Morgenandacht, 06.10.2021

von Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Abba, dein Wille geschehe

Im Tagebuch meiner Mutter steht just in Jahr meiner Geburt 1938 das Zitat:

„Der Wille eines Kindes muß bis zum dritten Lebensjahr gebrochen werden.“

Das galt damals leider als fortschrittlich. Kinder hatten nichts zu sagen und wenn wir als Kleinkinder weinten oder schrien, wurden wir ins Schlafzimmer der Oma geschoben, und die war schwerhörig.

Gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Aber über Generationen hin hat sich dieses autoritäre Denken und Handeln abgelagert, in schwierigen Zeiten erwacht weiterhin der Ruf nach dem starken Mann oder auch der Frau, die führend sagen, wo es lang geht.

Und das tiefsitzende Vermögen und Bedürfnis, sich zu unterwerfen, wird neu bedient. Statt aufrechtem Gang zu praktizieren, tritt man wie beim Fahrradfahren nach unten, katzbuckelt oder läuft komplizenhaft mit.

So habe ich immer noch meine Schwierigkeiten mit der Vaterunser-Bitte:

„Vater, dein Wille geschehe.“

Zu tief sitzt der Verdacht, auch da könnte eine Vorgesetztengestalt ihren Willen durchdrücken, sozusagen auf Teufel komm raus und auf meine Kosten. Als wäre auch das Geheimnis, das wir Gott nennen, nichts als eine Unterdrückungsmacht, die Gehorsam belohnt und Eigenwillen bestraft.

Ohne Übertreibung wird man sagen müssen, dass das bisherige Christentum bis heute solche Machtverhältnisse nutzt, um das Verhältnis zu Gott zu beschreiben. Was ist nicht alles im Namen Gottes und seines Willens schon für Unsinn und Unheil angerichtet worden.

Unausrottbar scheint die Vorstellung, dass der letzte Grund aller Wirklichkeit, eben Gott, doch auch diktatorisch Unterwerfung fordere. Immer ist vom „Herrn“ oder früher vom „Herrgott“ die Rede, der bei Androhung von Strafe Gehorsam fordert.

Vor Gott und in Wahrheit sei der Mensch ein Diener nicht nur, sondern ein Knecht und ein Sklave. „Dein Wille geschehe“ – so gesehen: Nein danke.

Dabei wird leider etwas Entscheidendes vergessen: angesprochen ist im Vaterunser nämlich eindeutig eine wohltuende und wohlwollende Adresse. Jesus sagt im Original „Abba“, übersetzt heißt das „Papa“ oder „Väterchen“.

Dieses vertrauensvolle „Abba“ meint dann zugleich Vater und Mutter, Freund und Freundin, als den Inbegriff dessen, was schöpferische Liebe ist. Dieser Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gut und Böse, wie es in der Bergpredigt heißt. Er ist die Großzügigkeit in Person.

Denn alles was ist, wäre ja nicht ohne Gott. Natürlich hat Gott Autorität und verdient Respekt, aber autoritär ist er gerade nicht, denn er schafft Welt und Mensch sich zum Partner.

„Er will uns als Mitliebende“,

sagte der Franziskaner Duns Scotus. Und die Philosophin Simone Weil hielt fest:

„Gottes Gebote haben die Gestalt von Bitten.“

Gottes Wille ist gerade nicht Willkür und Durchsetzungswut, sondern werbende Liebe und schöpferische Beziehungskraft. Im ältesten Dokument der Christenheit, dem ersten Brief des Apostel Paulus nach Saloniki, steht der Grundsatz:

„Gottes Wille ist eure Heiligung“

(1 Thess 4,3)

d.h. Gelingen und Glück für alle. Liebende bringen es auf den Punkt:

„Ich will dich - nicht etwas von dir. Ich erzwinge es nicht, ich bitte darum und ich danke dir, dass du Du bist. So bist du mein Schatz“.

Eigentlich müssten wir beten:

„Abba, dein Wohlwollen geschehe.“

Endlich soll überall klarwerden, was du willst: die Bewahrung und Würdigung deiner Schöpfung und ihre Vollendung. Lass mich dein Wohlwollen spüren, dann lebe ich auf und werde wahr. Entsprechend rät Ignatius von Loyola, der große Glaubensbegleiter, zu diesem Gebet:

„Herr, zeige mir, was ich will.“

Dieser Gott will uns nicht seinen Willen aufdrücken; im Gegenteil: Er bittet darum, dass wir ihm glauben und uns seine Sache zu eigen machen. Er bittet, dass wir einwilligen und seiner Güte trauen:

„Dein Wohlwollen geschehe.“


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 06.10.2021 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche