die Mächte des Misstrauens, zu klein oft der Glaube, und niemand kann für sich garantieren. Höchst realistisch ist deshalb die Bitte im Vaterunser:

„Abba, Vater, führe uns nicht in Versuchung.“

In die Versuchung nämlich, den Glauben an das Gute zu verlieren und an der Liebe zu verzweifeln. Gerade weil Gott als Abba angesprochen werden will, nichts als fördernde und schenkende Liebe, möge er doch davor bewahren, dass wir ins Unglück stürzen.

Die Bitte, die Jesus seinen Leuten empfiehlt, lebt ganz vom Vertrauen, dass Gott letztlich alles in der Hand hat. Weil er eben kein Quälgeist ist und kein Sadist, führt er nicht ins Unglück, ganz im Gegenteil: Er ist die erste Adresse zum Glücken und Gelingen.

„Erlöse uns von dem Bösen.“

So geht die Bitte bei Matthäus weiter. Wörtlicher übersetzt:

„Reiße uns hinweg vom Bösen.“

Es ist also die Bitte, das Experiment des Lebens zu bestehen, das Wagnis der Liebe, allen Widerständen und Widersprüchen zum Trotz, stets die Gefahr des Scheiterns im Blick.

Klar ausgeschlossen dabei ist jede Vorstellung, dass Gott selbst aktiv in Versuchung führt und sozusagen in die Falle lockt. Schon im Neuen Testament steht:

„Keiner soll sagen, ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht vom Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung.“

(Jak 1,13f)

Nein, er steht ganz auf der Seite des Gelingens. Nicht nur diese Bitte, das ganze Vaterunser ist ein einziger Notschrei voller Vertrauen.

Es scheint, als müsste man sofort wieder von neuem um das Kommen des Reiches Gottes bitten. So groß ist die Gefahr zu ermüden, so gefährdet sind Glaube und Liebe. 

Das ist typisch für Jesus selbst bis zuletzt: Er ist versucht worden wie wir, aber er hat durchgehalten im Vertrauen auf Gottes Liebe, und er ist nicht enttäuscht worden.

Selbst in den dunkelsten Augenblicken seines Lebens, noch in Gethsemane, bleibt Jesus fest verbunden mit Gott und voller Vertrauen auf seine Hilfe. Deshalb ist das Vaterunser, dieses geistliche Testament Jesu, eine ständige Einladung, es ihm nachzumachen.

„Führe uns nicht in Versuchung, bitter zu werden und den Glauben zu verlieren. Und führe uns in der Versuchung, dass wir nicht scheitern.“  


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Dieser Beitrag wurde am 09.10.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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